Die Lebenswelt der Mennoniten in der Weichselniederung
Von Annelie Kürsten
Ob in kulturhistorischen Veröffentlichungen, bei Stadtspaziergängen oder in Ausstellungsprojekten – beschäftigt man sich mit dem Themenfeld der Vermittlung von historischem Wissen im heutigen Kwidzyn, so stößt man auf ein wiederkehrendes Motiv: die gemeinsame Verantwortung für die Geschichte der (eigenen) Stadt. Dabei versteht eine neue Generation von polnischen Kulturschaffenden das über Jahrhunderte gewachsene deutsch-preußische Erbe als integralen Bestandteil der regionalen Identität an der unteren Weichsel, begleitet von einem bemerkenswerten bürgerschaftlichen Engagement.
Den Einstieg in das Thema ermöglicht eine Postkarte: In der oberen Hälfte präsentiert sie eine historische Schwarz-Weiß-Fotografie, darunter eine zeitgenössische Farbfotografie derselben Stadtansicht – beide optisch dominiert von der unverwechselbaren mittelalterlichen Burg-Anlage, mitsamt ihrem markanten Dansker, und dem Dom. Die obere Aufnahme ist mit dem deutschen Namen »Marienwerder« beschriftet, die untere, die exakt denselben Blickwinkel festhält, mit dem polnischen Namen »Kwidzyn«.
- Auf der Rückseite der Karte finden sich neben der polnischsprachigen Betitelung der gezeigten Panoramen von »Kwidzyn einst und heute« (Panorama Kwidzyna dawniej i współcześnie) kurze Hinweise zu den Fotos:
- Die im oberen Bildteil verwendete historische Postkarte stammt aus der privaten Sammlung von Justyna Liguz, einer in Kwidzyn lebenden Historikerin, deren Name mit zahlreichen Veröffentlichungen, Ausstellungen und regionalen Initiativen verknüpft ist.
- Die Re-Fotografie der Gegenwart wurde von Jacek Dembiński angefertigt, einem lokalen Fotografen, der neben Stadtansichten auch Sport- und Kulturveranstaltungen in Kwidzyn und Umgebung dokumentiert.
- Zudem trägt die Postkarte das Signet von Powiśle (™ e‑powisle.pl), einem Webportal, das Kunsthandwerk und Souvenirs aus der Weichselregion präsentiert und deren Verkauf mit einem lokalhistorischen Storytelling verbindet.
Entstanden ist die Ansichtskarte – auch darauf verweist ihre Rückseite – 2024 im Rahmen des Projekts Mój Kwidzyn [Mein Kwidzyn], das die Einwohner der Stadt dazu einlädt, eigene Postkarten zu gestalten, um städtische Denkmäler und persönliche Perspektiven auf den Ort vorzustellen.
Von getrennten Welten zur gemeinsamen Topografie
Lange Zeit standen die Namen »Kwidzyn« und »Marienwerder« für getrennte Erinnerungswelten. Die deutsche Vergangenheit der Stadt, deren Ursprünge eng mit der Gründung der Deutschordensburg (1233) und der Errichtung des Bischofssitzes im Bistum Pomesanien (1243) verknüpft sind, die nach der Säkularisierung des Ordensstaates Teil des ersten protestantischen Herzogtums Preußen (1525), nach der Ersten Polnischen Teilung in die neu geschaffene Provinz Westpreußen integriert (1772), 1818 zur Hauptstadt des Regierungsbezirks Marienwerder ernannt wurde und auch nach der Volksabstimmung 1920 beim Deutschen Reich (Provinz Ostpreußen) verblieb – diese lange Geschichte endete 1945 abrupt: Dem Zweiten Weltkrieg folgten Flucht und Vertreibung der Deutschen; an ihre Stelle traten polnische Neusiedler, darunter viele Vertriebene aus den vormaligen polnischen Ostgebieten (Kresy), aber auch Zuwanderer aus Zentralpolen. – Für die ehemaligen deutschen Bewohner wurde »Marienwerder« zur verlorenen Heimat, entwickelte sich zum Erinnerungsort; im nunmehr polnischen »Kwidzyn« wurde die deutsch-preußische Vergangenheit hingegen zunächst oft ausgeblendet, verschwiegen oder ideologisch überformt.
