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»Gott erhalte Stub’ und Kammer und bewahre sie für Jammer«

Die Lebenswelt der Mennoniten in der Weichselniederung

In der Museums­land­schaft der Stadt Thorn hat der Name der Ethno­login Maria Znamierowska-Prüfferowa (1898–1990) bis heute einen beson­deren Klang: Mit ihm verbindet sich ein außer­ge­wöhnlich erfolg­reiches Projekt, das seinen Anfang im Jahre 1946 nahm, als die damalige Assis­tenz­pro­fes­sorin an der Kopernikus-Universität eine ethno­gra­phische Abteilung für das im Rathaus angesie­delte Stadt­museum konzi­pierte. Ihr unermüd­liches Bestreben, das materielle und immate­rielle Kulturerbe der nördlichen Region Pomorze zu bewahren und publi­kums­wirksam zu präsen­tieren, führte im Jahre 1959 zur Gründung eines – nördlich der Altstadt gelegenen – eigenen Museums, das 1999, anlässlich des 40-jährigen Jubiläums, nach seiner langjäh­rigen Direk­torin benannt wurde.

Aktuell verfügt das Haus über mehr als 72.000 Exponate; in dem parkähn­lichen Außen­ge­lände wurden archi­tek­to­nische Denkmäler zusam­men­ge­führt und zudem ein kleines »Amphi­theater« errichtet. Auftritte von Volksmusik-Kapellen und Tanzgruppen, Folklo­re­märkte und Workshops – gerade jetzt im Frühjahr zur kunst­vollen Gestaltung der tradi­tio­nellen Ostereier – machen das Ethno­gra­phische Museum zu einem leben­digen Ort, auf den sein Wirkungs­be­reich aller­dings nicht begrenzt bleibt. Bereits in den späten sechziger Jahren wurde mit dem Kauf eines histo­ri­schen Gehöfts im östlich gelegenen (seit 1976 nach Thorn einge­mein­deten) Kaschorek (Kaszc­zorek) der Grund­stein für einen zweiten, ebenfalls reich ausge­stat­teten Freilichtpark gelegt. Südwestlich der Stadt, strom­ab­wärts am linken Weich­selufer, fand ein halbes Jahrhundert später die Eröff­nungs­feier für eine weitere Depen­dance statt, mit der das Museum einen ganz eigenen Akzent setzt, denn sie ist bezeich­nen­der­weise über die »Mennoniten-Straße«, die ul. Menno­nitów, zu erreichen.

Der Olenderski Park Etnogra­ficzny liegt idyllisch und von ländlicher Stille umgeben in unmit­tel­barer Nähe des Dorfes Groß Nessau (Wielka Nieszawka), dessen Name sich aufs engste mit der bewegten Siedlungs­ge­schichte der Menno­niten in Westpreußen seit dem frühen 16. Jahrhundert – und insbe­sondere mit ihren Verdiensten um die Trocken­legung und Urbar­ma­chung der ständig durch Hochwasser bedrohten, unwirt­lichen Weich­sel­nie­derung – verbindet. Neben der kleinen, 1778 errich­teten und nach einem Blitz­ein­schlag 1889 wieder­her­ge­stellten Holzkirche im Nachbarort Klein Nessau, die heute von der katho­li­schen Kirche genutzt wird, zeugt vor allem der von alten Bäumen überschattete evangelisch-mennonitische Friedhof von den ehema­ligen Glaubens­flücht­lingen aus den Nieder­landen. Diese histo­ri­schen Anknüp­fungs­punkte mögen den Ausschlag dafür gegeben haben, bewusst hier – unter Einbe­ziehung des Gottes­ackers – die Idee von einer exempla­ri­schen Menno­ni­ten­siedlung, der ersten in Polen, zu verwirk­lichen. Ende 2011 wurde zwischen der Woiwod­schaft Kujawien-Pommern, der Gemeinde Groß Nessau und dem Museum eine Absichts­er­klärung über die Gründung des Parks unter­zeichnet, und sieben Jahre später, im Mai des Jahres 2018, konnte die Anlage schließlich an die Öffent­lichkeit übergeben werden.

