Das modernistische Stadtzentrum von Gdingen ist in das UNESCO-Welterbe aufgenommen worden
Von Alexander Kleinschrodt
Gdingen verfügt über keine Kathedrale und keine mittelalterliche Stadtmauer. Dennoch hat es für Polen eine besondere historische Bedeutung. Zugleich bildet Gdingens Weg vom kleinen deutschen Seebad zur polnischen Hafenstadt ein eigenes Kapitel in der Architekturgeschichte der Moderne.
Über mangelnde Aufmerksamkeit konnte sich diese Neueinsteigerin nicht beklagen: Als die Waldsiedlung Zehlendorf in die UNESCO-Liste des Weltkulturerbes aufgenommen wurde, erschienen dazu zahlreiche Medienberichte, obwohl es sich nur um eine Erweiterung zu den bereits als Welterbe geführten Siedlungen der Berliner Moderne handelt. In Deutschland weniger beachtet wurde hingegen die Neuaufnahme einer architekturgeschichtlich eng verwandten Stadtanlage, die von Berlin nur gut 400 Kilometer entfernt ist: Am 27. Juli entschied die Welterbe-Kommission im südkoreanischen Busan, das »Gdynia Modernist City Centre«, also das moderne Stadtzentrum von Gdingen an der Danziger Bucht, ebenfalls in die prestigeträchtige Liste aufzunehmen.
In der Stadt und bei den polnischen Behörden war seit 2007 auf diesen Tag hingearbeitet worden, als Gdingens in der Zwischenkriegszeit entstandenes Stadtzentrum erstmals als ein Kulturdenkmal geschützt wurde. Seit 2019 befand sich Gdingen auf der polnischen Tentativ-Liste, dem Register von Vorschlägen für das Welterbe, die jedes Mitgliedsland der UNESCO vorhalten kann. »Dies ist auch eine Bestätigung dafür, dass die Vision, die vor über hundert Jahren den Beginn der Geschichte des heutigen Gdynia markierte, nichts von ihrer Kraft und universellen Bedeutung verloren hat«, freute sich Aleksandra Kosiorek, die Stadtpräsidentin von Gdingen.
Worin bestand diese Vision? Und warum wird Gdingens Stadtzentrum jene universelle Bedeutung zugeschrieben, die für die Aufnahme in das Welterbe notwendig ist? In Deutschland hatte das polnische Gdynia lange eher den Ruf, nicht viel mehr als das »schnell hochgezogene« Anhängsel eines nach der Abtretung der Region an Polen eingerichteten Ostseehafens zu sein. Richtig ist: Die Geschwindigkeit, mit der die Stadt in den zwanziger und dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts entwickelt wurde, war außerordentlich. Gdingen in Westpreußen war ein kaschubisches Küstendorf gewesen, das sich Anfang des 20. Jahrhunderts zu einem bescheidenen Ostseebad entwickelt hatte, immerhin bereits mit Anschluss an die Eisenbahn. Nur wenige Kilometer weiter nördlich, in Putzig, feierte General Józef Haller im Februar 1920 Polens symbolische »Vermählung mit dem Meer«: Das wiedererstandene souveräne Polen verfügte nun über einen Küstenabschnitt, der den Anschluss an den Seehandel ermöglichte. Aus Gdingen wurde in den wenigen Jahren bis zum Zweiten Weltkrieg eine Kommune mit über 100.000 Einwohnern. Die selbstbewusste Stadt erhielt nach dem deutschen Einmarsch in Polen 1939 den beklemmend-archaischen Phantasienamen »Gotenhafen«. Nicht weit entfernt fand das Massaker von Piaśnica statt, Teil einer Mordkampagne der SS gegen die gebildete Schicht des polnischen Staates. Nach dem Zweiten Weltkrieg, in der Volksrepublik Polen, vermochte die Hafenstadt nicht mehr an ihre vorherige Bedeutung anzuschließen. Erst nach dem Ende des Sozialismus konnte Gdingen sich dynamisch weiterentwickeln, nicht zuletzt dank Investitionen aus dem Ausland.