Ereignisse wie die archäologische Entdeckung einer Krypta mit drei Hochmeister-Gräbern in der Kathedrale im Jahr 2007 und die wissenschaftliche Aufarbeitung dieses Fundes verdeutlichen jedoch ein verändertes, stärker europäisch geprägtes Selbstverständnis im Umgang mit den historischen Zeugnissen vor Ort. Und nicht zuletzt die 2018 vollzogene offizielle Ernennung des gesamten Kathedral- und Burg-Komplexes zum »Geschichtsdenkmal« (Pomnik Historii), der höchsten und prestigeträchtigsten Form des Denkmalschutzes in Polen, unterstreicht, dass dieser heute längst als Teil des regionalen und nationalen Kulturerbes anerkannt ist.
Über solche Beispiele hinaus lohnt die Bestandsaufnahme einiger nachhaltig wirkender Projekte der letzten Jahrzehnte, die veranschaulichen, wie die Bewohner der Stadt Kwidzyn sich heute mit der Geschichte ihrer Stadt, deren Brüchen und Kontinuitäten auseinandersetzen, wodurch gleichsam die vielf ältigen Spuren der jahrhundertelangen deutsch-preußischen Besiedlung der Stadt und Region für die eigene Stadtgesellschaft lesbar gemacht werden.
Ein Blog als Galerie der Geschichte
»Die Geschichte hat viele Gesichter.« (»Historia ma różne oblicza.«) – So lautet der erste programmatische Satz eines Weblogs, in dem Justyna Liguz zwischen 2012 und 2015 mehr als 100 Posts zur Geschichte von Kwidzyn und der Weichselregion veröffentlicht hat (™ justynaliguz.blogspot.com). Hierbei werden verschiedenartige historische Themen für ein zeitgenössisches polnischsprachiges Publikum aufbereitet, illustriert durch Archivfunde, historische Postkarten, Pläne und Zeitzeugenberichte:
- Aus Anlass des fünften Jahrestags eines Großbrandes im Rathaus von Kwidzyn im Jahr 2007 erfolgt etwa ein Post über die Geschichte des historischen Gebäudes, das 1918 ursprünglich für die Behörden des preußischen Kreises Marienwerder errichtet worden war.
- Ein Jahr, nachdem Liguz in einem niedersächsischen Auktionshaus eine silberne Opfer- und Sammelschale aus dem Jahr 1629 entdeckt hat, beschreiben mehrere Posts die genaueren Zusammenhänge der Identifizierung und Rückkehr dieses wertvollen »Bettlertellers« nach Kwidzyn, von wo er 1945 aus der Kathedrale verschwand.
- Anhand einer historischen Anekdote wird der Schuljahresbeginn im September 1945 beschrieben, als polnische Schüler unterschiedlichster Herkunft – darunter Kinder von Repatriierten, Einheimischen und Zuwanderern – mit ihren jeweiligen regionalen Dialekten in einer Klasse zusammentrafen.
- Gepostet wird auch, dass Ursel Boyens-Heym (1926–2013), die Liguz als Zeitzeugin persönlich kannte, gestorben ist: Die Tochter von Waldemar Heym, dem Gründer und Direktor des »Heimatmuseums Westpreußen in Marienwerder« (1925–1945), war lange Zeit für den »Heimatkreis Marienwerder« in Deutschland aktiv und hat einen großen Beitrag zur Partnerschaft zwischen den Städten Celle und Kwidzyn geleistet.
- Weitere Posts betreffen den »Heimatkreis Marienwerder« selbst sowie Symbole bzw. Spuren der Stadt Marienwerder / Kwidzyn in Bayern.
- Wiederholt thematisiert werden die Überreste von Denkmälern in Kwidzyn und Nachbardörfern, die für die gefallenen deutschen Soldaten des Ersten Weltkrieges errichtet worden waren, nach 1945 teils aber umgewidmet wurden.
- Desgleichen postet Liguz über die Freilegung von mehr als 80 Grabsteinen auf dem evangelischen Friedhof von Cygany (ehemals Zigahnen bzw. Dietmarsdorf), deren Inschriften die multikulturelle Vielfalt der Weichselregion abbilden.