Hinter dem fünf Hektar großen Areal des Parks fließt parallel zur Weichsel einer der typischen Entwäs­se­rungs­kanäle, von denen die gesamte Region dicht durch­zogen wird, und ihm zur Seite führt eine kleine, von Weiden gesäumte Straße, entlang derer nun drei Gehöfte unter­schied­licher Herkunft und Komple­xität einen neuen Ort gefunden haben. Gemeinsam sollen sie das Bild eines Dorfes in der Weich­sel­nie­derung von der Wende des 19. zum 20. Jahrhundert veran­schau­lichen. Einge­bettet zwischen Wiesen, Äckern, Gemüse- und Obstgärten, sind sie jeweils mit charak­te­ris­ti­schen Flecht­zäunen eingehegt, und keines­falls fehlen darf ein liebevoll gepflegter, üppig blühender Blumen­garten vor dem Haus, der wohl als eine kultu­relle Reminiszenz an das ferne Land der Vorfahren gedeutet werden kann.

Besucher, die Einlass in das Museum begehren, erreichen vom großen Parkplatz aus direkt das nächst­lie­gende Ausstel­lungs­objekt und werden dort im Kassen­be­reich mit einem kleinen Verkaufsshop freundlich von Mitar­bei­te­rinnen bzw. Mitar­beitern begrüßt, die sich auch beim späteren Rundgang als stets hilfreich und äußerst kundig erweisen. Zu Beginn der Besich­tigung geben Erklä­rungs­tafeln auf Polnisch und Englisch zunächst allgemein einfüh­rende Infor­ma­tionen zur Geschichte und Kultur der Menno­niten, bevor der Blick auf die Beson­der­heiten des ersten Gutshofes gelenkt wird, der aus Guttau(Gutowo)stammt, einem Ort, der nordwestlich von Thorn bei Groß Bösendorf liegt. 

Unter dem langge­streckten Dach sind der gemauerte Bereich für das Vieh sowie der hölzerne Wohntrakt, der später durch einen Vorbau erweitert wurde, vereint. Bei der Einrichtung lässt aufmerken, dass die einstigen Bewohner bereits über einen Einbau­schrank verfügten; der weiße Kachelofen mit seinem reich verzierten krönenden Aufsatz schmückt die gute Stube ebenso wie das unterhalb der Zimmer­decke umlau­fende Spruchband, das mit seinen Bibel­worten, insbe­sondere Versen aus dem 23. Psalm, mit Gebeten und einem Zitat von Ernst Moritz Arndt – »Fürchte Gott, tue Recht und scheue niemand« – zur täglichen Ermahnung diente und von einer tiefen Religio­sität zeugt.

Niemand sollte diesen Raum verlassen, der sich nicht zuvor mit der abenteu­er­lichen Geschichte einer dort einge­bauten Pforte beschäftigt hat. Sie stammt aus der Kirche von Schönsee (Sosnówka), die zunächst vor kriege­ri­schen Zerstö­rungen bewahrt blieb; nach 1945 jedoch verfiel das Gebäude zusehends. Ein Pole nahm sich ihrer an und verbrachte sie Anfang der 90er Jahre einschließlich des Türsturzes, eines Balkens, der die Jahreszahl Anno 1770 trägt, in die Nieder­lande – durchaus mit der (nicht unbedingt legalen) Absicht, sie dort zum Verkauf anzubieten. Ein Pastor der menno­ni­ti­schen Gemeinde in Haarlem erwarb das wertvolle Fragment, um es in seiner Kirche auszu­stellen, und er sorgte letztlich dafür, dass es über Umwege wieder ins Land an der unteren Weichsel zurück­kehren konnte*. Feierlich und unter medialer Aufmerk­samkeit wurde die Tür am 21. September 2021 der Museums­leitung in Groß Nessau übergeben und sodann in das Haus aus Guttau eingebaut.

