Grenzüberschreitende Entdeckungen gemeinsamer Wurzeln im unteren Weichselland
Von Katarzyna Ploetzing und Christian Pletzing
Das Bewusstsein für die eigenen Wurzeln und Fragen nach der eigenen Identität tauchen meist erst im Erwachsenenalter auf. Oft beginnt so eine Reise, die sich zu einem inspirierenden Abenteuer entwickelt. Christian Pletzing und Katarzyna Ploetzing hat das Schicksal ganz zuf ällig zusammengeführt. Ist es möglich, dass Menschen mit so ähnlichen Nachnamen nicht miteinander verwandt sind? Vor allem, wenn die Spuren der Familiengeschichten wie Späne, die von einem Magneten angezogen werden, an einen einzigen Ort im Weichselland führen – nach Stuhmsdorf / Sztumska Wieś? Statistisch gesehen ist es fast unmöglich, dass diese beiden – sich zunächst fremden – Personen nicht miteinander verwandt sind. Und wenn dies zutrifft – welche Geschichte verbirgt sich dahinter?
Fragen, die zum Handeln motivieren
Katarzyna Ploetzing begann erst, sich Fragen über ihre Vorfahren zu stellen, als sie erwachsen war und anfing, durch Polen zu reisen und die verschiedenen Regionen des Landes zu erkunden. Ziemlich schnell wurde ihr bewusst, dass die Familie ihres Vaters aus Kociewie stammte. Das ergab sich aus familiären Überlieferungen und den Ferien, die sie in Pelplin verbracht hatte. Doch als sie 18 Jahre alt wurde, fielen ihr Dokumente und Fotos in die Hände, die die Schwester ihres Großvaters, Tante Teresa Ploetzing, sorgf ältig gesammelt hatte. Es stellte sich heraus, dass die Familie zwar aus Kociewie stammte, aber aus dem Weichselland, aus der Region Stuhm, dorthin gezogen war. In ihrem Kopf tauchten Fragen und Zweifel auf: der Nachname – die Region – die Familiengeschichten – die Dokumente – die Fotos. Diese Informationslücken weckten in ihr den dringenden Wunsch, dieses Puzzle zusammenzusetzen.
Im Alter von 14 Jahren entdeckte Christian Pletzing, dass sein Urururgroßvater ebenfalls Christian Pletzing hieß. Genau das weckte in ihm die Faszination für die Familiengeschichte. Damals, Mitte der 1980er Jahre in Westdeutschland, erforschte seine Mutter die Geschichte ihrer Familie, die aus Westfalen stammte. Christian fragte seine Mutter, ob es ähnliche Aufzeichnungen zur Geschichte der Familie Pletzing gebe. Tatsächlich gab es solche, und sie waren in einem »Ahnenpass« zu finden, mit dem Christians Großvater als Beamter während der NS-Zeit nachweisen musste, dass er keine jüdischen Vorfahren hatte. Ortsnamen in dem Dokument, wie z. B. Stuhm (Sztum) oder Braunswalde (Gościszewo), sagten Christian und seiner Familie jedoch nichts. Nur ein Onkel erinnerte sich noch daran, dass die Familie vor langer Zeit aus Westpreußen nach Westfalen gekommen war, und so entdeckten die Pletzings schließlich, dass ihre Familie aus dem heutigen Polen stammte. Da Christians Großeltern väterlicherseits bereits 1940 und 1946 verstorben waren, gab es in der Familie fast keine Informationen über die Vergangenheit. Doch nun war sein Interesse geweckt. Später durchforstete er Archive und interessierte sich immer mehr für die Geschichte Westpreußens. Schließlich begann er, Geschichte zu studieren und lernte die polnische Sprache.
Eine Reise auf der Suche nach der Wahrheit über die Vorfahren aus dem Weichselland ie zufällige Begegnung zweier Suchender führte dazu, dass sie sich gemeinsam auf eine Reise durch die Windungen ihrer Familiengeschichten begaben. Sie ergänzten gegenseitig ihre Informationen, Dokumente und Fotos. Ihre Reise dauert an, und ihr Ziel ist es, die Wahrheit über ihre Vorfahren aus dem Weichselland / Powiśle – dem ehemaligen Westpreußen – zu erfahren und die unermüdliche Suche nach Antworten auf Fragen zu ihrer Identität gemeinsam fortzusetzen.
