Emotional eindringlich, teuflisch konsequent

Literarische Szenarien vom drohenden Untergang der freien Gesellschaft

Ist es Zufall oder ein Zeichen eines verbreiteten Krisenbewusstseins? Sowohl Dirk Meyer als auch Jörg H. Trauboth behandeln in ihren vor Kurzem erschienenen Romanen Bedrohungslagen für die Demokratie und die offene Gesellschaft in der Bundesrepublik Deutschland. Beide Bücher entwickeln aus greifbaren Gefahren konkrete Dystopien. In Dirk Meyers Leben in der Westrussischen Republik ist es das Szenario einer russischen Invasion in Mitteleuropa, der die Bundesrepublik nur wenig entgegenzusetzen hat, so dass sie nach kurzer Frist nicht mehr wiederzuerkennen ist. Jörg H. Trauboth erzählt in Operation Machtergreifung von einem Staatsstreich, bei dem ein internationales rechtsextremes Netzwerk den Bundeskanzler entführt und die deutsche Demokratie in die Knie zwingen will. Beide Autoren siedeln ihre Handlung im Jahr 2029 an. Darüber hinaus sind die Romane jedoch grundverschieden.

Leben in der Westrus­si­schen Republik ist Dirk Meyers erste litera­rische Veröf­fent­li­chung. Elias Franke ist der Name seines Ich-Erzählers, dessen Selbst­be­schreibung zufolge ein Durch­schnitts­bürger, der aber über ein waches politi­sches Bewusstsein verfügt. Schneller als andere Charaktere des Romans begreift er, worauf es hinaus­läuft, als russische Boden­truppen mittels umgebauter Fracht­schiffe an der Deutschen Ostsee­küste anlanden. Etwas merkwürdig erscheint diese Art der Kriegs­führung aller­dings schon, zumal Osteuropa als Kriegs­gebiet überhaupt nicht in Erscheinung tritt. »Wie ein authen­ti­sches Fundstück« lese sich Elias Frankes Bericht aus dem besetzten Deutschland, verspricht der Klappentext, doch der Stil ist mit seinen Beschrei­bungen und Dialogen eher romanhaft. Die Fiktion eines tatsäch­lichen Tagebuches erscheint, nüchtern betrachtet, wenig glaub­würdig – so wenn der Erzähler zum Beispiel kurz nach der Ermordung seiner Frau durch die Besatzer ausführ­liche geschichts­phi­lo­so­phische Refle­xionen anstellt.

Auf einer emotio­nalen Ebene kann man sich der Handlung dennoch kaum entziehen – und das scheint auch Meyers Absicht zu sein: Wie fühlt es sich an, wenn für selbst­ver­ständlich gehaltene Freiheiten mit hohem Tempo von einem autori­tären Regime zunichte gemacht und erstickt werden? Wie kann der von den Macht­habern in die Verein­zelung getriebene Mensch, der Willkür­herr­schaft und Bruta­lität nichts mehr entge­gen­zu­setzen vermag, sich eine innere Wider­stands­kraft bewahren? Für Elias Franke ist es das Dokumen­tieren der Zustände, in Hoffnung auf eine Zukunft, in der seine beiden, an linien­treue Pflege­eltern überwie­senen Kinder doch noch das Leben führen können, das der Vater sich für sie erhofft hatte. Darüber hinaus erhält die Handlung noch durch einige Details ein eigen­stän­diges Profil. So sind ausge­rechnet die Funktionäre der Partei »AvD«, die sich zuvor dem russi­schen Regime angedient hatten, der inten­sivsten Verfolgung ausge­setzt. Die Lakaien werden, bevor sie sich nach Erfüllung ihrer Aufgabe verselbst­stän­digen, wieder einmal als Erste eliminiert. 

