In den Blick genommen

Ishbel Szatrawska: Die Tiefe

Berlin: Voland & Quist, 2025

Als 2019 die Origi­nal­ausgabe des Buches In den Häusern der anderen von Karolina Kuszyk erschien, lösten ihre ausge­wo­genen, umfang­reichen Recherchen zu den »Spuren deutscher Vergan­genheit in Westpolen« in ihrer Heimat zunächst Irrita­tionen und heftige Diskus­sionen aus. Offen­kundig aber gelang es ihnen, einen deutlich verän­derten Blick auf die vielschich­tigen Verwer­fungen freizu­geben, die durch Flucht, Vertreibung und Umsied­lungen als Folgen des Zweiten Weltkrieges entstanden und tiefe, bis heute sichtbare Spuren hinter­lassen haben. Karolina Kuszyks Studien bilden, ebenso wie beispiels­weise der 1990 in Allen­stein gegründete Verein Borussia, der den deutsch-polnischen Dialog schon sehr früh gefördert hat, den Horizont, vor dem auch Ishbel Szatrawska, eine 1981 in Allen­stein geborene Verfas­serin mehrerer Theater­stücke, ihren jetzt auf Deutsch vorlie­genden Debüt­roman Die Tiefe verfasst hat.

Ein einzelnes Haus von solider masuri­scher Bauart, etwa zehn Kilometer südöstlich von Rastenburg gelegen und einen gut dreißig­mi­nü­tigen Fußweg von Eichmedien entfernt, gestaltet die Autorin als Kristal­li­sa­ti­ons­punkt ihrer episch breit entwor­fenen und dicht gespon­nenen Erzählung. Durch die Zeitläufte gezeichnete, bewegende Lebens­ge­schichten und manche Geheim­nisse ranken sich um dieses Gebäude, das einsam auf einem Moränen­hügel errichtet worden war, 

von dem ein steiler Hang zum Fluss [die Gruber] abfiel, und dahinter, auf der anderen Uferseite, lag der düstere preußische Urwald, ein Meer aus dicht­ge­drängten Fichten, Kiefern und Lärchen. Sie bildeten eine eigen­tüm­liche Mauer, ihre empor­stre­benden Baumkronen glichen einem Zug gotischer Türme.

An diesem abgeschie­denen Ort sind im Jahre 2021 die beiden Protago­nisten der Rahmen­handlung, Vater und Tochter, zur Klärung einer heiklen Famili­en­an­ge­le­genheit verab­redet. Bereits zehn Jahre zuvor ist die Bewoh­nerin des Hauses, Wolfs Mutter Janka, verstorben, und der 75-jährige Sohn verfolgt den Plan, das Anwesen auch gegen den entschie­denen Willen seiner Tochter Alicja zu veräußern, die den Erinne­rungsort an ihre Großmutter nicht verlieren will. Die Anreise, die von gereizten Telefo­naten zwischen den beiden begleitet wird, erfolgt sinnbildlich aus entge­gen­ge­setzten Richtungen: Der Vater, seit Jahrzehnten in Schottland behei­matet, landet am Flughafen in Danzig, während sich die Tochter in Krakau genervt auf den Zug setzt. 

Sie lebt dort in einer kompli­zierten Beziehung und sieht sich zugleich an der Univer­sität von der PiS gesteu­erten Angriffen auf ihre Forschungen über sexua­li­sierte Gewalt­ex­zesse gegen Frauen im Zweiten Weltkrieg ausge­setzt. Begriffe wie »Flücht­lings­frauen«, »Repatri­an­tinnen«, »Umsied­le­rinnen« und »Autochthone« lösen heftige Debatten aus; und ihre These über die ehema­ligen deutschen Gebiete als der ethnisch vielf ältigsten Region Polens, die von den Kommu­nisten doch noch als »wieder­ge­wonnene« polnische Gebiete beansprucht worden waren, bedrohen ebenso ihre akade­mische Karriere wie die Vorwürfe fehlender »antirus­si­scher Akzente« oder ihre scharfe Kritik an der Geschichts­for­schung, in der sich niemand für verge­wal­tigte deutsche Frauen inter­es­siere. An diesen Punkten zeigen sich deutliche Paral­lelen zwischen der Roman­figur und der Autorin, die in einem Interview bekannt hat: »Ich erlaube mir, um die deutschen Opfer des Zweiten Weltkriegs zu trauern.«

Sukzessive und feinfühlig entfaltet Ishbel Szatrawska im Verlauf des Romans, wie eng – und über emotionale Beweg­gründe weit hinaus – das Haus in Masuren mit dem wissen­schaft­lichen Projekt Alicjas verknüpft ist, es gleichsam als Keimzelle ihres Denkens und Forschens gedient haben könnte: Als beispielhaft gelten Alicja jene Erfah­rungen der Großmutter, die sie für ein langes Leben prägen würden, nachdem sie als Siebzehn­jährige mit ihren Eltern die litauische Heimat verlassen hatte und sich mit verbis­sener Willens­kraft, unerschrocken, kämpfe­risch und führungs­stark, durch die masuri­schen Wälder schlug – wo sie letztlich in der Schock­starre noch kindlicher Ahnungs­lo­sigkeit sogar schändlich missbraucht wurde. Als Janka nach langem Umher­irren endlich ein verlas­senes Gebäude entdeckt, schwört sie, dass niemand sie aus diesem Haus vertreiben würde. Noch ahnt sie nicht, dass alsbald ein beinam­pu­tierter deutscher Kriegs­ve­teran als Freund des geflüch­teten ehema­ligen Besitzers unmiss­ver­ständlich sein Wohnrecht einfordern wird – und daraufhin eine unheil­volle Allianz geschlossen werden muss.