Wer waren die Plo(e)tzings? Woher stammten sie? Welche Sprache sprachen sie? Welcher Konfession gehörten sie an? Wie kleideten sie sich? Was geschah mit ihnen und ihren Nachkommen? Wie lebte man zu ihrer Zeit in Powiśle? Der Versuch, Antworten auf diese und ähnliche Fragen zu finden, fand im April 2026 statt. Damals besuchten Katarzyna Ploetzing aus Kwidzyn und Christian Pletzing aus Flensburg das Staatsarchiv in Marienburg / Malbork und machten sich auf den Weg in den Kreis Stuhm / Sztum, um nach Spuren ihrer Familien zu suchen.
Die Familien Pletzing und Ploetzing im Stuhmer Land
Die Vorfahren von Katarzyna Ploetzing lebten seit 1849 im Dorf Preußisch Damerau / Dąbrówka Pruska im Kreis Stuhm. Zuvor lebte die Familie Ploetzing in dem benachbarten Ort Mirahnen / Mirowice. Und ihr ältester bekannter Vorfahr wurde 1742 in Stuhmsdorf / Sztumska Wieś geboren. Hier, am Denkmal zur Erinnerung an den polnisch-schwedischen Friedensschluss von 1635, konnten Katarzyna und Christian noch einmal die Gedanken schweifen lassen und darüber sinnieren, wo im Dorf wohl in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts und davor die Wurzeln der Familien gewesen waren.
Auch die familiären Spuren von Christians Vorfahren führen nach Stuhmsdorf. Obwohl sein Urgroßvater Carl Pletzing 1859 in Braunswalde / Gościszewo geboren wurde, wo auch über mehrere Generationen seine Vorfahren lebten, stammten – wie aus den Dokumenten hervorgeht – die beiden ältesten Generationen der Pletzings aus Stuhmsdorf. Kann es ein Zufall sein, dass zwei Familien mit fast identischen Nachnamen ihre Wurzeln in demselben kleinen Dorf haben, das in die Landschaft des Weichsellands eingebettet ist?
Christians Urgroßvater zog um 1885 in das Ruhrgebiet, wo er den deutschen Zweig der Familie Pletzing begründete, der bis heute in Deutschland fortbesteht. Katarzynas Ururgroßvater verkaufte den Hof in Preußisch Damerau und zog nach Kociewie. Heute lebt die Familie Ploetzing in Praust / Pruszcz Gdański, Danzig und Umgebung, ein Teil der Familie auch in Deutschland, wohin er in den 1980er Jahren ausgewandert ist.
Katholiken oder Lutheraner? Deutsche oder Polen? Pletzing oder Ploetzing?
Viele Jahre lang stellte sich Katarzyna die Frage: Wer bin ich? Sie wusste, dass ihr Nachname Ploetzing in Polen außergewöhnlich war, was man ihr bereits in der Schule zu spüren gab. Einmal kam ein Kollege bei der Arbeit zu ihr und bat sie, einen Vertrag ins Deutsche zu übersetzen. Auf ihre Frage, woher er denn die Idee habe, dass sie Deutsch könne, hörte sie die Antwort, dass sie doch den Spitznamen »Kasia aus Deutschland« habe. Davon hatte sie keine Ahnung …
Verwirrung machte sich breit, als sie die Familienunterlagen sah – auf Deutsch verfasste Hochzeitseinladungen und auf Polnisch verfasste Todesanzeigen. In den Dokumenten wurde erwähnt, dass die Kirche in Pestlin / Postolin die Pfarrei ihrer Vorfahren war. Also Katholiken. Ganz anders als bei Christian; denn die Heimatgemeinde seiner Vorfahren war die evangelische Kirche in Stuhm. Dieselbe, in der im Mai dieses Jahres offiziell das Museum mit den Sammlungen von Sławomir Igor Michalik sowie das Touristeninformationszentrum eröffnet wurden. Christians Vorfahren waren also evangelisch. Er selbst ist heute jedoch Katholik, da sein Urgroßvater aus Braunswalde 1890 in Dortmund (Westfalen) eine Katholikin heiratete und seine Kinder im katholischen Glauben taufen ließ.
