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Zum guten Schluss

Die Kreuzi­gungs­gruppe in der Schloss­kirche der Marienburg trägt die Spuren des Zweiten Weltkrieges: Das spätestens Mitte des 15. Jahrhun­derts entstandene Bildwerk ist versehrt und zum Fragment geworden wie unzählige Einzel­leben im Zusam­menhang von Krieg, Völkermord, Flucht und Vertreibung. Dabei tritt in den Verseh­rungen im Zusam­menhang konkreter histo­ri­scher Zusam­men­hänge nur zutage, was für uns Menschen »an sich« gilt; dass wir eben Fragmente sind – wie es der Theologe Henning Luther formu­liert: »Ruinen unserer Vergan­genheit, Fragmente zerbro­chener Hoffnungen, verron­nener Lebens­ent­würfe, verwor­fener Möglich­keiten, vertaner und verspielter Chancen. Wir sind Ruinen aufgrund unseres Versagens und unserer Schuld ebenso wie aufgrund ‑zugefügter Verlet­zungen und erlit­tener und wider­fah­rener Verluste und ‑Nieder­lagen.« 

Unbenommen des kunst-geschichtlichen Verlusts, den die Verheerung der Marien-burger Kreuzi­gungs­gruppe darstellt, kommt ihrer jetzigen Gestalt somit Sinnhaf­tigkeit zu: Sichtbar wird nochmal in eigener Weise, dass Jesus Christus durch seine Fleisch­werdung den Menschen nicht in irgend­einer abstrakten Weise angenommen hat, sondern ganz konkret in seiner Fragment­haf­tigkeit: mit seinem Versagen, seiner Schuld sowie seinen Verlet­zungen, Verlusten und Nieder­lagen. Damit sind diese Übel nicht aus dem Leben der Menschen getilgt. Im Wissen darum, dass Jesus Christus sie jedoch bis ans Kreuz und in den Tod getragen hat, dabei jedoch nicht stehen­ge­blieben, sondern aufer­standen ist, lädt der Glaube an Jesus Christus zu der Hoffnung ein, dass diese Übel nicht das letzte Wort bleiben. Daher hat es einen guten Grund, wenn man mit Henning Luther aus dem Fragment eine Bewegung hervor­gehen sieht, »die den Zustand als Fragment zu überschreiten sucht«: »Sein Wesen ist Sehnsucht. Es ist auf Zukunft aus.«

Text: Tilman Asmus Fischer | Foto: Ursula Enke