In den Blick genommen

Peggy Patzschke: Bis ans Meer

Berlin: Rütten & Loening, 2025

Irgendwann einmal, so geloben sich vor etwa hundert Jahren die Großeltern der Ich-Erzählerin in Peggy Patzschkes autofik­tio­nalem Roman, würden sie aus dem fernen Schlesien »bis ans Meer«, ihrem Sehnsuchtsort, reisen. Dieses immer wieder bekräf­tigte Versprechen der Liebenden, das auch den Titel des vorlie­genden Buches bildet, entwi­ckelt sich jedoch – ebenso wie der innige Treue­schwur von Frieda und Karl, »für immer« fürein­ander bestimmt zu sein – im Laufe der breit angelegten Famili­en­er­zählung zu einem tragi­schen Leitmotiv, denn die Zeitläufte und Schick­sals­schläge werden unerbittlich feste Gewiss­heiten ins Wanken bringen, Träume wie Vertrauen zerstören. 

Schon als Kind, erinnert sich die Ich-Erzählerin, habe sie bei ihrer Großmutter eine sonderbare Zerris­senheit gespürt; aktuell, da sie sich selbst in einer schweren Lebens­krise befindet, sucht sie nun Wege zur Heilung durch eine Ausein­an­der­setzung mit deren Biographie und der Geschichte ihrer Familie. Die eigene Mutter erweist sich dabei zwar als nicht hilfreich, doch eine Kiste mit alten Dokumenten und vor allem einem Brief, der wertvolle Botschaften Friedas an ihre Tochter beinhaltet, birgt einen Schlüssel zu weiter­rei­chenden Nachfor­schungen und Erkenntnissen.

Anschaulich und in flüssigem Stil sowie dem ständigen Wechsel der Zeitebenen folgend, erzählt die Autorin von prägenden Erleb­nissen ihrer Großmutter. Frieda, geboren 1906, wächst in Brieg als ein kesses, musika­lisch begabtes, von Schnee­flocken und Eislaufen beseeltes Mädchen auf und verliebt sich früh und bedin­gungslos in Karl, einen Akkor­de­on­spieler aus dem Orchester, in dem sie gemeinsam musizieren – erstaun­li­cher­weise scheint die Tatsache, dass sie 1929 ihr erstes Kind unehelich zur Welt bringt, kein Makel zu sein. Nichts scheint das Glück und die Unbeschwertheit des Paares erschüttern zu können. 

Dann aller­dings setzt der Januar 1944 eine drama­tische Zäsur im idylli­schen, stark ideali­siert darge­stellten Famili­en­leben, als zeitgleich der 16-jährige Sohn und sein Vater zum Kriegs­dienst einge­zogen werden und Frieda sich ein Jahr später allein mit der 12-jährigen Tochter Erika, der Mutter der Ich-Erzählerin, zu Verwandten ins Glatzer Schnee­ge­birge durch­schlagen muss, – immerzu die grauen­vollen Bilder aus den Flücht­lings­strömen vor Augen, wie jenes einer jungen Mutter, deren totes Baby aus einem überfüllten Zugwaggon heraus­ge­schleudert worden ist. 

Dann durch­schneidet ein Schrei die Stille, so hoch, so grell und so verzweifelt, wie Frieda es noch nie im Leben gehört hat. Als würde man die junge Mutter bei leben­digem Leib verbrennen. Anschließend hockt sie da, stumm, ihr Kind wiegend, das nicht mehr da ist, mit einem Gesichts­aus­druck, als hätte jemand sie erhört und ihr den Verstand geraubt, damit sie endlich nichts mehr spürt.

Als Frieda nach einer panischen Kurzschluss­re­aktion, wider alle Vernunft, noch im gleichen Sommer unter Strapazen und Gefahren mit ihren Kindern – der Sohn hatte inzwi­schen wieder zu ihr gefunden – in die alte Heimat zurück­kehrt, nicht zuletzt von der Hoffnung getrieben, dort Karl wieder­zu­treffen, entsetzen sie die Zerstörung der Häuser, die Enteignung und Schändung ihres Hab und Guts durch Russen wie Polen; sie fürchtet die Gewalt, den Hass, erleidet  Ernied­ri­gungen bis hin zu einer brutalen Verge­wal­tigung kurz vor der zweiten Vertreibung aus Brieg im Oktober 1946.


