In den Blick genommen

Dagmar Leupold: Muttermale

Salzburg: Jung und Jung, 2025

Laß mich wenigstens durch die Einbil­dungs­kraft teil an deinem vergan­genen Leben nehmen! ­Erzähle mir alles, ich will dir alles erzählen. Wir wollen uns womöglich täuschen und jene für die Liebe verlornen Zeiten wieder zu gewinnen suchen.

Diese Sätze aus Goethes Wilhelm Meisters Lehrjahre stellt Dagmar Leupold ihrem Roman voran, in dem sie sich der verstor­benen Mutter anzunähern versucht – passender hätte kein anderes Motto sein können; denn es ist eine schmerz­hafte, lebenslang von Distanz geprägte Mutter-Tochter-Beziehung, deren Spuren die Erzäh­lerin in episo­den­haften Minia­turen folgt.

Das, was vom Leben der Mutter geblieben ist, Alltags­ge­gen­stände, Gewohn­heiten, Merksätze und Aussprüche, Fotografien, verknüpft Leupold zu einem Mosaik der Erinnerung, mit dem sie einer­seits ihre sehr persön­liche Geschichte darbietet und zugleich reprä­sen­tative Erfah­rungen mit den Eltern aus der Sicht der »Boomer« beschreibt. Während andere Autoren dieser Generation, wie beispiels­weise Jochen Buchsteiner in Wir Ostpreußen (vgl. WP 3 / 2025), die Famili­en­ge­schichte und den gesellschaftlich-politischen Hinter­grund einbe­ziehen, fokus­siert Leupold sich in Muttermale ausschließlich auf die Mutter. 

In Nach den Kriegen hatte die Schrift­stel­lerin 20 Jahre zuvor die litera­rische Ausein­an­der­setzung mit dem Vater gesucht, einer Vater­figur, der »Beschä­digung durch den Krieg geschah, deren Bestä­tigung durch den Krieg geschah«, wie es darin heißt. Rudolf Leupold war 1913 im oberschle­si­schen Bielitz in ärmlichen Verhält­nissen zur Welt gekommen, aufge­wachsen als Mitglied der deutschen Minderheit unter polni­scher Regierung, was zum Auslöser für alle – einge­bil­deten wie tatsäch­lichen – Benach­tei­li­gungen und Herab­set­zungen wurde. Die Zeit des Natio­nal­so­zia­lismus für eine Karriere nutzend, muss er sich nach dem Krieg der Erfahrung stellen, als Flüchtling ein Deutscher zweiter Klasse zu sein. Die Verbit­terung darüber lässt er die Töchter spüren, bestimmend, kontrol­lierend, streit­süchtig. Im Westen wird er nie heimisch, ein geradezu verzwei­felter Geltungs­drang, Aufstiegs­wille und lebens­lange Enttäu­schung lassen sich nicht zusam­men­bringen und fördern die Entfremdung innerhalb der Familie.


Anders als beim Vater, der die Erinnerung an die alte Heimat in vielf ältiger Weise pflegt (und doch die Tochter resümieren lässt: »Das Erzählte erstickt das Nicht­er­zählte.«), macht die Autorin bei ihrer Mutter subtilere Elemente als Zeichen der Verbindung an die Vergan­genheit aus: eine Bernstein­in­kluse, den »Wehlauer Heimat­brief«, ein Miegel-Gedicht. Die 1924 in Ostpreußen als Lehrers­tochter geborene Dorothea wird im Krieg Rot-Kreuz-Schwester, gelangt mit einem der letzten Flücht­lings­schiffe über die Ostsee nach Dänemark, ist dort im Inter­nie­rungs­lager Frede­ricia bis Ende 1947 als Kranken­schwester tätig. In Westdeutschland an einem zuf älligen Ort in der Pfalz gelandet, heiratet sie, bekommt drei Töchter, trägt später mit Nacht­schichten im Krankenhaus zum Famili­en­ein­kommen bei. Ihre Verar­bei­tungs­stra­tegien heißen Verschweigen und Verdrängen, die Erfah­rungen von Krieg, Flucht und Neuanfang verschließt sie in sich, kann sie auch mit ihrem Ehemann nicht teilen: »Jeder verein­zelte, jeder verharschte für sich«, wie erstarrt in emotio­naler Kälte, »keine gute Voraus­setzung für eine Befreundung mit der neuen Lebenswelt«. Und keine guten Voraus­set­zungen für eine harmo­nische Beziehung – in Muttermale ist von »dem Hausherrn«, »deinem Mann« die Rede, wenn Ehemann Rudolf denn überhaupt in den Blick gerät, sein Vorname wird im Buch nicht genannt.

Wer, wie du, während der gemein­samen Lebens­spanne die der nachfol­genden Genera­tionen voran­ge­gangene, deine eigene nämlich, ausschließt, indem er sie beschweigt, teilt auch die gemeinsam erlebte Lebenszeit nicht wirklich. 

Über die ostpreu­ßische Herkunfts­fa­milie von Dorothea erf ährt man in Dagmar Leupolds aktuellem Roman wenig, zwei ältere Brüder fallen, der jüngere wandert nach dem Krieg nach Südafrika aus. Vater und Mutter, die Großeltern der Autorin, bleiben Randfi­guren, obgleich deren preußisch-protestantische Prägung sich im Pflicht­be­wusstsein der Tochter, in ihren Vorstel­lungen von erzie­he­ri­scher Strenge und in Erwar­tungen an den Nachwuchs wieder­findet. Mit wenigen Ritualen wie Weihnachten, das man so, wie es vor dem Krieg begangen worden war, feiert, und indem vertraute Gerichte auf bewährte Weise und mit bestimmten Zutaten zubereitet werden, wird die Verbindung zur verlo­renen Heimat gepflegt; eine »Illusion von Nahtlo­sigkeit und Bestän­digkeit«, urteilt Dagmar Leupold. 


