In den Blick genommen

Tom Saller: Und Hedi springt

Berlin: List, 2025

Türnow in Hinter­pommern, Januar 1945: Hedwig und ihre Mutter Martha verlassen angesichts des Vorrü­ckens der Roten Armee die beschau­liche Provinz­stadt, nutzen die letzten Möglich­keiten, in den Westen zu fliehen. Während Martha ein Platz auf der Wilhelm Gustloff zugewiesen wird und sie dann in der eisigen Ostsee den Tod findet, gelangt Tochter Hedi mit der Potsdam nach Dänemark. Im Lager Oksbøl, allein, verzweifelt und ohne Perspektive unter dreißig­tausend Anderen, begegnet Hedi, »die Unberührte, die Unbefleckte, die lange Zeit nur in ihren Träumen Geküsste«, Hans, einem gestran­deten Natio­nal­so­zia­listen. Von Liebe kann keine Rede sein, Fragen wagt Hedi nicht zu stellen.

Vielleicht hat es mit dem Tod zu tun, dem allge­gen­wär­tigen der zurück­lie­genden Jahre. Und mit dem Überleben. So seltsam, so zuf ällig. Ein fragwür­diges Geschenk.

Nach zwei langen Jahren in Oksbøl kommt Hedi auf Vermittlung des Inter­na­tio­nalen Roten Kreuzes ins rheinische Wipper­fürth, wo eine entfernte Verwandte ihres Vaters lebt. Unver­sehens findet Hedi sich erneut in einem Lager wieder, ist eine Fremde im eigenen Land, »ein Nichts, ein Niemand. Nicht einmal ihr Status ist gesichert. Flüchtling oder Vertriebene?« Die Verwandte will nichts mit ihr zu tun haben, doch ein Zufall beschert Hedi eine Arbeits­stelle, denn auf der Suche nach dem Rathaus der unbekannten Stadt lernt sie Alfons Müller kennen.

Müller kommt ursprünglich aus Mönchen­gladbach, sein Vater besaß eine Hosen­fabrik, der Junior hatte mit neunhundert Mark sein eigenes Unter­nehmen gegründet – und von Beginn an von den Natio­nal­so­zia­listen und deren Bedarf an Uniformen profi­tiert. Weil er nicht in die Partei eintritt und sich dem Dienst in der Wehrmacht verweigert, gerät Müller ins Visier der Gestapo, entkommt, taucht unter. Nach dem Krieg nun geneh­migen die briti­schen Besatzer ihm, eine neue Fabrik aufzu­machen, in Wipper­fürth. »Modische Extra­vaganz gehört nicht zu seiner Firmen­phi­lo­sophie, Effizienz hingegen schon.« Die immer gleichen Abläufe beim Nähen erlernt Hedi rasch, doch die Akkord­arbeit in der lauten Halle setzt ihr zu, ebenso der endlos lange Weg vom Durch­gangs­lager zur Fabrik; denn Hedi ist schwanger, und mit dem Fortschreiten der Schwan­ger­schaft verstärkt sich eine Überemp­find­lichkeit, die sie schon seit der Kindheit begleitet. Wieder ist es ein Zufall, der Hedi eine neue Perspektive verschafft: Sie wechselt aus der Näherei in das Vorzimmer Müllers, als Assis­tentin der Geschäfts­leitung, und bekommt sogar eine Unter­kunft im Büroge­bäude gestellt.

Müllers Credo heißt »Zeit ist Geld«, seine Ziele sind Einsparung, Ratio­na­li­sierung. Genau zwei Anzug­mo­delle hat er im Angebot, ­einen Einreiher und einen Zweireiher, gute Qualität zu guten Preisen.

Müllers Anzüge sind nicht nur unter finan­zi­ellen Gesichts­punkten günstig. Sie bieten darüber hinaus einen weiteren unschlag­baren Vorteil. Durch ihren Einheits­schnitt bilden sie die neue Uniform des deutschen Mannes. Geschmack­liche Mittel­mä­ßigkeit wird zum Programm. Tatsächlich machen Müllers Kleidungs­stücke gleich und gleicher, erlauben es, in der Masse unter­zu­tauchen, ohne aufzu­fallen. Ein nicht zu unter­schät­zender Vorzug in Zeiten des Neuanfangs.

Alfons Müller-Wipperfürth, wie er sich bald nennt, ein Workaholic, wird zum größten Arbeit­geber vor Ort, mit der Währungs­reform 1948 beginnt der Aufstieg. 30.000 Anzüge kann Müller zu absoluten Kampf­preisen anbieten, ein Stück Wirtschafts­ge­schichte in der rheini­schen Provinz. Das Flücht­lings­mädchen Hedi hat sich zu einer zuver­läs­sigen, ja unent­behr­lichen Hilfe im Büro des Textil­moguls entwi­ckelt, was der Chef so sehr zu schätzen weiß, dass er für sie und ihren Sohn Siegfried, Sigi, in der Nähe der Fabrik ein Haus erwirbt und der kleinen Familie zur Verfügung stellt. In der Stadt, in der es beinahe mehr Fremde als Einhei­mische gibt (Müller stellt bevorzugt Flücht­linge und Vertriebene ein, die arbeits­willig, fleißig und konflikt­scheu sind, und die Nachnamen fast aller Mitar­bei­te­rinnen enden auf ‑owski, ‑czak oder ‑iske), entstehen Heimat­gruppen der Schlesier, Ost- und Westpreußen. Hedi aller­dings fühlt sich nicht wohl unter denen, die sich in die Vergan­genheit zurück­sehnen, und so bleibt es bei einem einzigen Besuch einer Veran­staltung der Pommern.