Vielfalt moderner Entwürfe
Wenn man sich zurzeit durch Gdingen bewegt, kommt immer wieder groß die Zahl 100 in den Blick: Die Aufnahme in das Weltkulturerbe fiel zusammen mit dem Jubiläum der Stadt, die 1926 offiziell das Stadtrecht erhalten hatte. Formal als Welterbestätte erfasst ist ein 88 Hektar großer Teil des Stadtzentrums, der von einem Achsenkreuz aus Straßen in die vier Himmelsrichtungen gekennzeichnet ist. Darum herum ist, wie bei nahezu allen Welterbestätten, eine Pufferzone definiert, deren Entwicklung ebenfalls überwacht wird, um Beeinträchtigungen des geschützten Kulturerbes möglichst auszuschließen. Vor aller Architektur ist bereits die modernistische Stadtplanung eines der besonderen Merkmale Gdingens. Die in West-Ost-Richtung verlaufende Straße des 10. Februar – mit deren Namen an das Datum der Erhebung zur Stadt erinnert wird – nimmt ihren Ausgang nahe am Bahnhof und ist auf die Küste hin ausgerichtet. Die Stadt ist also keineswegs nur ein Anhängsel des Hafens, beide Elemente sind aufeinander bezogen, auch wenn eine noch konsequentere Durchführung dieser städtebaulichen Idee, wie sie in einem ersten Entwurf von Roman Feliński projektiert worden war, nicht umgesetzt werden konnte.
Viele der einzelnen Bauwerke, die im Zusammenhang mit dem Welterbe Gdynia gezeigt werden, befinden sich an der Straße des 10. Februar. An einer Kreuzung stehen sich zwei der markantesten Vertreter des modernistischen Bauens in der Stadt gegenüber. Nach Plänen von Roman Piotrowski wurde dort 1936 das Gebäude der ZUS-Sozialversicherung errichtet, das später auch als Haus der Reederei PLO bekannt wurde. Um das ganze achtgeschossige Gebäude sind Fensterbänder herumgeführt, was nicht zuletzt den zur Kreuzung hervortretenden halbrunden Baukörper besonders wirkungsvoll betont. Für Besucherinnen und Besucher der Stadt günstig ist, dass sich hier auch gleich die Touristen-Information befindet. Das Pendant dazu auf der anderen Straßenseite bildet der Wohnblock der Nationalen Wirtschaftsbank (BGK). Er ist stilistisch eng verwandt und wurde damals mit gehobenem modernem Wohnkomfort ausgestattet, wozu Aufzüge, Kühlschränke und eine Tiefgarage gehörten.
Nur einige Schritte entfernt befindet sich das Bankhaus der BGK selbst, gleich daneben steht die Hauptpost, beide aus dem Jahr 1929. Bank und Post sind zwar als Gebäude der Zwischenkriegszeit zu erkennen, weichen aber von typischen Mustern der sogenannten internationalen Moderne ab. Beim Bankgebäude erinnern Wandvorlagen an den klassizistischen Säulenportikus älterer »Finanztempel«, während das Postgebäude ein betontes Sockelgeschoss und rasterartige Fensterteilungen aufweist. Zwei Blocks weiter nördlich, wo die Innenstadt bereits an den Güterbahnhof und das riesige Hafengelände stößt, f ällt sofort die Markthalle ins Auge. Die an einen Hangar erinnernde Konstruktion überspannt mit neun parabelförmigen Bögen aus Stahl eine Weite von 35 Metern, dank der verglasten Stirnseite ist die Halle lichtdurchflutet. Der Entwurf für das 1938 eröffnete Bauwerk kam von Jerzy Müller, einem der wichtigsten Architekten des modernistischen Gdingen, der hier mit Stefan Reychman zusammenarbeitete. Schön ist, dass die Markthalle nach fast 90 Jahren immer noch ihrem ursprünglichen Zweck dient: Hier kann man sich mit Lebensmitteln eindecken, Delikatessen probieren und durch das sonstige Sortiment an Waren stöbern.
