
Es ist keine amtliche Ortstafel, sondern ein handwerklich liebevoll gestaltetes Schild, das alle Reisenden, die über die Elbinger Höhe hinunter in die kleine Hafenstadt am Frischen Haff fahren wollen, einladend in Tolkemit willkommen heißt: »Witajcie w TolkmickU«. Nur entfernt mag der ‑Betrachter vielleicht an jene modernen Unterrichtungstafeln denken, die heute an befahrenen Reise-routen auf lokale Besonderheiten hinweisen.
Auf dem hier gezeigten Schild stehen die lange Kaimauer mit ihrem Leuchtfeuer für den ehemals größten Binnen-Segelschiffhafen Deutschlands, in dem die Fischer ihre für die Stadtregion spezifischen »Tolkemiter Lommen« festmachten und den jetzt Ausflügler für ihre Yachten nutzen. Oder sie verweist auch auf die Dampfer, die ab 1904 Fahrgäste der Haffuferbahn von hier aus auf direktem Wege zur Sommerfrische nach Kahlberg auf der gegenüberliegenden Nehrung brachten und die heute noch verkehren. Auf einen ganz anderen Zusammenhang jedoch spielt jenes sagenumwobene Geschöpf an, das hier, wie abgebildet, in Ketten gelegt worden sein soll und von dem die Einwohner seither lebhaft erzählen.
Ein riesengroßer gefräßiger Aal trieb einst in den Gewässern des Haffs sein Unwesen und verdarb den Fischern zunehmend ihre Geschäfte. Verzweifelt versuchten die Tolkemiter, das Ungeheuer durch zusätzliche Fütterungen zu besänftigen – vergeblich. Daraufhin ersannen sie eine List: Sie überließen dem Tier eine Tonne einheimischen, freilich nicht allzu wohlbeleumundeten Bieres, das es begierig leer soff, daraufhin aber elendig verreckte. Als sich die Kunde vom bezwungenen Aal über das Land verbreitete, konnten sich die Elbinger freilich nicht den Seitenhieb verkneifen, dass demgegenüber der Genuss eines Fässchens »Englisch Brunnen« gewiss nicht tödlich gewesen wäre.
Meterlange Attrappen des Fisches, die manchen Gastraum im Städtchen schmückten, und die dazu gereichten schmackhaften Aalgerichte haben dafür gesorgt, dass diese Tolkemiter Sage nicht in Vergessenheit geraten ist – ebenso wie auch das geschnitzte, bunt-bemalte Holzschild die Erinnerung daran bewahrt.
Text und Foto: Ursula Enke