eine langwierige Geschichte mit Happy End
Von Bartosz Skop
Neuteich (Nowy Staw) ist eine kleine Stadt im Großen Werder. Ihr architektonischer Schatz ist die gotische Stiftskirche des Hl. Matthäus, das größte Gotteshaus im gesamten Weichseldelta und ein herausragendes Bauwerk der norddeutschen Backsteingotik. Das Stadtbild prägt zudem der langgestreckte Marktplatz, auf dem sich eine neugotische Kirche mit einem markanten Turm erhebt. Bis 1945 diente sie als evangelische Stadtkirche, heute beherbergt sie das Kulturzentrum Galeria Żuławska. Zu den prägenden Eindrücken der Besucher gehört dort nicht zuletzt der verführerische Duft frischen Brotes, den die alte, bis heute bestehende Bäckerei in der Marienburger Straße immer noch verströmt.
Eine Gemeinde auf dem Weg zu einem eigenen Kirchraum
Eine lutherische Gemeinde entstand in Neuteich erst mit einiger Verzögerung. Zwar eilte das Evangelium – um Martin Luther zu paraphrasieren – in voller Fahrt und mit vollen Segeln nach Preußen: Schon um 1520 wurden in den großen Städten Danzig und Elbing erste reformatorische Predigten gehalten, und nachdem sowohl Albrecht von Brandenburg-Ansbach, der letzte Hochmeister des Deutschen Ordens, als auch Erhard von Queis, der Bischof von Pomesanien, 1525 zum Protestantismus konvertiert waren, bildete das weltliche Herzogtum Preußen den ersten evangelischen Flächenstaat der Geschichte. In Königlich Preußen, zu dem das Große Marienburger Werder gehörte, trafen diese zumindest prinzipiell geduldeten Bestrebungen seitens der polnischen Herrschaft und der katholischen Kirche allerdings auf spürbare Gegenkräfte.
Auf Dauer vermochten königliche und bischöfliche Verbote jedoch nicht zu verhindern, dass sich Luthers Lehre weiterverbreitete: Auch in Neuteich gründeten die Protestanten – freilich erst 1565 – eine eigene Gemeinde, deren erster Pastor Georg Widde hieß; und im Jahr 1569 erteilte der polnische König Sigismund II. August den Städten Marienburg und Neuteich sowie der Marienburger Niederung das Religionsprivileg, die Augsburger Konfession ausüben zu dürfen. Zudem erhielt die lutherische Gemeinde Neuteich, zu der nicht nur die Stadt, sondern auch sieben umliegende Dörfer gehörten, das Recht, ihre Gottesdienste in der Hospitalkirche St. Georg vor dem Marienburger Tor zu feiern.
Nachdem Schweden 1626 im Rahmen des Polnisch-Schwedischen Krieges Kampfhandlungen in Königlich Preußen eröffnet hatte, wurde die St.-Georg-Kirche am Silvestertag dieses Jahres zerstört. Zugleich verbesserte sich allerdings die Lage der Lutheraner unter der schwedischen Besatzung erheblich, denn bald nach dem Einmarsch gewährte König Gustav II. Adolf den Evangelischen in Preußen das Recht, eigene Kirchen zu bauen. Unter der neuen Herrschaft wurde zunächst die katholische Kirche beschlagnahmt, in der auch noch während der Sequestration durch Brandenburg bis 1635 lutherische Gottesdienste gefeiert wurden. In der nachfolgenden Zeit stellte der Stadtrat der evangelischen Gemeinde den Ratssitzungssaal zur Verfügung. Damals stand das Rathaus mitten auf dem Marktplatz, an der Stelle, an der sich heute die Kirche befindet. Dieser Kirchsaal erhielt 1636 ein Positiv; 1639 wurde eine Kanzel gestiftet, und 1641 folgte ein Altar. Während des Zweiten nordischen Krieges (1655–1660), der in Polen als »Schwedische Sintflut« erinnert wird, nutzten die Lutheraner neuerlich die große St.-Matthäus-Kirche, kehrten danach aber wieder ins Rathaus zurück.
Im Jahr 1728 sagten sich die sieben Dörfer von der Gemeinde los, da sie beabsichtigten, in Neuteichsdorf (Stawiec) eine eigene Kirche zu errichten. Dies wurde jedoch von den Plänen der städtischen Lutheraner durchkreuzt, die für ihre Zwecke eine eigene neue Kirche errichten wollten. Auch dieses Vorhaben kam aber nicht zu Stande, weil es von den polnischen Behörden aufgrund eines zu der Zeit noch geltenden allgemeinen Verbots für den Neubau evangelischer Kirchen untersagt wurde.