Zurück auf der Straße des 10. Februar, öffnet sich, flankiert von weiteren Bauten der klassischen Moderne, nun ein weiter Horizont. Das dicht bebaute Zentrum geht zunächst in ein Park-Areal und dann in den südlichen Pier über, die Stadt ragt hier also über die Küstenlinie hinaus und in die Ostsee hinein. An prominenter Stelle wurde dort 1937 das sogenannte Haus des Polnischen Seglers eröffnet. Als Zentrum des polnischen Segelsports sollte es auf dem Pier einen über das Funktionale hinausgehenden Akzent setzen, doch der Kriegsausbruch 1939 ließ diesen Plänen keine Zeit mehr zur Entwicklung. Mit der Lage direkt am Yachthafen wachsen dem vor die Fassade gestellten, charakteristisch abgerundeten Baukörper neue Bedeutungen zu: Er könnte wahlweise als Leuchtturm oder Schiffsbug gedeutet werden.
Anziehungspunkte auch außerhalb des Welterbes
Von der Straße des 10. Februar als Hauptachse zweigt nach Süden die Świętojańska-Straße ab. Hier stößt man zunächst auf die sogenannte Infobox, eine Stahl– / Glas-Konstruktion aus dem Jahr 2013, in der man sich anf änglich vor allem über zukünftige Stadtentwicklungsprojekte informieren konnte, die inzwischen aber auch zu einem Besucherzentrum für das modernistische Gdingen geworden ist. Ein großes Stadtmodell bietet hier aus einer anderen Perspektive einen anschaulichen Zugang zur Stadt.
Darüber hinaus bildet die Świętojańska-Straße den zweiten Schwerpunkt der modernistischen Bebauung, was sich auch in dem Umriss des Welterbe-Areals ablesen lässt, das die Straße als Nord-Süd-Achse in fast ihrer ganzen Länge einbezieht. Meistens sind es die Eckhäuser an den Kreuzungen, die mit einer anspruchsvollen architektonischen Gestaltung auffallen. Dort, wo die Straße auf die Pilsudski-Allee stößt, markieren zwei architektonische Ausrufezeichen den Übergang: Links das Rathaus aus dem Jahr 1930, wieder ein Entwurf von Jerzy Müller, rechts steht das Wohnhaus Ogończyk-Bloch, das mit seinen geschwungenen Balkonbrüstungen und seiner verglasten Gebäudeecke zu den beliebtesten Fotomotiven der Architektur-Fans gehört. Von dieser Kreuzung ist es nicht weit bis zum höhergelegenen Stadtteil Kamienna Góra (Steinberg), in dem eine ganze Reihe von modernistischen Villen des gehobenen Bürgertums zu sehen sind. Trotzdem gehört Kamienna Góra nicht zu dem als Weltkulturerbe anerkannten Gebiet. Auch das ehemalige Passagierterminal der polnisch-dänischen Reederei Gdynia Ameryka Atlantic von 1934, das 2015 als Emigrationsmuseum neu eröffnet wurde, liegt ein ganzes Stück außerhalb, am sogenannten Getreidehafen.
Für den Erhalt des Welterbe-Areals, das kein Museum ist, sondern den sich wandelnden Ansprüchen eines modernen Stadtzentrums genügen soll, muss ein Management-Plan aufgestellt werden. Daraus können durchaus Konflikte entstehen, doch laut Auskunft der Stadtverwaltung sind auch viele Immobilieneigentümer von der Notwendigkeit der Erhaltungs- und Gestaltungsmaßnahmen überzeugt. Von manchen Veränderungen scheinen die Erlebbarkeit des Kulturerbes und die Modernisierung der Stadt sogar gleichermaßen zu profitieren. »Ein Beispiel für solche Maßnahmen ist die Aufhebung eines Teils der Parkplätze entlang der Straße des 10. Februar sowie die Wiederherstellung der Grünflächen an diesen Stellen und die Einrichtung von Radwegen als alternative, zeitgemäße Verkehrslösung«, lässt die Stadt wissen.
