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Expeditionen in eine faszinierende Unterwasserwelt

Wracktauchen in der Danziger Bucht

Von Magdalena Pasewicz-Rybacka

Georg Büchner, Christa, Solen, Wicher – diese geheimnisvoll klingenden Namen gehören zu Wracks, von denen heute Hunderte auf dem Grund der polnischen Ostsee ruhen. Darunter befinden sich Kriegs- und Handelsschiffe, Fischkutter und Passagierdampfer, die allesamt ihr Ziel nie erreicht haben. Sie sind Zeugen verschiedener Epochen und Ereignisse, die heute dank dem Wracktauchen erschlossen werden können – einer außergewöhnlichen Form des Kulturtourismus, bei der Sport, Interesse an Geschichte und echte Abenteuerlust miteinander verknüpft werden.

Die Vorzüge des Ostseegrundes

Die polnische Ostsee­küste, insbe­sondere die Danziger Bucht, ist ein faszi­nie­render Ort für das Wrack­tauchen – nicht nur wegen ihrer reichen Vergan­genheit, sondern auch aufgrund besonders günstiger natür­licher Bedin­gungen: Das spezielle Meeres­milieu, geprägt durch einen geringen Salzgehalt, schwache Sauer­stoff­ver­sorgung der boden­nahen Wasser­schichten und dauerhaft niedrige Tempe­ra­turen, verlangsamt den Zerfall von Holz und Metall und konser­viert versunkene Einheiten hervor­ragend. Hinzu­kommt, dass unter diesen Bedin­gungen kein Schiffs­bohrwurm begegnet – eine gefräßige Muschelart, die Holz in kürzester Zeit zu zerstören vermag. Dadurch sind selbst mehrere jahrhun­der­tealte hölzerne Segel­schiffe am Meeres­grund nahezu unver­sehrt erhalten geblieben.

Infol­ge­dessen sind die Wracks in der Danziger Bucht oft in deutlich besserem Zustand als Objekte in wärmeren Meeren. Das erlaubt heute noch Unter­was­ser­ar­chäo­logen, zahlreiche archi­tek­to­nische Details, militä­rische Ausrüs­tungen und sogar kleine persön­liche Gegen­stände der Besatzung zu entdecken, die wirken, als sei die Zeit im Moment der Kata­strophe stehen­ge­blieben: So bilden die Wracks der Ostsee oft regel­rechte Unter­was­ser­museen. Beim Tauchen um sie herum lassen sich problemlos Treppen, Steuer­räder, Davits, ­Teile der Takelage und auf Kriegs­schiffen auch Artil­le­rie­stel­lungen oder verstreute Muniti­ons­kisten erkennen.

Die visuelle Erscheinung dieser Struk­turen wird dadurch verstärkt, dass sie im Laufe der Jahre zu einem integralen Bestandteil des Ökosystems geworden sind. Wracks wirken wie künst­liche Riffe und bieten vielf ältigem Meeres­leben Schutz. Metallene und hölzerne Bordwände sind von dichten Muschel­ko­lonien und kleiner Flora bewachsen und schaffen eine faszi­nie­rende, lebendige Szenerie. Um die versun­kenen Schiffe kreisen ständig Fisch­schwärme, in Spalten verstecken sich Garnelen und Krabben, und im freien Wasser schweben pitto­reske Quallen majes­tä­tisch umher. Mit etwas Glück begegnet man hier auch neugie­rigen Platt­fi­schen sowie mächtigen Dorschen von über einem halben Meter Länge, für die alte Laderäume ideale Jagdre­viere darstellen.

Unterwasser-Zeitkapseln für jedes Tauchniveau

Die Erkundung des Ostsee­grundes ist eine Reise durch Hunderte Jahre Schiff­fahrts­ge­schichte. Die Vielfalt der Unter­was­ser­at­trak­tionen ist so groß, dass sich Touren für völlig unter­schied­liche Erfah­rungs­stufen planen lassen. Die Wracks in der Danziger Bucht liegen in verschie­denen Tiefen. Viele befinden sich bereits wenige oder ein Dutzend Meter unter der Wasser­ober­fläche, so dass man sie schon mit einem grund­le­genden Kurs zum Open Water Diver (OWD) aufsuchen kann, der zum Tauchen bis zu einer Tiefe von 18 m berechtigt. 