Nachdem das Rathaus am 15. April 1742 in Brand geraten und zerstört worden war, versöhnten sich die Gemeinden der Dörfer 1745 mit derjenigen der Stadt und beschlossen, gemeinsam mit dem Rat das Gebäude zur Doppelnutzung als Kirche und Rathaus wiederzuerrichten. Dabei erhielt der Kirchraum Emporen. Im oberen Stockwerk befand sich die Orgel, und auf dieser Ebene war die Magistratskammer zu erreichen.
Die Kirche und ihr Glockenturm: Bauwerke des 19. Jahrhunderts
Im Jahr 1802 wurde Neuteich von einer gewaltigen Brandkatastrophe ereilt, bei der etwa 90 Prozent der Bebauung, darunter auch das Rathaus, den Flammen zum Opfer fiel. Daraufhin beschloss der – nunmehr westpreußische – Magistrat, seinen Sitz an einen anderen Ort zu verlegen und das Grundstück auf dem Marktplatz der lutherischen Gemeinde zu übereignen. Dort entstand nun – vermutlich nach einem Entwurf von Landbaumeister Bach – in den Jahren 1804/05 eine neue Kirche. Die feierliche Einweihung erfolgte am 11. Mai 1806. Es handelte sich um ein verputztes Gebäude mit einem Dachreiter als Glockenturm. Die Außenmaße entsprachen ungef ähr den Abmessungen des alten Rathauses. Der Bau hatte an den Längsseiten zwei Fensterreihen mit jeweils sieben Fenstern übereinander. Dem entsprachen im Inneren die beiden Stockwerke des Kirchenschiffs und der Emporen.
Der 1805 geschaffene klassizistische Kanzelaltar bestand aus sechs korinthischen Säulen, die den Baldachin trugen. In der Mitte befand sich die Kanzel, darunter der Altartisch. Zur gleichen Zeit wurde eine neue Orgel gebaut. Aus der erhaltenen Ikonografie und der Analyse des Rokoko-Orgelprospekts, der mindestens bis 1947 erhalten blieb, lässt sich schließen, dass das Werk vermutlich vom Danziger Orgelbauer Christian Ephraim Ahrendt stammt. Zur Ausstattung der Kirche gehörten zudem gediegene Kerzenleuchter, insgesamt 61 wertvolle, meist aus versilbertem Weißblech sowie aus Holz gefertigte Totenschilde und Veteranentafeln mit den Namen von Teilnehmern und Gefallenen der Kriege von 1813 und 1866.
Einen ganz entscheidenden Schritt in der Gebäudegeschichte vollzog die evangelische Gemeinde, als sie sich entschloss, einen eigenen Glockenturm zu errichten und damit demonstrativ die Präsenz der Protestanten im Großen Marienburger Werder zu verdeutlichen, einer Konfession, die lange Zeit nur toleriert worden war, sich nun aber als gleichberechtigte, wenn nicht überlegene Religionsgemeinschaft verstand. Dazu bedurfte es aber auch einer Ausstattung mit repräsentativen Glocken, die zum Gottesdienst riefen und bei Beerdigungen läuteten. Bisher verfügte die Gemeinde lediglich über eine kleine, im Dachreiter aufgehängte Glocke.
Nachdem die Finanzierung gesichert war, erstellte Bauinspektor Robert Gersdorff aus Marienburg die entsprechenden Pläne. Die Grundsteinlegung fand am 25. April 1863 statt, und die Bauarbeiten dauerten unter Gersdorffs Aufsicht nur sechs Monate. Bereits am 16. November fand die feierliche Einweihung statt, wobei an diesem Ereignis nicht nur die Gemeinde, sondern auch die Spitzen der städtischen Verwaltung und – als Zeichen einer vorsichtigen Ökumene – auch die Geistlichen der katholischen Pfarrei teilnahmen.