In Halle an der Saale gelingt es Frieda mühsam und entbeh­rungs­reich, für sich und die Kinder ein neues Leben zu beginnen. Ihren Fokus richtet sie jedoch vorrangig auf die Suche nach Karl, die über das DRK zwar erfolg­reich ist, dennoch wird sich ihre über alle Zweifel erhabene Hoffnung, dass die Liebenden wieder zusam­men­finden, nicht erfüllen.

In die alter­nie­rende Darstellung der verschie­denen Lebens­epi­soden ihrer Großmutter fügt die Ich-Erzählerin einzelne Kapitel ein, die ihrer Selbst­ver­ortung und ‑verge­wis­serung dienen, und erläutert aus heutiger Sicht – und dezidiert getragen von der fortwäh­renden Diskussion über trans­ge­ne­rative Traumata –, in welch hohem Maße sie sich mit Frieda verbunden und ihrer beider Leben auf tragische Weise mitein­ander verflochten fühlt. Ein geheim­nis­volles, trauriges Lächeln, etwas unerklärlich Dunkles und ein seltsames bedrü­ckendes Schweigen umgeben Frieda – nicht selten auch ihre Tochter Erika – und hat die Enkelin bereits als Kind oftmals verzweifelt fragen lassen: »Was kann ich tun, damit sie wieder glücklich ist? Soll ich herum­albern oder lieber tanzen und singen?« oder »Rücksicht nehmen, mich still verhalten«? Sie hörte zu, wenn über die verlorene Heimat geklagt, von Bomben, Schreien und Kälte erzählt wurde. Aber, so ist sich die junge Frau zunehmend sicher, darüber hinaus blieb etwas Wesent­liches unaus­ge­sprochen, es musste etwas zutiefst Verstö­rendes geschehen sein, das in ursäch­lichem Zusam­menhang steht mit ihrem eigenen Grund­gefühl der Angst – in Bezie­hungen, vor Entschei­dungen oder dem Versagen – sowie mit ihrem tiefen Misstrauen gegenüber dem Glück. 

Über Jahrzehnte blieb vor der Familie verborgen, welche grausamen Szenarien sich abspielten, als Frieda zu begreifen begann, dass Karl nicht aus dem siche­reren Hamburg zu ihr und den Kindern in die sowje­tische Besat­zungszone reisen würde und er sich – entgegen der doch über alle Zweifel erhabenen Treue­schwüre – einer anderen Frau zugewandt hatte. Frieda wird Karl niemals wieder­sehen. Ihre Seelen­qualen steigern sich ins Unerträg­liche, treiben sie in mehrere Selbst­mord­ver­suche; unter Wahnvor­stel­lungen greift sie ihre eigene Tochter an und wird schließlich für längere Zeit in eine psych­ia­trische Klinik eingewiesen. 

Am Ende ihrer aufwüh­lenden Recherchen will die Erzäh­lerin ein tröst­liches, versöhn­liches Zeichen setzten und f ährt gemeinsam mit Frieda und der eigenen Mutter zum ersten Male »bis ans Meer«.

Als versierte Journa­listin versteht es die Autorin Peggy Patzschke, mit diesem Debüt­roman über ihre persön­liche Erinne­rungs­arbeit, die – anders als beim Schreiben aus der Perspektive der Erleb­nis­ge­ne­ration heraus – verstärkt den eigenen Trauma­ti­sie­rungen nachgeht, die Generation der Kriegs­enkel auf lebendige und unter­haltsame Weise anzusprechen und bei ihr das Interesse für diese Thematik zu wecken – zumal sie durch ihre zahlreichen Auftritte in den sozialen Medien auch geschickt noch deren Publi­zität erhöht.

Ursula Enke