Tiefer gelegene Einheiten sind dagegen ein ideales Ziel für fortge­schrittene Sport­taucher und erfordern spezi­elles Training, eine hervor­ra­gende Beherr­schung der Sicher­heits­ver­fahren und teilweise eine zusätz­liche technische Ausrüstung. Einer der besonders beliebten Orte ist die ORP Wicher. (ORP ist die Abkürzung für Okręt Rzeczy­pos­po­litej Polskiej, was »Kriegs­schiff der Republik Polen« bedeutet; und Wicher ist das polnische Wort für »Sturm«.) Dieser berühmte polnische Zerstörer nahm im September 1939 aktiv an der Vertei­digung der Küste teil. In der Nähe des Hafens von Hela versenkt, ruht er heute in vergleichs­weise geringer Tiefe. Aufgrund der günstigen Bedin­gungen genießt die Lager­stätte der Wicher eine hohe Bekanntheit, denn genau hierher bringen viele Tauch­lehrer auch Anf änger für deren erste Tauch­gänge an einem echten Großwrack.

Ein weiteres Beispiel für ein relativ leicht zu erkun­dendes Objekt ist der sowje­tische U‑Boot-Jäger Grozny, der in der Nähe von Putzig Heisternest (Jastarnia) liegt. Das in sicherer Tiefe von etwa zwölf Metern ruhende Wrack ermög­licht es, diese militä­ri­schen Patrouille-Einheit aus der Nachkriegszeit komfor­tabel zu umrunden und ihre klassische Linien­führung zu bewundern. – Ebenso großer Beliebtheit erfreut sich der Verbin­dungs­kutter Bryza (­K­18), der 2009 vor der Küste von Hela absichtlich versenkt wurde und nun – insbe­sondere auch touris­ti­schen – Kursteil­nehmern zu Übungs­zwecken zur Verfügung steht. Die Bryza (dt. »Brise«) ruht aufrecht auf sandigem Grund in etwa 20 m Tiefe. Dieses Objekt wurde vollständig an die Bedürf­nisse von Tauchern angepasst, und dank zahlreichen offenen Bereichen ist es möglich, gefahrlos ins Innere zu schwimmen und den Kutter auch dort zu erkunden.

Eine völlig andere Dimension des Abenteuers bieten archäo­lo­gische Fundstätten, unter denen die Solen (dt. »Sonne«), eine schwe­dische Dreimast-Galeone aus dem 17. Jahrhundert, geradezu eine Berühmtheit ist. Dieses Schiff – ursprünglich von den Schweden in den Nieder­landen gekauft und zu einem Kriegs­schiff umgebaut – ging während der Schlacht bei Oliva am 28. November 1627 in die Geschichte ein, als es infolge einer Explosion sank. Auf die Überreste des Wracks stieß man 1969 zuf ällig beim Bau des Nordhafens in Danzig. Obwohl in den 1970er Jahren die wertvollsten Artefakte, darunter prächtige Bronze­ge­schütze, geborgen wurden, zieht die Fundstelle weiterhin viele Taucher an. Aus Gründen der Schiff­fahrts­si­cherheit wurde das Wrack 1980 in die Gegend von Gdingen-Adlershorst verlegt, wo es in einer Tiefe von 12 bis 16 Metern ruht und bis heute ein greif­bares Zeugnis der Seeschlachten des 17. Jahrhun­derts darstellt.

Heraus­for­de­rungen der Tiefe 

Nur fortge­schrit­tenen Tauchern bleiben demge­genüber die mächtigen Stahl­ko­losse aus Kriegs- und Nachkriegs­zeiten vorbe­halten, die in größeren Tiefen liegen. Darunter genießt die südöstlich von Hela gesunkene Franken, ein gewal­tiger deutscher Tanker, der 9.500 t Treib­stoff trans­por­tieren konnte und nun in 66 m Tiefe liegt, einen legen­dären Ruf. 1943 in die Flotte einge­gliedert, wurde er im April 1945 von der sowje­ti­schen Luftwaffe bombar­diert. Infolge der Explosion brach er in zwei Teile, die heute mehr als 400 m vonein­ander entfernt auf dem Grund der Ostsee liegen. – Ein weiteres Beispiel ist der Minen­sucher V‑315, der 1945 infolge einer Kollision mit dem Fracht­schiff Hendrik Fisser 7 sank. Trotz seiner Lage in beträcht­licher Tiefe (62 m) wird er gerne von Tauchern besucht und gilt – nicht zuletzt wegen seines hervor­ragend erhal­tenen Steuerrads – als eines der eindrucks­vollsten Wracks der Region.