Beim zweiten Gebäude des Museums handelt es sich um ein im 18. Jahrhundert erbautes Gehöft, das Denkmal­schützer in Niedwitz (Niedź­wiedź) bei Schwetz ausge­macht hatten; da es in der gesamten Region als ein letztes Beispiel für einen langge­streckten Holzbau gilt, der in seiner ursprüng­lichen Form erhalten geblieben ist, wurde es zur sachge­rechten dauer­haften Bewahrung dem »Haulender«-Park in Groß Nessau überant­wortet. Um anschaulich zu demons­trieren, wie die Siedler einst ihre Anwesen vor Hochwasser schützten, wurde das Gebäude auf einem aufge­schüt­teten Siedlungs­hügel, einer Terp, errichtet und zudem auf einen Stein­sockel gestellt. Die heutige Gestaltung der Innen­räume will den Besuchern die eher beschei­de­neren Lebens­be­din­gungen einer Familie um 1890 nahebringen.

An dieser Stelle soll genauer erläutert werden, welch eines komplexen und zeitauf­wän­digen Prozesses es bedarf, bis schüt­zens­werte Objekte wie jene in Groß Nessau eine sichere, neue Heimat gefunden haben; in den konkreten Fällen beanspruchte es während der Planung des Freilicht­mu­seums immerhin den Zeitraum von 2012 bis 2015.

Am Anfang aller Bemühungen steht eine fundierte sachkundige Studie über den Erhal­tungs­zu­stand und den archi­tek­to­ni­schen und histo­ri­schen Wert eines Gebäudes sowie die Frage, inwieweit es überhaupt für die jeweilige Region als reprä­sen­tativ gelten kann. Scheint eine Verlegung angeraten zu sein, wird für die Demontage ein detail­liertes Inventarisierungs- und Messpro­tokoll gefordert; aufwändige Materi­al­prü­fungen, gegebe­nen­falls dendro­chro­no­lo­gische oder mykolo­gische Unter­su­chungen, stehen an; Kennt­nisse über tradi­tio­nelle Bautech­niken sind unbedingt notwendig, und nicht zuletzt müssen vertrau­ens­würdige Handwerks­be­triebe gefunden werden, die auch kompli­zierte Ausbesserungs- und Rekon­struk­ti­ons­ar­beiten profes­sionell und koordi­niert durch­führen können. 

Idealer­weise werden die Abläufe und Verfah­rens­weisen auf Fachkon­fe­renzen disku­tiert und in Forschungs­be­richten dokumen­tiert. Ewa Tyczyńska, eine wissen­schaft­liche Mitar­bei­terin am Museum, fordert in einer ihrer Arbeits­do­ku­men­ta­tionen die strikte Einhaltung aller grund­le­genden Konser­vie­rungs­regeln, weil nur dadurch die Authen­ti­zität der histo­ri­schen Gebäude bewahrt werden kann; und darin sieht sie letztlich die Prämisse für jegliche erfolg­reiche Museums­arbeit vor Ort**.

Vor der Besich­tigung des dritten und letzten Ausstel­lungs­ob­jekts empfiehlt es sich, zunächst den Weg zum Friedhof einzu­schlagen, um an diesem ehrwür­digen Erinne­rungsort innezu­halten und die melan­cho­lische Stimmung, die über dem unberührt wirkenden Gräberfeld liegt, auf sich wirken zu lassen. Oftmals namenlos und nur noch durch brüchig gewordene, bemooste Begren­zungs­steine kenntlich, werden die verein­zelten Grabstätten zu stummen Zeugen der Geschichte und der Vergäng­lichkeit. Dort, wo die Angehö­rigen der ortsan­säs­sigen Glaubens­ge­mein­schaft über viele Jahrzehnte bis 1945 ihre letzte Ruhestätte fanden, wurden im Zuge der Museums­planung zahlreiche Grabsteine, auf denen sich mehrmals der vertraute Famili­enname Bartel findet, von anderen Fried­höfen aus der Weich­sel­nie­derung – so aus Schönsee und Kulmisch Roßgarten (Rozgarty) – zusam­men­ge­tragen und zu einem Lapidarium vereinigt. 

Diesem Ort des stillen Gedenkens steht die Rekon­struktion des kleinen Dorfes zur Seite, das nun seiner­seits die Erinnerung an seine ehema­ligen Bewohner wachzu­rufen vermag und die Besucher mit deren Lebenswelt vertraut machen will.