Wesentlich gelas­sener als Alicja tritt Wolf seine Fahrt im gemie­teten Auto an, wählt eine Route, die ihn an vertrauten Orten vorbei­führt; dabei lässt er seine Gedanken schweifen: zu seinen Jugend­freunden, zu seiner ersten Liebe; zur Ordens­kirche in ­Rasten­burg, deren Wehrmauern gleicher­maßen einschüch­ternd wie faszi­nierend gewesen seien.

In dem Moment jedoch, in dem sein Blick – bei einem Halt an einem Kiosk nahe Elbing – beiläufig auf ein Paar Schlitt­schuhe f ällt, ringt er kurzfristig um Fassung. Panik­artige Erinne­rungen steigen auf an jenen Tag, an dem er als Sechs­jäh­riger vor den Augen seiner Mutter am zugefro­renen Deyguhn-See in einem der Eislöcher zu versinken drohte, die die Bauern zum Fischen geschlagen hatten. Janka wird daraufhin ihrem Sohn das Schlitt­schuh­laufen verbieten; es ist weniger die Sorge um ihn als das Erschaudern eingedenk eines unauf­ge­klärten Verbre­chens, das wenige Jahre zuvor an diesem Ort geschah. Ungewiss bleibt, ob Wolf jemals davon erfahren hat; der Leser hingegen erkennt im Laufe des Romans die drama­tische Dimension: wäre der kleine Junge in diesem See verun­glückt, hätte seine Leiche neben der des Großvaters geborgen werde können.

Mitten im Erzähl­verlauf vollzieht Ishbel Szatrawska einen überra­schenden Schnitt und lenkt den Blick der Leser unver­mittelt zu einem kontras­tie­renden Schau­platz: zur Provinz­haupt­stadt Königsberg, die kurz vor der Kapitu­lation steht. Während viele Menschen fliehen, so auch Gudrun, das Mädchen aus einer wohlha­benden mecklen­bur­gi­schen Familie, fühlt sich ihr Verlobter Max dem Äskulap-Eid verpflichtet und wird aufop­fe­rungsvoll unter dem Dröhnen der Geschosse seine Arbeit am Krankenhaus fortführen – an der Seite eines erfah­renen chirur­gi­schen Kollegen, Hans von Lehndorffs. Dieser histo­ri­schen Figur aus einem bedeu­tenden ostpreu­ßi­schen Adels­ge­schlecht widmet die Autorin in einer nuancen­reichen Charak­ter­studie hohe Aufmerk­samkeit, und es liegt nahe, dass sie während ihrer inten­siven Nachfor­schungen auch Lehndorffs Schriften studiert hat. Die beiden Ärzte bilden eine Schick­sals­ge­mein­schaft angesichts des unermess­lichen Leides auf den Kranken­sta­tionen und der grenzen­losen Zerstörung ringsum in der Stadt.

Spätestens als sich Max entschließen muss, aus Königsberg zu fliehen, erkennt der Leser die Brücke, die zurück an die Gruber führt. Max, auf der Suche nach seinem Vater, vermutet ihn zu Recht im Haus seines Freundes. Janka – aufge­rieben zwischen der Pflege ihrer Eltern, dem anmaßend herri­schen Wesen des Deutschen und der beschwer­lichen Haushalts­führung – und Max, der von Kind an unter seinem Vater gelitten hat, finden Trost beiein­ander. Die Situation eskaliert, als Janka schwanger wird und die Russen Max vor ihren Augen depor­tieren – in blind­wü­tiger Verzweiflung und voller Hass wird Janka einen Mord begehen. Dorfbe­wohner werden die Leiche von Max’ Vater heimlich im Deyguhner See versenken.

Dieser Strang der Erzählung ist in ein diffe­ren­ziertes Geflecht von Handlungs­ele­menten und Vorgängen einge­bettet, die allesamt die Multi­kul­tu­ra­lität der Masuren veran­schau­lichen. So begegnet Jankas Sohn Wolf, der unter der strengen Obhut seiner Mutter im Haus an der Gruber aufwächst, täglich Menschen unter­schied­licher ethni­scher Herkunft und Religion; und es entbehrt nicht einer gewissen Komik, wie Wolf, der nichts von seinem deutschen Vater wissen darf, mit seinem Freund, einem Zentral­polen, über ihre Heimat voller vermeint­licher sprach­licher Wider­sprüche und Merkwür­dig­keiten – insbe­sondere bei den Haus- und Ortsnamen – berat­schlagt. Darüber hinaus zeigt die Autorin auf mannig­fache Weise, dass die Schicksale der Menschen und die morali­schen Motive ihres Handelns nicht von der Natio­na­lität abhängen und alle zivilen Opfer gleicher­maßen bekla­genswert sind. 


Ishbel Szatrawska lässt Alicja vom Haus ihrer Großmutter Abschied nehmen und gibt ihr von dort die »Seele des Hauses« mit auf den Weg: die uralte, stets ratternde Singer-Nähmaschine, das Symbol der Flucht aus Litauen sowie des Überle­bens­willen einer jungen Frau, die sich als Schnei­derin angedient und unermüdlich für den Unterhalt ihrer Familie gekämpft hat, so dass es schien, als wolle sie »die ganze Welt zusam­men­nähen«. Mit diesem versöhn­lichen Bild schließt die Rahmen­handlung eine bewun­derns­werte komplexe Schil­derung histo­ri­scher Verwick­lungen ab, die in ihrer vorder­grün­digen Wider­sprüch­lichkeit auf heilsame Weise Brüche im bishe­rigen Diskurs über die Geschichte sichtbar macht.

Ursula Enke