Eine außer­ge­wöhn­liche Ergänzung der regio­nalen Wrack-Karte bildet die monumentale Militär­ar­chi­tektur der Torpe­do­ver­suchs­station in Gdingen-Hexengrund (Babie Doły), die von der Luftwaffe erbaut und im April 1942 einge­weiht worden war. Gut 5 km südlich davon entstand bei Oxhöft (Oksywie) eine weitere, von der Kriegs­marine betriebene Station. Über acht Jahrzehnte haben Witte­rungs­ein­flüsse und die Meeres­brandung dafür gesorgt, dass von der u‑förmigen Anlage mit ihrem aufra­genden Befehls- und Beobach­tungsturm kaum mehr als das Stahlbeton-Gerippe übrig­ge­blieben ist. Das Tauchen in der Nähe dieser maleri­schen, verlas­senen Ruine bietet ganz andere Eindrücke als ein Besuch von Schiffs­wracks: Im klaren Wasser, das die Beton­fun­da­mente umgibt, lässt sich die zerstö­re­rische Kraft von Zeit und Elementen unmit­telbar wahrnehmen; ebenso wie alle anderen Relikte des Zweiten Weltkrieges hat diese Anlage ihr Bedroh­liches inzwi­schen verloren und sich zu einem Sinnbild der Vergäng­lichkeit gewandelt.

Höhepunkte von Unter­was­ser­ex­pe­di­tionen im östlichen Teil der polni­schen Ostsee bilden zwei Ausfahrten außerhalb der engeren Zone der Danziger Bucht; denn an der Grenze zur offenen See warten auf die erfah­rensten Taucher zwei außer­ge­wöhn­liche, monumentale Wracks. – Das erste von ihnen ist die Georg Büchner – ein 154 m langes Passagier- und Fracht­schiff, das 2013 in der Nähe von Rixhöft sank und in einer Tiefe von 37 m zum Liegen kam. Ein Tauchgang zu diesem Wrack ist eine erheb­liche Heraus­for­derung für den Orien­tie­rungssinn. Der Rumpf liegt um 90 Grad gedreht auf der Steuer­bord­seite und ruft dadurch eigen­tüm­liche Effekte hervor: Schwimmt der Taucher entlang der Decks, erscheinen diese ihm als senkrechte Wände, während sich ehemalige Korridore und Reihen von Bullaugen in der Waage­rechten darbieten. 

Das zweite der gesun­kenen Schiffe ist die etwas weiter nördlich liegende berühmte Graf Zeppelin. Dieser beein­dru­ckende, 262 m lange einzige deutsche Flugzeug­träger aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges ist das größte Wrack im gesamten Ostsee­becken und ruht in 87 m Tiefe. Das noch nicht fertig­ge­stellte Schiff wurde 1945 von den Russen erbeutet und sank zwei Jahre später während eines Schlepp­vor­gangs auf der Ostsee. Jahrzehn­telang blieb der Ort ihres Unter­gangs ein Geheimnis; erst vor 20 Jahren wurde das Wrack nördlich von Großendorf (Władisławowo) gefunden. Aufgrund starker Strömungen, der großen Dunkelheit und der so genannten – von Fischern verlo­renen oder am Meeres­grund hängen­ge­blie­benen – »Geister­netze« stellt das Tauchen an dieser Stelle eine erheb­liche sport­liche Heraus­for­derung dar. Die Möglichkeit aber, die gewal­tigen Öffnungen der Flugzeug­aufzüge oder die demolierten Aufbauten dieses Schiffes mit eigenen Augen zu sehen, entschädigt gänzlich für alle Mühen, die die profes­sio­nelle Vorbe­reitung der Tauch­gänge bereitet.

Logistik, Technik und Risiken

Ein großer Vorteil der polni­schen Küste besteht darin, dass Wrack-Expeditionen von vielen Orten aus organi­siert werden – von Gdingen und Danzig über Putzig und Putziger Heisternest bis nach Hela. Die gut ausge­baute Infra­struktur von Tauch­basen und ‑zentren bietet vielf ältige Möglich­keiten, problemlos spezia­li­sierte Ausrüs­tungen zu entleihen, Flaschen mit geeig­neten Gasge­mi­schen zu befüllen sowie Motor­boote vom Typ RIB – Rigid Inflatable Boat (»Festrumpf­schlauchboot«) – zu mieten, die Taucher schnell und sicher direkt zu den Wrack­po­si­tionen bringen.