Wachsende Anerkennung der Architekturmoderne
Die Fortschreibung der Welterbeliste trägt zwar durchaus die Züge eines politischen Geschachers in einer Gemengelage aus gegenseitigen Gef älligkeiten, nationalem Prestige und wirtschaftlichen Interessen. Gleichwohl werden alle Vorschläge fachlich beurteilt und ein Antrag muss so weit ausgearbeitet sein, dass kleinere Staaten sich oft schwertun, die Standards der großen Akteure zu erfüllen, zu denen auch Deutschland mit seinen inzwischen 55 anerkannten Welterbestätten gehört. Das Welterbe-Komitee, das über die Anträge entscheidet, besteht aus Delegierten von 21 UN-Mitgliedsstaaten, denen nach einer Mitgliedschaft von maximal sechs Jahren jeweils andere Länder folgen. Zurzeit gehört auch Polen dem Komitee an. Es beurteilt, ob den vorgeschlagenen Stätten ein »außergewöhnlicher universeller Wert« zukommt – das ist die Formel, auf die man sich in den Gründungsdokumenten des Welterbe-Programms geeinigt hat. Diese Qualität wird zunehmend auch Bauwerken aus dem 20. Jahrhundert zuerkannt. Zusammen mit Gdingen und der Waldsiedlung Zehlendorf wurden bei der Komitee-Sitzung in Busan auch eine Auswahl von Bauten des finnischen Architekten Alvar Aalto in die Liste eingetragen. Belegt werden muss der universelle Wert mit Bezug auf mindestens eines von zehn Kriterien, die in einem entsprechenden Katalog festgelegt sind. Polen bezog sich mit seinem erfolgreichen Antrag auf die Kriterien 2 und 5 und beschrieb Gdingen als ein auch im internationalen Vergleich frühes Beispiel einer modernistischen Stadtneugründung, die mit der städtebaulichen Ausrichtung auf den Hafen zudem ein Alleinstellungsmerkmal aufweise.
Auch wenn das Welterbe-Prädikat nicht als Gütesiegel für den Tourismus verstanden werden will, sorgt es natürlich für Aufmerksamkeit. In Gdingen ist aber schon vor Jahren damit begonnen worden, die Stadt professionell zu vermarkten. Selbstverständlich gibt es auch Souvenirs mit Architekturmotiven der Moderne zu kaufen. Wer jetzt die Metropolregion Dreistadt besucht, wird in Zukunft vielleicht nicht nur von Danzig ins Seebad Zoppot fahren, sondern auch noch nach Gdingen kommen. Von der Südpier gibt es dann zudem die kürzeste Fährverbindung zur – der Küste vorgelagerten – Halbinsel Hela. Doch die neue Aufmerksamkeit für Gdingen lässt noch etwas anderes erkennen. Lokale Identitäten müssen sich nicht immer auf eine Tradition beziehen, müssen nicht weit in die Geschichte zurückreichen. Die klassische Architekturmoderne war zwar nach ihrer Selbstbeschreibung häufig international ausgerichtet, war angetreten, um Traditionelles zu überwinden. Realisiert wurde sie aber immer vor Ort, in jeweils unterschiedlichen Ausprägungen und Zusammenhängen.
Im Jahr 2021 waren bereits die modernen Bauten von Jože Plečnik in Ljubljana auf die Welterbeliste gelangt. Dort ist offenkundig, dass diese Architektur nicht nur als künstlerische Besonderheit gesehen, sondern eng verknüpft wird mit der Entstehung einer slowenischen Identität, noch dazu einer bis heute zukunftsweisenden, da Plečnik eine an menschlichen Bedürfnissen orientierte Stadtplanung verfolgt habe. In Gdingen ist es ähnlich: Wer sich dort aufhält, zwischendurch eine Pause im Café Cyganeria einlegt, einem der ältesten Treffpunkte in der Stadt, oder an der Südpier vor dem Haus des Seglers den Geruch des Meeres wahrnimmt, bekommt vielleicht eine Ahnung davon, dass Modernität nicht zwangsläufig in einem Nirgendwo endet, sondern auch ein Gefühl der kulturellen Zugehörigkeit ermöglichen kann.
* In WP 1/2026 hat Magdalena Pasewicz-Rybacka das Gdingener Mini-Museum »Bankowiec« vorgestellt, das dem Luxus der Vorkriegswohnungen in diesem Gebäude gewidmet ist.