Erwähnenswert ist, dass im Kreis Stuhm früher über viele Jahrhunderte hinweg Polen und Deutsche, Protestanten, Katholiken und Juden Seite an Seite lebten. Die Konfession stellte kein Hindernis im täglichen Leben dar. Gegensätze entstehen erst dann, wenn Religion zu einer politischen Frage wird. Das sehen wir auch heute noch, im Grunde genommen auf der ganzen Welt.
Von einer nationalen Identität kann man im Grunde erst seit etwa dem 19. Jahrhundert sprechen. Die Bewohner des Weichsellandes bezeichneten sich selbst als »die von hier« – also als Einwohner Westpreußens, Untertanen des preußischen Königs und später Einwohner des Deutschen Reichs. Es lässt sich schwer sagen, was die Vorfahren von Katarzyna und Christian in ihren Herzen empfanden. Eindeutig lässt sich nicht feststellen, ob sich die Pletzings und Ploetzings mit Deutschland oder mit Polen identifizierten. Die Vorfahren von Katarzyna waren, da sie Polnisch sprachen und dem katholischen Glauben angehörten, wahrscheinlich Polen. Dafür spricht auch die Einstufung der Familie in Gruppe III auf der Volksliste während des Zweiten Weltkrieges. »Echte Deutsche« wurden damals der Gruppe I oder II zugeordnet.
Hätte man Christians Vorfahren gefragt, wer sie seien, hätten sie wahrscheinlich geantwortet, sie seien Protestanten und Preußen. Es ist anzunehmen, dass in der evangelischen Familie der Pletzings im Laufe des 19. Jahrhunderts die deutsche Sprache zunehmend dominierte. Spätestens nach dem Umzug in den Westen Deutschlands waren sie nicht mehr nur Preußen, sondern Deutsche. Christians Großvater war Beamter, später Mitglied der NSDAP, und kämpfte in der Wehrmacht in der Ukraine. Niemandem aus seiner Familie wäre in den Sinn gekommen, dass die Pletzings nicht immer Deutsch gesprochen hätten.
Im Laufe ihrer Recherchen, unter anderem beim Besuch im Archiv in Marienburg, konnten Katarzyna und Christian nachweisen, welche Sprache ihre Vorfahren sprachen, da bei den Verhandlungen vor dem Amtsgericht häufig die Hilfe von Dolmetschern in Anspruch genommen werden musste. Katarzynas Vorfahren trugen zwar einen deutsch klingenden Nachnamen, sprachen aber alle Polnisch. Auch Christians Vorfahren sprachen oft Polnisch oder waren zweisprachig.
Und gab der Klang des Nachnamens allein einen Hinweis? Da im 18. und 19. Jahrhundert auf dem Land nur wenige schreiben konnten, wurden alle Nachnamen so geschrieben, wie man sie hörte. Deshalb finden wir bei den Vorfahren von Christian und Katarzyna völlig unterschiedliche Formen der Nachnamen: Ploetzing, Plötzing und Pletzing, Plecing oder Plecynk. Die letztgenannte Variante stammt aus einem ins Polnische übersetzten deutschen Dokument, in dem im selben Dokument der Nachname Ploetzing in der deutschen Version und der Nachname Plecynk in der polnischen Version vorkommt. In einigen Dokumenten wurden die Originalunterschriften gefunden, und dabei stellte sich heraus, dass die Vorfahren von Katarzyna meist mit »Ploetzing« unterschrieben, während die Vorfahren von Christian mit »Pletzing« unterschrieben, auch wenn der Name im Text anders geschrieben war.
Geschichte alltäglicher Lebenswelten enn die grundlegenden Fakten bereits bekannt sind und der Stammbaum um neue Zweige ergänzt worden ist, werden die Erkenntnisse über das Alltagsleben der Pletzings und Ploetzings im Weichselland besonders faszinierend. Es ist erstaunlich, wie viel man noch aus den verstaubten Akten entnehmen kann, die im Archiv in Marienburg darauf warten, geöffnet und gelesen zu werden. Die polnische Juristin und der deutsche Historiker konnten daraus viel über das Alltagsleben ihrer Familien in Erfahrung bringen. In den Katasterakten fanden sie detaillierte Beschreibungen der Höfe ihrer Vorfahren. Dort wurden sogar Baumaterialien, Viehbestand, Ausstattung und natürlich die Größe der Grundstücke sowie die Verschuldung erwähnt. Und tatsächlich gelang es ihnen, eine direkte Verbindung zwischen den beiden Familien zu finden – zwar keine genealogische, aber eine finanzielle: In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts liehen die Vorfahren von Katarzyna den Vorfahren von Christian 35 Taler, und einige Jahre später erhielten sie diese zusammen mit den Zinsen zurück.