Das Tauchen in der Ostsee unter­scheidet sich jedoch grund­legend von Tauch­gängen in den warmen Gewässern Ägyptens oder Kroatiens und stellt den mensch­lichen Körper sowie die Ausrüstung vor weiter­ge­hende sport­liche bzw. technische Heraus­for­de­rungen. Die Sicht­weite in der Ostsee ist oft gering; sie beträgt manchmal einige, zuweilen auch nur zwei Meter. Die besten Bedin­gungen herrschen am Anfang des Frühjahrs und im Herbst. Eine zentrale Erschwernis bildet zudem die schon erwähnte niedrige Wasser­tem­pe­ratur der Ostsee, die selbst im Sommer selten über 4–6 °C steigt; dies fördert zwar die Konser­vierung der Schiffs­wracks, macht für Taucher gleich­zeitig aber den Einsatz von Trocken­tauch­an­zügen erfor­derlich. Nicht zu vergessen sind überdies unkal­ku­lierbare Meeres­strö­mungen, die den Abstieg zum Wrack erheblich kompli­zieren und in der Nähe von Öffnungen und Luken Sogkräfte freisetzen können.

Standard­mä­ßiges Wrack­tauchen besteht vor allem darin, um die äußeren Struk­turen herum­zu­schwimmen. Selbst bei der Erkundung des Außen­be­reichs muss man jedoch fortwährend auf scharfe, korro­dierte Baustahl-Kanten sowie auf herab­hän­gende Netze achten, in denen sich Taucher leicht verfangen können. In ein Wrack hinein zu schwimmen, ist nur dann zulässig, wenn von jedem Aufent­halts­punkt aus ein direkter, heller Ausgang ins offene Wasser sichtbar ist. Dabei ist überdies zu berück­sich­tigen, dass Luftblasen oder unvor­sichtige Bewegungen Rost von der Decke zu lösen oder Boden­se­diment aufzu­wirbeln vermögen, wodurch die Sicht plötzlich auf null einge­schränkt werden kann. Aus diesem Grund ist das Erfor­schen geschlos­sener Räume ausschließlich Personen mit einer Advanced Wreck Diver-Quali­fi­kation (AWD) vorbe­halten – einem Spezi­al­tauch­schein für das tiefe Eindringen in Wracks, bei dem Taucher ähnlich wie beim Höhlen­tauchen Führungs­leinen verwenden und über eine vollständige Redundanz der kriti­schen Systeme verfügen. 

Tauch­ethik: Der Schutz des Unterwasser-Erbes

Das Tauchen an Ostsee­wracks ist mit einer großen morali­schen und recht­lichen Verant­wortung verbunden. Jedes dieser Objekte ist nicht nur eine touris­tische Unter­was­ser­at­traktion, sondern vor allem ein Zeugnis mensch­licher Schicksale und oft auch letzte Ruhestätten im Meer.

Bei Wracks, die für den touris­ti­schen Tauch­be­trieb freige­geben sind, setzt jedes profes­sio­nelle Tauch­zentrum eine univer­selle ethische Regel durch: »Ansehen – nicht berühren, nichts mitnehmen.« Jeglicher Eingriff in die Struktur des Wracks, das Versetzen von Ausrüs­tungs­teilen oder das Bergen von »Souvenirs« vom Meeres­grund ist verboten. Ein solches Verhalten würde nicht nur einen Verstoß gegen Vorschriften zum Schutz von Denkmälern darstellen, sondern vor allem die histo­rische Geschlos­senheit dieser Orte unwie­der­bringlich zerstören.

Indem wir Wracks respek­tieren und sie unberührt lassen, tragen wir dazu bei, dass auch kommende Genera­tionen von Tauchern dieselbe Freude am Entdecken der unter den Wellen der Ostsee verbor­genen Geheim­nisse erleben können. Bewusstes, sicheres und verant­wor­tungs­volles Wrack­tauchen ist eine außer­ge­wöhn­liche Form der Begegnung mit der Geschichte. Sie schreibt sich dauerhaft in die Erinnerung jedes Menschen ein, der einmal den Mut hatte, in die geheim­nis­vollen Tiefen der Danziger Bucht hinabzutauchen.