- Zusammengetragen werden historische Belege zur ersten Dom-Orgel, die bis in die Lebenszeit von Dorothea von Montau zurückreichen, und zur Geschichte der späteren Sauer-Orgel.
- Auch überregionale Zäsuren wie die Gründung des Preußischen Bundes 1440, die Einrichtung des Regierungsbezirks Marienwerder oder die Volksabstimmung vom 11. Juli 1920 werden besprochen.
Der Blog, mitsamt einiger Leser-Kommentare (die mittlerweile selbst zeithistorische Dokumente darstellen), bildet heute eine online frei zugängliche Sammlung von Beiträgen zur Geschichte der Weichselregion: die Galeria historii Powiśla.
Fernsehen als stadtgeschichtliches Format
Eine crossmediale Fortsetzung erfuhr der Weblog im Lokalfernsehen Telewizja Kwidzyn, das in Kooperation mit der regionalen Kulturgesellschaft (Kwidzyńskie Towarzystwo Kulturalne) zwischen 2013 und 2017 eine gleichnamige Sendereihe mit Justyna Liguz produzierte; viele der Beiträge finden sich bis heute auf dem Online-Portal des Senders (™ tv-kwidzyn.pl).
Die Sendungen beginnen jeweils mit einer Titelsequenz, in der die Bildwelt einer Geschichtsdokumentation mit der nostalgisch anmutenden Ästhetik eines britischen Krimiklassikers (von konzentriertem Schreibmaschinen-Tippen und einer eingängigen Titelmusik vorangetrieben) verschmilzt – darüber hinaus verzichtet das Format auf aufwendige Inszenierungen. Am Schreibtisch sitzend, spricht Justyna Liguz frei, zeigt und beschreibt historische Postkarten oder Stadtpläne, vergleicht diese mit dem heutigen Erscheinungsbild der Stadt, reflektiert dabei auch über ihre Quellen.
Die themengebundenen Beiträge befassen sich – um nur wenige herauszugreifen – mit Konditoreien und Kaffeehäusern der Stadt vor 1945, mit der Entstehung der heutigen Fußgängerzone, ul. Józefa Piłsudskiego, und ihrer Vorgeschichte als Grünstraße oder mit baugeschichtlichen Details wie Wappendarstellungen an historischen Fassaden der Stadt; anlässlich des 95. Jahrestages behandelt die Reihe die Volksabstimmung von 1920, bei der über die staatliche Zugehörigkeit zu Deutschland oder Polen entschieden wurde; und auch ein Ausstellungsprojekt zur Geschichte des Museums der Stadt wird präsentiert. – Am Ende empfiehlt Liguz oftmals Spaziergänge im Stadtraum selbst, mit seinen zahlreichen historisch wie architektonisch interessanten Ecken, und regt die Zuschauer an, die aufgezeigten »Spuren« in ihrer eigenen Umgebung zu erkunden.
Die Kaffeetreppe und die »Kleine Heimat«
Über das Internet und das Lokalfernsehen hinaus lässt sich die Beschäftigung mit der Vergangenheit Kwidzyns auch in zwei regional verankerten Publikationen verfolgen.
Bereits seit dem Jahr 2000 erscheint das kulturhistorische Magazin Schody Kawowe [Kaffeetreppe], das vierteljährlich vom städtischen Kulturzentrum (Kwidzyńskie Centrum Kultury) herausgegeben wird und zur kostenfreien Mitnahme im Stadtraum ausliegt (u. a. im Tabularium, dem Besucher- und Kulturzentrum am Domplatz). – Der Name des Magazins verweist auf eine auch historisch bedeutsame Wegstrecke, die die tiefer gelegene Weichselniederung mit der Oberstadt verbindet (der mündlichen Überlieferung nach wurde der Pfad, der heute mit Treppenstufen versehen ist, während der napoleonischen Kriege u. a. für den Schmuggel von Kaffee in die Stadt genutzt, vorbei an Patrouillen, die die Hauptwege bewachten). – Reich illustriert und allgemein verständlich, trägt das Magazin als offenes Forum vergessene Stadtansichten, lokale Anekdoten, Denkmäler, persönliche Schicksale und auch Dachboden-Funde historischer Gegenstände zusammen, um das historische Gedächtnis und die Identität vor Ort wiederzubeleben bzw. lebendig zu halten. Über die Jahre hat sich ein fester Autorenstamm herausgebildet, dem verschiedenartige Enthusiasten angehören, zumeist Einwohner aus Kwidzyn, dem Landkreis und der näheren Umgebung, historisch Interessierte wie Fachleute.