Wenn die Informationen aus diesen Dokumenten typisch für die Bauern aus der Region des Weichsellands sind, muss man zu dem Schluss kommen, dass das Leben hier sehr intensiv und von Kauf- und Verkaufstransaktionen, Darlehen, Krediten, Pfandrechten und Hypotheken geprägt war. Die Bauern kauften mit Blick auf ihre Kinder Land auf. In den Akten sehen wir dann, an wen sie das Land übertrugen, wie sie es aufteilten und wen sie auszahlten. Diese Dokumente sind eine unerschöpfliche Wissensquelle nicht nur über den Besitzstand der damaligen Landwirte, sondern dokumentieren auch Verwandtschaftsverhältnisse, Bräuche und soziale Gerechtigkeit.
Auf Spurensuche vor Ort ie Suche nach Spuren im Staatsarchiv war ein echtes Abenteuer, doch die Herzen schlugen noch schneller, als sich das polnisch-deutsche Team auf den Weg ins Gelände machte und sich fragte, ob sie noch Spuren der Höfe finden würden, von denen sie in den Grundbüchern gelesen hatten. Für Christian erwies sich eine alte Karte als hilfreich, auf der der Hof seiner Vorfahren in Braunswalde verzeichnet war – der heute nicht mehr existiert. Diese Gebiete fielen nämlich unter das Projekt »Festung Marienburg«, und 1938 verkaufte die Familie das Grundstück an die Wehrmacht. Die Gebäude wurden später abgerissen. Dennoch lässt sich bis heute die Stelle erkennen, an der der Hof stand. Derzeit wachsen dort Sträucher und Bäume, und es gibt einen Teich.
Katarzyna war bereits einige Jahre zuvor auf der Suche nach dem Stammhaus ihrer Ururgroßeltern im Weichselland nach Preußisch Damerau / Pruska Dąbrówka gelangt, wo es ihr mit Hilfe des Historikers Piotr Podlewski gelang, das Haus auf einem Foto aus dem frühen 20. Jahrhundert ausfindig zu machen. Das Gebäude war zwar bereits vollständig umgebaut worden, ließ sich aber an einem charakteristischen Motiv erkennen: Vor dem Haus standen – wie vor hundert Jahren – noch immer zwei Kastanienbäume. Im Hof des Anwesens befindet sich noch immer eine Kapelle, die von Katarzynas Ururgroßvater Antoni Ploetzing gestiftet wurde. Darauf sind der erste Besitzer des Anwesens sowie dessen nachfolgende Besitzer aus der Familie Grochowski verzeichnet, an die das Anwesen verkauft wurde. Von dort zogen Katarzynas Vorfahren an das linke Ufer der Weichsel – nach Kociewie.
Erkenntnisse und neue Fragen
Es kommt sicherlich nicht oft vor, dass Polen und Deutsche sich gemeinsam auf die Suche nach familiären Spuren begeben. Auch wenn nicht auf alle Fragen eine Antwort gefunden werden konnte und sogar neue Fragen aufgeworfen wurden, ist es genau das, was Katarzyna und Christian zu weiteren Nachforschungen motiviert. Vielleicht liefern weitere Dokumente in Marienburg oder Elbing neue Informationen? Oder bestätigt ein DNA-Test die gemeinsame Herkunft der Familien Ploetzing und Pletzing? Schließlich weist das Ergebnis von Christians Y‑DNA-Test eindeutig darauf hin, dass seine männlichen Vorfahren aus Polen stammten. Die Suche geht also weiter, in Deutschland wie in Polen.
In einer polnischen Fassung ist dieser Beitrag zuerst erschienen in Prowincja Nr. 2 (64) 2026.