In Jörg H. Trauboths Operation Macht­er­greifung steht die Entführung des fiktiven Bundes­kanzlers Joachim Münster im Mittel­punkt. Haupt­figur ist jedoch der kampf­erprobte Marc Anderson, ein Spezialist für Krisen­ma­nagement, der gemeinsam mit Verena Münster, Ehefrau des Kanzlers und selbst Soldatin, die Verfolgung des rechts­extremen Netzwerks Schwarze Sonne aufnimmt. Zwar mag hier die eine oder andere Wendung des Romans gewisse Verwun­de­rungen hervor­rufen. Auch hat das Lektorat wohl übersehen, dass Ertrunkene nicht mehr wieder­belebt werden können und dass sich die Männer im Buch etwas zu häufig und floskelhaft mit »mein lieber So-und-So« anreden. Gleichwohl ist deutlich zu spüren, dass Operation Macht­er­greifung bereits Trauboths fünfter Marc-Anderson-Thriller ist. Die Pläne der Entführer und der dahin­ter­ste­henden Putschisten sind teuflisch konse­quent ersonnen, und die Spannung bleibt auch deshalb hoch, weil Trauboth es genau versteht, die Leserinnen und Leser jeweils mit einem Cliff­hanger, dem offenen Ende eines Kapitels, bei der Stange zu halten. Außerdem ist profundes Wissen in den Roman einge­ar­beitet, sowohl zur Arbeit von Perso­nen­schutz und Krisen­ma­nagement, als auch zu den Aktivi­täten rechts­extremer Gruppie­rungen. Zumindest in Teilen scheint Marc Anderson ein Alter Ego des Autors zu sein, der wie seine Haupt­figur über umfang­reiche Erfah­rungen als Pilot, Sicher­heits­experte und Berater in Entfüh­rungsf ällen verfügt. 

»Think the unthinkable«, setze dich auch mit dem vermeintlich Undenk­baren ausein­ander – mit diesem Appell sind die Figuren in Operation Macht­er­greifung immer wieder konfron­tiert. Tatsächlich ist die Konstel­lation in Trauboths Roman leider nur allzu realis­tisch. Ein nach außen hin als bürgerlich erschei­nender Milli­ardär arbeitet da im Verbor­genen am Umsturz, um seinen ­Nazi-Vorfahren Gerech­tigkeit wider­fahren zu lassen. Zugleich steht eine extre­mis­tische Partei, hier heißt sie »Partei für Deutschland«, vor einem Erfolg bei der Bundes­tagswahl und will den Staat danach völlig umbauen. Militante Verbände, die lange im Unter­grund gearbeitet haben, sehen ihren Moment damit gekommen, zumal es Schüt­zen­hilfe von auslän­di­schen rechts­extremen Akteuren gibt. Die Mission zur Befreiung des Bundes­kanzlers führt Verena Münster und Marc Anderson deshalb in ein inzwi­schen vollständig autoritär regiertes Argen­tinien. Der weitere Verlauf soll – es handelt sich immerhin um einen Polit­thriller, mit dem Trauboth »unter­halten und gleich­zeitig aufklären« will – hier nicht vorweg­ge­nommen werden. Bleibt nur die Frage, ob in diesem Genre Spannung und Action nicht die politische Aussage letztlich überdecken? 

Das proble­ma­tische Verhältnis von litera­ri­scher Fiktion und politi­scher Realität ist beiden Autoren offen­sichtlich bewusst. Dirk Meyer dringt in seinem Nachwort einer­seits darauf, vor den Bedro­hungen der Freiheit nicht die Augen zu verschließen. Anderer­seits wünscht er sich, dass wir »einander wieder zuhören«. Beides ist notwendig, aber das richtige Verhältnis zwischen Wider­spruch und Verstän­digung zu bestimmen, bleibt eine der schwersten politi­schen Aufgaben. Es dürfte auch nicht viele Thriller geben, denen – so wie bei Trauboths Operation Macht­er­greifung – ein Kommentar von über 30 Seiten Umfang angefügt ist, inklusive eines Glossars zu politi­schen und histo­ri­schen Themen. Bei aller Unter­schied­lichkeit in der Machart sind die Bücher sich in ihrer Zielsetzung dementspre­chend doch wieder sehr nahe.

Alexander Klein­schrodt