Seit 2010 erscheint zudem das Periodikum Prowincja [Die Provinz], das vom Verein für Bürgerinitiativen Taka Gmina [Solch eine Gemeinde] in Sztum (Stuhm) herausgegeben wird, eine sozio-kulturelle Vierteljahresschrift für das untere Weichselland (Powiśle) und das Weichsel-Nogat-Delta (Żuławy), wie es im Untertitel heißt. Der Begriff der »Provinz« wird hierbei im Sinne einer Rückbesinnung auf die eigene »Kleine Heimat« (Mała Ojczyzna) lesbar. – Prowincja verbindet Regionalgeschichte mit Gegenwartsliteratur, Essayistik und Lyrik. Dabei wird auch das vielschichtige deutsch-preußische Erbe berührt, wenn es zum Beispiel um die Architekturgeschichte von Ortskirchen, die Dokumentation historischer Kanaldeckel und derer Beschriftungen oder das Potenzial der Region geht, um nur drei Exempla zu nennen. Die Autoren stammen auch hier aus der Region oder haben zu ihr einen engeren Bezug: von Akteuren der regionalen Gemeinschaften über Künstler bis hin zu Akademikern aus verschiedenen Fachgebieten.
Spazieren im Stadt- und Erinnerungsraum
In jüngerer Zeit hat die Geschichtspraxis in Kwidzyn eine noch stärker partizipative Dynamik entfaltet. Unter dem Titel Miasto Cię szuka! [Die Stadt sucht Dich!] finden seit 2024 thematisch fokussierte Spaziergänge statt, bei denen Aspekte der Stadtgeschichte gemeinsam erkundet werden: u. a. Geschichten und architektonische Brüche rund um die gotische Kathedrale, Vorkriegsarchitekturen, die jüdische Minderheit in Marienwerder, mennonitische und evangelische Friedhöfe im Umland oder die infrastrukturelle Bedeutung des preußischen Eisenbahnbaus für die Stadt. Das Format, das sich insbesondere an die heutige Einwohnerschaft richtet, bietet dabei Ansatzpunkte, die jeweils eigene Geschichte einzubringen.
Darüber hinaus wird die Beschäftigung mit der Geschichte aktuell nicht zuletzt auch in den Sozialen Medien augenf ällig: Kreative Initiativen wie Powiśle Studio generieren auf der Basis von historischen Fotos, Postkarten und Tagebuch-Passagen mithilfe digitaler Technologien (KI) etwa narrative Bildwelten (™ facebook.com /powisle
studio). Verbunden mit regionalem Storytelling bieten auch sie der Online-Community verschiedenartige Anlässe, über Kontinuitäten oder Brüche in der regionalen Topografie zu reflektieren.
Seit Ende August dieses Jahres ist die Burganlage in Kwidzyn wegen umfassender Sanierungs- und Modernisierungsarbeiten für den regulären Publikumsverkehr geschlossen (die Kathedrale bleibt weiterhin zugänglich). Für die Wiedereröffnung in voraussichtlich drei Jahren ist dann auch eine neue Dauerausstellung geplant: Taki oto Kwidzyn [So ist Kwidzyn]. Justyna Liguz ist an diesem Vorhaben ebenfalls maßgeblich beteiligt – als Beauftragte für den Aufbau und die Betreuung der stadtgeschichtlichen Sammlung. Die Stadtgesellschaft, die sich in den vergangenen Jahren intensiv mit ihrer eigenen Umgebung und deren Vergangenheit auseinandergesetzt hat, wird dabei vermutlich selbst zum Thema werden: als Akteur eines lebendigen Laboratoriums, das den städtischen Raum vor Ort wie ein historisches Archiv erkundet.




