Seit130 Jahrenverkehrt in Elbing eine Straßenbahn
Text & Fotos: Brigitte Gawron-Strazzer
Bereits am 22. November 1895 wurde in Elbing ein zu dieser Zeit im Deutschen Reich höchst innovatives Verkehrsmittel der öffentlichen Personenbeförderung eingeweiht: die Straßenbahn. Seitdem kommt ihr für die kommunale Infrastruktur eine gleichbleibend große Bedeutung zu; und aus dem Stadtbild ist sie für die Einwohner längst nicht mehr wegzudenken. Dieses Jubiläum der Technikgeschichte wurde in Elbing auf vielfältige Weise gefeiert.
Historisch gewachsene Identität
Am 27. Juni 2025 eröffnete der Verein der Straßenbahnliebhaber von Elbing die Ausstellung »130 Jahre Straßenbahn in Elbing«. In der Eingangshalle des Hauses in der Heiliggeist-Straße 3–4, eines der schönsten Bürgerhäuser der Stadt, wurden verschiedenartige Exponate präsentiert, die die Geschichte des Straßenbahnverkehrs in der Stadt genauer beleuchteten. Neben Modellen der verschiedenen, über die Jahrzehnte hinweg genutzten Bahnen – von den ersten Straßenbahnwagen bis hin zu modernen Niederflurstraßenbahnen – umfasste die Ausstellung sogar ganze Bauteile und historische Objekte (wie Beleuchtungselemente, allerlei Schalter, Notbremsen, bis hin zu Türen, Informationsschildern und Fahrkarten). Besonders großes Interesse erregten zudem die zahlreichen ausgestellten historischen Fotografien: Einige zeigten die Stadt und ihre Straßenbahnwagen aus den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg, andere dokumentierten die Zeit nach 1945, als die Straßenbahn aus den Kriegstrümmern neu aufgebaut wurde. Auf der Suche nach Arbeit waren ganze Familien nach Elbing gekommen, von denen viele aktiv am Wiederaufbau der Straßenbahn mitwirkten und danach oftmals ihr ganzes Leben lang für das Unternehmen arbeiteten. Die Beschäftigten identifizierten sich mit der Firma und waren stolz, bei der Straßenbahn angestellt zu sein.
Erlebnis Straßen- und Eisenbahn m 25. Juli fand aus Anlass des Jubiläums eine Veranstaltung von Straßenbahn- und Eisenbahn-Fans statt, die in ihrer gemeinsamen Begeisterung für die Geschichte und Gegenwart des Schienenverkehrs oft eng miteinander kooperieren. Zunächst stiegen die Teilnehmer in einen festlich geschmückten Straßenbahnwagen, mit dem sie vom Zentrum aus bis zum Stadtwald »Vogelsang« und wieder zurückfuhren. Ein Begleiter vermittelte ihnen dabei wichtige Fakten aus der Geschichte der Bahn und beantwortete weiterführende Fragen. Im Anschluss daran stand für die Gäste ein Sonderzug bereit, der sie über Braunsberg bis nach Allenstein brachte.
Die Sonderfahrt war von der Posener Firma TurKol organisiert worden. Dieser Anbieter für Eisenbahn-Tourismus (Turystyka Kolejowa) hatte bis vor wenigen Jahren in den Ferien auch in Masuren und anderen Teilen von Polen Fahrten mit Dampfloks und historischen Wagen veranstaltet. Diese Form der Eisenbahn-Romantik lässt sich heute leider aber nur noch in der Umgebung von Posen erleben. Für die Fahrt nach Allenstein stand deshalb zwar keine Dampflokomotive zur Verfügung, aber die stattdessen eingesetzte historische Diesellokomotive des – in den Jahren von 1967 bis 1972 von Fablok gebauten – Typs SU42 bot den mitfahrenden Eisenbahnliebhabern ein kaum weniger besonderes Erlebnis und Vergnügen. – Die Veranstaltung stieß auf eine derart positive Resonanz, dass sie im nächsten Jahre noch einmal wiederholt werden soll.
Offene Tore
Am 23. August veranstaltete das Elbinger Straßenbahn-Depot einen »Tag der offenen Tür«. Dieser bot die seltene Gelegenheit, sich die Entwicklungen der letzten 130 Jahre bis zur heutigen Technik und Infrastruktur sowie zur mittlerweile perfektionierten Traktionstechnologie zu vergegenwärtigen. Dabei wurde u. a. deutlich, dass die Arbeit des Straßenbahnfahrers in der heutigen Zeit erheblich mehr technisches Wissen über die Funktionsweise des Fahrzeugs verlangt, als in der Anfangszeit der Straßenbahn. Im kommunalen Unternehmen Tramwaje Elbląskie sind gegenwärtig fünf verschiedene Typen von Triebwagen im Einsatz, von denen jeder mit Blick auf seine Steuerung und Bedienung eigene Ansprüche hat. Beschäftigt sind bei der Elbinger Straßenbahn heute 117 Mitarbeiter, von denen 46 als Fahrer eingesetzt werden.
Vor Ort hatten die Besucher die Möglichkeit, eine multimediale Ausstellung zur Geschichte und täglichen Arbeit der Straßenbahn-Gesellschaft zu sehen, mit vielen aufschlussreichen Informationen. Dabei wurde zum Beispiel auch wiederholt darauf aufmerksam gemacht, dass eine Straßenbahn im täglichen Verkehr einen deutlich längeren Bremsweg als ein Auto hat: Ein leerer Wagen braucht bei einer Geschwindigkeit von 30 km/h auf trockenen Schienen etwa 25 Meter bis zum Anhalten; Filme aus der Fahrerkabine von Straßenbahnwagen verdeutlichten das Problem, denn nicht zuletzt muss beim Bremsvorgang auch auf die (im Wagen häufig stehenden) Fahrgäste Rücksicht genommen werden. – Im Rahmen dieses besonderen Veranstaltungstags konnte man sich auch einmal selbst als »Fahrer« bzw. »Fahrerin« in die Kabine einer Straßenbahn setzen. Zudem wurde die neue Waschanlage vorgeführt, und späterhin wurde den Gästen eine kleine Rundfahrt durch die Stadt angeboten, bei der ebenfalls interessante Episoden aus der Geschichte des Verkehrsbetriebs wie auch der Stadt erzählt wurden.
Der Jubiläumstag
Am 22. November schließlich wurde das 130. Jubiläum taggenau im Rathaus in der Altstadt gefeiert. Diese Festveranstaltung war vornehmlich auf das Unternehmen hin ausgerichtet worden. Zur offiziellen Eröffnung waren vor allem Vertreter der städtischen Verwaltung, Mitarbeiter der Straßenbahn-Gesellschaft sowie Angehörige von Firmen geladen, die mit dem Betrieb zusammenarbeiten. Auch eine Delegation der türkischen Waggonbau-Fabrik Bozankaya, die von der Stadt kurz zuvor den Auftrag zur Lieferung von zehn neuen Straßenbahnzügen erhalten hatte, war anwesend. – Nach einigen Ansprachen und Grußworten bildete eine musikalische Einlage von Schülern der Elbinger Musikschule einen willkommenen Übergang zum weniger formellen Teil des Festes, bei dem weder ein opulentes Buffet noch eine beeindruckend groß dimensionierte Festtagstorte fehlen durften.