Der Turm ist 50 m hoch und damit im Großen Marienburger Werder der höchste seiner Art. Er wurde auf einem achteckigen Grundriss errichtet, und sein Durchmesser beträgt nur geringfügig mehr als sechs Meter. Für den Bau wurden gelbe Ziegel verwendet, während das spitze Dach mit dunklen Dachziegeln gedeckt ist. Die Form führte – und führt – naheliegenderweise zur Assoziation eines Bleistifts. So hält sich bis heute die Legende, dass Robert Gersdoff, als es ihm in der Planungsphase nicht gelang, den Kirchenvorstand von seinen Ideen zu überzeugen, den Streit beendet habe, indem er einen kleinen Bleistift hervorgeholt, senkrecht hingestellt und verkündet hätte: »So wird der neue Turm aussehen« – achteckig, hoch und von einem steilen Dach bekrönt. Der Eindruck eines »Bleistifts« wird auch noch dadurch verstärkt, dass der Turm nicht unmittelbar an die Kirche angebaut, sondern in einem gewissen Abstand mit einem kurzen Durchgang zum Gotteshaus errichtet wurde. Den Grund dafür bildete die instabile Bodenbeschaffenheit der Niederung, mit der Robert Gersdorff durch sein Amt als Wasserbauinspektor bestens vertraut war. Die von ihm erzielte Stabilität des Turms eröffnete die Möglichkeit, drei Glocken aufzuhängen, die insgesamt 1.850 kg wogen. Sie wurden von Johann Gross in Königsberg gegossen. Die Kosten für den Neubau beliefen sich auf 15.400 Taler.
1888 erhielt die evangelische Kirche eine neue Orgel, die in der Werkstatt des bedeutenden Elbinger Orgelbauers August Terletzki entstanden war. Das neue Instrument mit 19 Registern befand sich hinter dem alten Prospekt aus dem Jahr 1805. Eine erhebliche Innovation bot der nun installierte freistehende Spieltisch, der dem Organisten direkte Blickkontakte zum Chor, zum Altar oder zum Dirigenten sowie eine bessere akustische Kontrolle über das Instrument ermöglichte.
Im Jahr 1892 ereignete sich ein Unglück. Die zweitgrößte der drei Glocken brach entzwei und stürzte in die Tiefe, wodurch das Innere des Gebäudes und die Turmuhr beschädigt wurden. Aus diesem Grund erhielt die Danziger Glockengießerei von Jean Collier den Auftrag, zum Preis von 2.000 Mark eine neue Glocke mit einem Gewicht von 475 kg herzustellen, und aus Berlin wurde ein Ersatz für die Turmuhr beschafft, deren Ankauf die Stadtgemeinde unterstützte.
Von der Gotisierung bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges
Im Laufe des 19. Jahrhunderts war das Gotteshaus zunehmend renovierungsbedürftig geworden. Deshalb beschlossen der Kirchenrat und die Kirchenverwaltung am 22. März 1894 eine gründliche Um- und Neugestaltung des Gebäudes. Der Beginn der Arbeiten verzögerte sich allerdings bis ins Jahr 1898. Der Entwurf stammte vom hiesigen Deichinspektor Adolf Göttger. Die Disposition der Außenwände folgte nun dem neugotischen Stilideal, indem an den Längsseiten hohe Spitzbogenfenster die beiden früheren Fensterreihen ersetzten; das Dach wurde mit glasierten grünen Dachziegeln gedeckt; zusätzlich entstand eine kleine Sakristei, und an den beiden Seiten des Verbindungsgangs zum Turm wurden neue Zugänge geschaffen.
Im Inneren wurde ebenfalls eine Reihe von Renovierungsmaßnahmen ergriffen. Die hölzernen Säulen der unteren Empore wurden durch eiserne ersetzt. Das Kirchenschiff erhielt einen neuen Fußboden, und bei der Verglasung der Fenster wurden die Rosetten in den Spitzbögen durch Glasmalereien verziert: Neben Christus, dem Kreuz, dem Lamm, dem Kelch und dem Fisch sowie den vier Evangelisten mit ihren geflügelten Symbolen fanden hier Darstellungen von Martin Luther, Philipp Melanchthon, dem schwedischen König Gustav II. Adolf und dem Lieddichter Paul Gerhardt Berücksichtigung. Darüber hinaus wurde der Innenraum mit drei- und fünfarmigen Kerzenleuchtern ausgestattet (an deren Stelle 1907 ein Gasbeleuchtungssystem trat). Außerdem wurden eiserne Öfen installiert. Der erste Gottesdienst fand noch während der Bauarbeiten am 23. Oktober 1898 statt. Im folgenden Jahr erhielt der gesamte Innenraum einschließlich der Ausstattungselemente einen frischen Anstrich – bei dem für den Altar die Farbe Grün gewählt wurde –, und Ende 1899 waren sämtliche Arbeiten abgeschlossen.
Nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurden der protestantischen Gemeinde spürbare Opfer abverlangt. Zum einen wurden viele ihrer Mitglieder eingezogen, und etliche von ihnen fielen an der Front. Zum anderen ordnete das preußische Kriegsministerium 1917 die allgemeine Beschlagnahmung von Orgelpfeifen und Kirchenglocken an. Deshalb verlor die Terletzki-Orgel ihre Prospektpfeifen aus hochprozentigem Zinn, und am 10. Juni 1917 wurden die beiden größeren Glocken abgehängt: die Luther-Glocke des Glockengießers Groß von 1863 und die kleinere Paul-Gerhardt-Glocke von Collier aus dem Jahr 1893. Sie wurden noch vor Ort zerschlagen und dann zur Verhüttung gebracht. Übrig blieb nur noch die kleinste, die Christian-Fürchtegott-Gellert-Glocke von 1863.
Nach den Bestimmungen des Versailler Vertrages befand sich Neuteich in der Nachkriegsrealität auf dem Gebiet der Freien Stadt Danzig. Gravierende wirtschaftliche Probleme, die fortschreitende Inflation und anschließende Hyperinflation machten alle Pläne zum Unterhalt des Kirchengebäudes zunichte. Erst 1923, als sich die ökonomischen Rahmenbedingungen allmählich stabilisierten, war wieder an weitere Projekte zu denken. In diesem Jahr konnte beispielsweise in ein Fenster an der Ostseite eine Glasmalerei eingesetzt werden – eine Darstellung des Gekreuzigten mit der Inschrift »Der Tod ist verschlungen in den Sieg« (1 Kor 15,54). Geschaffen hatte sie der renommierte Maler und Restaurator Arthur Fahlberg aus Berlin.
Erst in den 1930er Jahren war die Gemeinde in der Lage, sich der für längere Zeit vernachlässigten und teilweise defekten Terletzki-Orgel zuzuwenden. 1935 wurde das frühere durch ein neues Instrument von Joseph Goebel ersetzt, wobei mehrere Teile bzw. Pfeifen aus der alten Orgel Verwendung fanden. Goebels Werk war kleiner disponiert (es hatte 14 oder 18 Register), und sein – vermutlich mit einem pneumatischen System ausgestattetes – Instrument war zeitgemäß am Klangideal des neobarocken Stils orientiert. Dank einer Initiative von Pastor Krüger sammelten die Gemeindeglieder für den Erwerb der Orgel den erklecklichen Betrag von 3.500 Gulden. Die Einweihung fand am 31. August 1935 in Anwesenheit des evangelischen Bischofs von Danzig, Johannes Beermann, statt.
Im folgenden Jahr wurden die beiden im Krieg beschlagnahmten und demontierten Glocken endlich ersetzt. Die neuen Glocken wurden am 14. Juni 1936 aufgehängt, und beide erhielten die Namen ihrer Vorgängerinnen: Martin Luther, mit der Inschrift: »1863 Ich das Leben fand, 1917 mich der Weltkrieg hinnahm, 1936 Ruf ich auf’s neu trotz Abtrennung und Not: Eine feste Burg ist unser Gott« sowie Paul Gerhardt, mit der Botschaft: »Friede auf Erden, 1893 Ich das Leben fand, 1917 geopfert dem Vaterland, 1936 Ich wieder erstand«. – Bedauerlicherweise wurden auch diese Glocken, weil für sie kein Denkmalschutz bestand, während des Zweiten Weltkrieges beschlagnahmt und eingeschmolzen. Wieder blieb der Kirche nur die kleine Glocke von 1863.
Ein Gotteshaus ohne Gemeinde
Das Kirchengebäude blieb 1945, wie fast die ganze Stadt, unzerstört. Aufgrund der von Beschädigungen begleiteten Besetzung der katholischen Pfarrkirche St. Matthäus durch die Rote Armee bezog die katholische Gemeinde das evangelische Gotteshaus und feierte ihre Gottesdienste dort bis 1947. Danach übernahm das – nach Flucht und Vertreibung der evangelischen Gemeinde funktionslos gewordene – Bauwerk verschiedene nicht-sakrale Aufgaben, die zu seiner fortschreitenden Demolierung führten. Orgel, Kanzelaltar und Bänke wurden demontiert und, vermutlich nach Danzig, abtransportiert.