Nur in ihrer Arbeit mit Patienten erscheint der Autorin die Mutter empathisch, warmherzig und entspannt, während sie im Alltag der Familie kontrol­liert und kontrol­lierend, schweigsam und misstrauisch auftritt. Solches Verhalten inter­pre­tiert die Tochter auch als natio­nal­so­zia­lis­ti­sches Erbe; neben Selbst­be­herr­schung, Zuver­läs­sigkeit und Treue sind es scheinbare Neben­säch­lich­keiten wie Kleidungs­vor­schriften oder das Verbot, Nagellack und Schminke (die den Wehrmachts­schwestern untersagt waren) zu benutzen, die zu lebens­langen Begleitern werden und später das Verhältnis zur Tochter belasten.

Und auch ein erster großer Verlust, noch vor dem Heimat­verlust, prägt die junge Dorothea, denn bereits während des Krieges verlobt sie sich mit einem angehenden Arzt. Wann und wo er f ällt, bleibt ungeklärt; in der Zeit der Inter­nierung scheint es einen anderen Mann gegeben zu haben, der ihr etwas bedeutet, eine der wenigen Episoden, über die die Tochter im Nachhinein etwas erf ährt. Fragen nach den Sehnsüchten und Möglich­keiten, die die Mutter seinerzeit gehabt haben könnte, führen zu Überle­gungen, auch das eigene Schicksal hätte mit einem anderen Vater ein anderes sein können. Dass die Mutter sich für den Erstbesten, der verfügbar war, entschied – und »der Ring am Finger meldete, für alle sichtbar, den Erfolg« –, ordnet die Autorin histo­risch zutreffend dem Frauen­überhang nach dem Kriege zu, abfinden kann sie sich auch als fast Siebzig­jährige mit dieser Entscheidung nicht.

Wenn wir beide, du und ich, Magnete waren, dann solche, die sich stets mit der absto­ßenden Seite einander näherten und die entschei­dende Drehung, die zur Anziehung geführt hätte, nicht schafften.

Es sind nur wenige, sehr persön­liche Szenen, die eine andere Form von Annäherung bezeugen: Ein weicher Angora­pullover, von der Mutter sorgsam im Schrank verwahrt, von der Tochter heimlich hervor­ge­kramt und berührt, der nicht weniger sorgsam gepflegte Garten, in dem die Mutter zuweilen ein Lachen zulässt (Humor kommt in der Familie ansonsten nicht vor, obwohl er vielleicht hilfreich gewesen wäre), die Aufnahme einer Streu­ner­katze oder die Urlaubs­reisen nach Öster­reich, bei denen vorüber­gehend die strengen Alltags­regeln außer Kraft gesetzt, sogar vergessen werden können, nur vorüber­gehend, versteht sich.

Bemer­kenswert ist, dass »Muttermale« eine Angele­genheit ausschließlich zwischen Mutter und Tochter zu schildern scheint – nicht nur der Ehemann und Vater wird kaum einbe­zogen, sondern auch ihre beiden Schwestern erwähnt Dagmar Leupold mit keinem Wort. Wer aus früheren Romanen von der älteren und der Zwillings­schwester weiß, dem f ällt es besonders auf, dass die Autorin sich nun derart auf das eigene Verhältnis zur Mutter konzen­triert, dass sie Episoden, die im Famili­en­verbund statt­fanden, zu solchen umformt, in denen nur das »Ich« der Mutter gegen­über­steht und sich behaupten muss. Auch weitere Einflüsse wie Nachbar­schaften oder zeitge­schicht­liche Ereig­nisse werden nahezu vollständig elimi­niert, erst in den letzten Kapiteln ihres Buches betrachtet die Tochter einzelne soziale Bezie­hungen der Mutter außerhalb der eigenen Sphäre.


Der Anlass für Dagmar Leupold, sich der Ausein­an­der­setzung mit der Mutter zuzuwenden, ist deren hundertster Geburtstag; das Bedürfnis, mit diesem Teil der eigenen Lebens­ge­schichte abzuschließen, scheint dabei ein bedeut­sames Movens gewesen zu sein. Gegenüber dem 2004 erschie­nenen Vater-Roman reduziert die Autorin in Muttermale Sprache und Stil aufs Äußerste – ein Indiz der eigenen, mit zuneh­mendem Alter kriti­scheren Sicht­weise. Leupold schont niemanden, die Mutter nicht, sich selber sowie ihre Leserinnen und Leser ebenfalls nicht, und gelangt gerade so zu einer Form der Darstellung von emotio­naler Kälte und Distanz im Elternhaus, in der sich viele Töchter werden wieder­finden können, auch ohne Famili­en­feiern in Erinnerung an die alte Heimat erlebt zu haben oder mit ostpreu­ßi­schen Diminu­tiven im Alltags­sprach­ge­brauch aufge­wachsen zu sein. Rigoros, wie die Erzäh­lerin die Abgrenzung zur Mutter betreibt, ebenso wie in der immer wieder aufschei­nenden, unerfüllt bleibenden Sehnsucht nach Nähe werden trans­ge­ne­ra­tionale Traumata erkennbar, deren Verar­beitung eine Lebens­aufgabe darstellt – nicht nur für Dagmar Leupold.

Annegret Schröder