Dazu bietet das dritte Exponat, eine Hofanlage, die aus einem Ensemble von vier Gebäuden besteht, hervor­ra­gendes Anschau­ungs­ma­terial. Hinter einer Scheune aus Groß Wolz(Wielki Wełcz), einer bereits 1560 in der Nähe von Graudenz gegrün­deten menno­ni­ti­schen Siedlung, einem Getrei­de­speicher aus Groß Sanskau (Wielkie Zajączkowo) bei Schwetz sowie einem kleinen Haus für Landar­beiter aus Montau­er­weide (Mątowskie Pastwiska) im Kreis Stuhm, das in seiner Form als einzig erhal­tenes Beispiel von beson­derem Wert ist, f ällt sogleich das pracht­volle, reprä­sen­tative Vorlau­benhaus ins Auge, das einst in Kanitzken (Kaniczki), Kr. Marien­werder, stand. Seit 1759 hat es viele nachvoll­ziehbare Umbauten erfahren, für die musealen Zwecke hat man sich jedoch für eine Rekon­struktion des Zustandes aus der Zwischen­kriegszeit entschieden. Die gesamte Ausstattung insze­niert auf eindrucks­volle Weise – und um hohe Authen­ti­zität bemüht – den Lebensstil eines wohlha­benden protes­tan­ti­schen Bauern und seiner Familie aus jener Zeit. Zu dem kulti­vierten Interieur zählt neben dem gedie­genen Mobiliar beispiels­weise eine originale kostbare Tapete: Fragmente wurden bei Restau­rie­rungs­ar­beiten freigelegt und sodann sorgsam auf einer Wand zusam­men­gefügt, während sich die übrigen Flächen mit einer Kopie begnügen mussten. Zudem wurde eine Fülle von Gegen­ständen des täglichen Bedarfs zusam­men­ge­tragen und liebevoll arran­giert; und in den einzelnen Räumen lassen sich zahlreiche Küchen­uten­silien, Kleidung­s­tücke und vor allem alte Bücher, Dokumente und Bilder studieren, die von früheren Lebens­ge­schichten erzählen und die Fantasie der Besuche­rinnen und Besucher beflügeln wollen.

Im Zusam­menhang mit der inten­siven Arbeit an einer sachge­rechten wie detail­ge­treuen Revita­li­sierung – die sich auch in einem breiten, vielf ältigen Programm von Workshops wider­spiegelt – ist es aufschluss­reich, auf ein Schreiben des Ethno­gra­fi­schen Museums Thorn hinzu­weisen, das im Jahre 2017, also ein Jahr vor der Eröffnung des Freilicht­parks, im »Rundbrief des Menno­ni­ti­schen Arbeits­kreises« abgedruckt wurde. Darin wird eindringlich an die Nachfahren der westpreu­ßi­schen Menno­niten appel­liert, ihren umfang­reichen, wertvollen Erfah­rungs­schatz nicht dem Vergessen anheim­fallen zu lassen, sondern ihr Wissen weiter­zu­geben, damit das Museum dem wichtigen Bildungs­auftrag gerecht zu werden vermag, die Geschichte der hollän­di­schen Siedler und ihre Beziehung zu den polni­schen Mitbürgern zu erfor­schen und derart auch einen Beitrag zur Aufar­beitung negativer Stereo­typien zu leisten. Daran schließen ein umfas­sender Katalog mit Fragen zu allen möglichen Lebens­be­reichen sowie die Bitte an, durch histo­rische Zeugnisse jeglicher Art die Sammlung des Parks zu bereichern.

Wie weit das Konzept der Museums­macher überzeugt, mögen die Besucher auf ihrem Rundgang selbst beurteilen. Für Touristen der Stadt Thorn aber lohnt sich ein Abstecher zum Olender-Dorf in jedem Falle, zumal der Park – und dies ist ein weiteres origi­nelles Angebot des ideen­reichen Teams – von Thorn aus auch mit einem flachen tradi­tio­nellen Flissaken-Boot über die Weichsel angesteuert werden kann.

Ursula Enke