Die Nachkriegszeit war für die ganze Niederung sehr schwierig. Da die Wehrmacht bei ihrem Rückzug etliche Entwässerungsanlagen gesprengt hatte, waren weite Gebiete häufig überflutet. Zuweilen waren dabei sogar die Kontakte zur Außenwelt abgeschnitten. Im Februar 1949 diente die Kirche z. B. als Hilfszentrum für die Flutopfer nach dem Dammbruch von Kobbelkampe (Kobyla Kępa). In den 1950er Jahren richtete man in dem Gebäude ein Getreidelager ein, und späterhin nutzte es ein Möbelgeschäft, das erst 1989 geschlossen wurde. Glücklicherweise blieben bis zu diesem Zeitpunkt alle Glasmalereien in den Rosetten der Spitzbogenfenster erhalten.
Infolge der langen unsachgemäßen Nutzung verschlechterte sich der Zustand des Baus immer mehr. Deshalb gründete sich Ende der 1990er Jahre ein Verein, der Mittel für die Renovierung dieses wertvollen Gebäudes sammelte. An dieser Aktion beteiligten sich auch die früheren Bewohner von Neuteich in Deutschland. Dank der vorbildlichen Zusammenarbeit der polnischen Vertreter der Stadt mit ihren deutschen Kollegen in der Patenstadt Wilster, die Nowy Staw seit 1999 auch durch eine Städtepartnerschaft verbunden ist, konnte in der Kirche sogar zum ersten Male seit dem Kriegsende wieder ein evangelischer Gottesdienst stattfinden.
Dauerhaft aber hätte das Gebäude, selbst, wenn es – ungeachtet der erheblichen Kosten – renoviert worden wäre, keine religiösen Funktionen mehr erfüllen können. Eine evangelische Gemeinde existierte schon seit Ende des Krieges nicht mehr, und den Katholiken reichte die Werder-Stiftskirche gänzlich aus. Deshalb überließ die katholische Gemeinde das Gebäude der Stadtverwaltung ab 2009 für 30 Jahre kostenlos. Rasch war nun die Idee geboren, das große Bauwerk für die Einrichtung eines Kulturzentrums, das Werder-Galerie (Galeria Żuławska) heißen sollte, zu nutzen. Durch diese Zweckbestimmung wurde eine finanzielle Unterstützung durch die Europäische Union möglich, so dass in den Jahren 2011/12 das gesamte Kirchengebäude sowie der gelbe Glockenturm, der längst zum Wahrzeichen der Stadt geworden war, gründlich renoviert bzw. gereinigt werden konnten. Im Inneren wurden die Emporen repariert und gesichert, und bei der Erneuerung des Fußbodens wurden teilweise begehbare Glasscheiben eingesetzt, da bei den Arbeiten Kellerräume und Fundamente der 1802 abgebrochenen Rathaus-Ruine freigelegt worden waren und nun sichtbar bleiben sollten.
Dank der Umgestaltung für kulturelle Zwecke wurde dem Kirchenbau somit ein zweites Leben geschenkt. Feierlich eröffnet wurde das Zentrum am 26. September 2012. Die Gesamtkosten dieser »Errettung« beliefen sich auf 6 Mio. Złoty; und für die Wiederherstellung und Umgestaltung des historischen Gebäudes erhielt die Gemeinde Neuteich 2014 eine Auszeichnung im nationalen Wettbewerb Zabytek Zadbany (Gepflegtes Baudenkmal).
In den Jahren, die seitdem vergangen sind, hat sich die Galeria Żuławska als höchst bedeutender Ort für Neuteich und die gesamte Werder-Region fest etabliert, denn hier finden regelmäßig attraktive Kulturveranstaltungen und Ausstellungen statt. Bedauerlich bleibt, dass es nicht gelungen ist, den ehemaligen Altar und den Orgelprospekt wiederzufinden, die beide das Innere erheblich bereichert hätten. Immerhin bieten die restaurierten Glasmalereien aus den Jahren 1898 und 1923 den Besuchern eine rechte Augenweide – und zeugen durch die Motive auch noch davon, dass dieses Gebäude in seiner Geschichte ein evangelisches Gotteshaus gewesen ist; und erst recht wird auch das Ohr erfreut: Die kleine Christian-Fürchtegott-Gellert-Glocke von 1863 schlägt vom Bleistift-Turm wieder verlässlich die Stunde.