Während Hedi Alfons Müller im Tages­ge­schäft den Rücken freihält, errichtet der neue Fabrik­an­lagen, entwi­ckelt erfolg­reiche Vertriebs­stra­tegien abseits des Einzel­handels, in vielen westdeut­schen Großstädten entstehen eigene Müller-Wipperfürth-­Geschäfte in Toplagen. Müller erweitert sein Sortiment, bleibt aber bei preis­be­wussten Angeboten für die breite Bevöl­kerung, wird zu einem der ersten Nachkriegs­mil­lionäre in Deutschland. Hedi dagegen sieht sich als allein­er­zie­hende Mutter unter Beobachtung des Jugend­amtes – und einer noch immer sehr konser­va­tiven Öffentlichkeit.

Die Flughöhe steigt. Und damit die Fallhöhe – denn Verbote und Regeln existieren nicht in Müllers Welt, Gewinn­ma­xi­mierung bedeutet ihm alles. Er erwirbt ein Anwesen am Luganer See, verlegt seinen Wohnsitz in die Schweiz, ersinnt Steuer­spar­mo­delle, fordert die Finanz­be­hörden heraus. Während ihm Inven­tur­dif­fe­renzen, Manipu­la­tionen mit Waren­re­touren und letztlich Steuer­hin­ter­ziehung im großen Stil nachge­wiesen werden können, erleben Hedi und ihr Sohn andere unange­nehme Überra­schungen. Völlig unerwartet taucht Hans, Sigis Vater, in Wipper­fürth auf. Hedi, die das kurze Abenteuer in Oksbøl längst verdrängt hat, weiß nicht, wie sie reagieren soll, zumal Hans sich weigert zu erzählen, was er in den zurück­lie­genden Jahren gemacht hat, und Sigi lehnt den unbekannten Vater von Beginn an ab. Doch als das Jugendamt mit Amtsvor­mund­schaft und Heim droht, weil Sigi die Schule nicht mehr besucht und auch in anderer Weise auff ällt, gibt Hedi dem Druck nach und sorgt mit der Heirat für »geordnete Verhält­nisse«. Hans’ Motivation ist schlichter, er will sesshaft werden, ein Dach über dem Kopf haben und teilhaben an der bundes­re­pu­bli­ka­ni­schen Wohlstands- und Wohlfühl­ge­sell­schaft. Von Liebe ist wieder keine Rede, vielmehr begleiten den früheren SS-Mann Hans Misstrauen und Eifer­sucht, und er sucht Gelegen­heiten, diese negativen Empfin­dungen auszu­leben. Schließlich kommt es zu einer drama­ti­schen Eskalation.

Wir sind Flücht­linge, wir alle. Flücht­linge, die für immer auf der Flucht bleiben und niemals ankommen werden.

Der Psycho­the­rapeut und Schrift­steller Thomas Saller, der 2018 mit dem autofik­tio­nalen Porträt seiner Urgroß­mutter und ihren Lehrjahren im Bauhaus Wenn Martha tanzt eine erste Spuren­suche vorgelegt hat, nimmt mit Und Hedi springt – dem zweiten Band der von ihm projek­tierten Wetzlaff-Trilogie – den Lebensweg seiner Großmutter in den Blick. Zugleich ist es der Versuch, dem eigenen Vater und der eigenen Famili­en­ge­schichte nachzu­spüren und diese zu verstehen. »Zu Lebzeiten meines Vaters hätte ich dieses Buch nicht schreiben können. Nach seinem Tod aber musste ich es«, erläutert Saller. Wieder korre­spon­diert eine reduzierte Sprache mit kurzen Haupt­sätzen, Ellipsen und einge­streuter innerer Rede mit häufig nur angedeu­teten Inhalten, knapper Fakten­dar­stellung und Zeitsprüngen, wodurch die innere Verlo­renheit der Protago­nisten ausge­drückt und nachvoll­ziehbar gemacht wird. Es ist eine behutsame Annäherung, keine Aneignung, Fragen bleiben, Leerstellen, Unsicher­heiten. Wie Joachim Buchsteiner (Wir Ostpreußen) und Dagmar Leupold (Mutter­male) setzt sich in Und Hedi springt ein Nachfahre mit den trauma­ti­schen Erfah­rungen derer, die ihre Heimat verlassen und einen Neuanfang bewäl­tigen mussten, ausein­ander, sein Blick­winkel ist zugleich ein sehr persön­licher und ein bundes­re­pu­bli­ka­ni­scher, dank der unmit­tel­baren Nähe seiner Großmutter zu einem der Pioniere der Wirtschaftswunderjahre.

Vom List-Verlag, der den Autor mit einem sorgf ältigen Lekto­rat unter­stützt hat, ist das Buch nicht nur mit dem metapho­ri­schen Titel versehen worden, sondern man hat sich zudem leider für ein gänzlich unpas­sendes Motiv für den Schutz­um­schlag entschieden, das weder die Flucht- und Aufstiegs­ge­schichte der Protago­nistin Hedi noch die Familie Saller zu assozi­ieren erlaubt. Dieser irrefüh­rende Eindruck der Umschlag­ab­bildung ist besonders bedau­erlich angesichts eines so lohnenden Romans und seiner sensiblen inhalt­lichen und sprach­lichen Ausge­staltung. Hedi springt – eine Entscheidung für ein neues Leben, geprägt von der Last der Vergan­genheit, doch auch von Mut und der Hoffnung, dass sich ein Weg für sie finden wird. Mit diesem Weg, den der Enkel beschreibt, steht Hedwig Wetzlaff beispielhaft für alle, die nach dem Grauen von Krieg und Vertreibung neu beginnen mussten und diesen Neubeginn, jeweils auf ihre ganz indivi­duelle Weise, bewältigt haben.

Annegret Schröder