Rückblick auf die 800-jährige Geschichte einer Mittelstadt in Pommerellen
Rahmel, die größte Stadt des Kreises Neustadt, die mit dem benachbarten Rheda und der Kreisstadt inzwischen zur »Kleinen Dreistadt« zusammengewachsen ist, konnte – wie WP 3/2024 berichtet hat – im vergangenen Jahr das 800. Jubiläum seiner ersten urkundlichen Erwähnung feiern. Angesichts dieses ehrwürdigen Alters hat jenes Ereignis die Redaktion gespannt gemacht, Genaueres über die Geschichte dieses Orts zu erfahren.
Obwohl das wieder polnisch gewordene »Rumia«, das auf Deutsch »Rahmel« und auf Kaschubisch »Rëmiô« heißt, seine Stadtrechte erst 1954 erhielt, reicht seine Geschichte über viele hundert Jahre zurück, bis in die Zeit, in der Pommerellen von den Herzögen der Samboriden beherrscht wurde: von Swantopolk II. (um 1195–1266) und seinem Sohn Mestwin II. (vor 1220–1294). Einige Forscher gehen davon aus, dass die Siedlung wahrscheinlich sogar schon viel früher existierte. Darauf könnte die Etymologie des Namens hindeuten, denn Linguisten nehmen an, dass der Ortsname »Rahmel« über die mittelalterliche Bezeichnung »Rumia« mit dem altgermanischen Wort »rūm« verwandt ist, das im frühen Mittelalter schlicht »Raum« bedeutete – ein Wortstamm, der auch im Kaschubischen ähnlich klingt.
Im Zeichen der Mönche
Die erste schriftliche Quelle, die Rahmel als Siedlung im Besitz der Zisterzienser von Oliva, die im 13. Jahrhundert vor Ort eine erste Kirche erbauten, bestätigt, ist ein von Swantopolk II. ausgestelltes Dokument aus dem Jahre 1224. Die früheste Erwähnung einer Pfarrei in Rahmel stammt aus dem Jahr 1253. Das ursprüngliche Gotteshaus hatte wahrscheinlich eine Holzkonstruktion; späterhin aus Stein errichtet, wurde es im 15. oder 16. Jahrhundert im spätgotischen Stil umgebaut. Die Ruine dieses Bauwerks hat die Jahrhunderte überdauert und zeugt noch heute von den Anfängen. Auf dem Gebiet von Rahmel gründeten die Mönche nicht nur die erwähnte Pfarrei, sondern auch ein Klostervorwerk, das wahrscheinlich als Weide für Schafe diente. Die gesamte Region profitierte von den speziellen landwirtschaftlichen Interessen und Fähigkeiten der Mönche von Oliva.
Allerdings waren die Zisterzienser bereits im 13. Jahrhundert nicht konkurrenzlos. Ein Teil der Oxhöfter Kämpe gehörte den Prämonstratenserinnen von Zuckau. So führten Streitigkeiten über den Umfang des Landbesitzes dazu, dass der Bischof von Leslau, Wolimir, am 31. Oktober 1253 eine Bulle erließ, die es dem Pfarrer untersagte, in den von den Zuckauer Nonnen verwalteten Dörfern tätig zu werden. Diesem Verbot wurde eine derart große Bedeutung beigemessen, dass der Bischof dem Priester für den Fall, dass er sich nicht an die Anweisung halten sollte, mit Exkommunikation drohte.
Wie wichtig Rahmel in den ersten Jahren seiner urkundlich dokumentierten Geschichte geworden war, lässt sich daran ablesen, dass der bereits erwähnte Herzog Mestwin II. bei einer seiner üblichen Reisen durch das Land im Jahr 1285 den Ort besuchte. Während seines Aufenthalts stellte er ein Dokument aus, das die Übereignung mehrerer Dörfer in der Nähe von Putzig an die Zisterzienser bestätigte.
Auch unter der Herrschaft des Deutschen Ordens im 14. Jahrhundert behielt Rahmel seine Bedeutung. Ein Großes Privileg für den Zisterzienserorden aus Oliva aus dieser Zeit beschreibt die Grenzen der Siedlung so detailliert, dass sich erstaunliche Parallelen zu den heutigen Stadtgrenzen erkennen lassen.
Trotz großer politischer Veränderungen und selbst nach dem Übergang Pommerellens an das Königreich Polen im Jahr 1466 blieb der Ort bis zum Ende des 18. Jahrhunderts Eigentum der Zisterzienser. Erst mit der Ersten Teilung Polens 1772, in deren Folge das Danziger Pommern unter die Herrschaft des Königreichs Preußen fiel, endete diese Ära: Das ehemalige »Königliche Preußen« wurde in »Westpreußen« umgewandelt. Die neuen Behörden entzogen den Zisterziensern daraufhin das Land und trennten das Dorf administrativ vom Klostervorwerk, das nun verpachtet und 1819 an private Eigentümer verkauft wurde.
Ein Dorf wird zum Kurort
Dies blieb nicht die einzige wichtige Änderung in der Region. Auch die industrielle Revolution rüttelte das verschlafene Dorf im 19. Jahrhundert auf, mit großen Auswirkungen auf das Gebiet der modernen Stadt. Der Aufschwung begann 1870 mit dem Bau der Eisenbahnlinie und der Eröffnung der Bahnhaltestelle »Rahmel-Sagorsch« ein Jahrzehnt später – die Eisenbahn brachte nicht nur Güter, sondern auch Touristen und Kurgäste.
Besonders das malerische Schmelztal, eine Geländeformation im Süden der heutigen Stadt, wo der Sagorschbach (Zagórska Struga) durch bewaldete Moränenhügel fließt, zog Gäste an, vereinte es doch die Vorzüge einer Berglandschaft und eines Küstenortes. In den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts begann man in der Gegend mit dem Bau von Hotels, Pensionen und Restaurants; auf einem der Hügel wurde ein Aussichtsturm errichtet, Wanderer eroberten die zahlreichen Waldwege zur aktiven Erholung.
Um die Jahrhundertwende waren das Hotel Schmelzthal und das Hotel Claassen die beliebtesten Adressen im Kurort Sagorsch. Das erste befand sich in einem Wirtshaus aus dem 18. Jahrhundert, direkt an der Kreuzung des Sagorschbachs mit der Chaussee zwischen Danzig und Neustadt. Direkt gegenüber, an der heutigen Sobieskiego-Straße, erweiterte Eduard Claassen 1903 ein Gartencafé um eine eindrucksvolle zweistöckige Villa, die bis heute als Hotel dient.
Luftfahrt und Aufbruch
Der Erste Weltkrieg beendete diese vom Fremdenverkehr geprägte Phase rasch, doch nach der Rückkehr zum nach Kriegsende wiedergegründeten polnischen Staat folgte bereits ein nächster Schub der Stadtentwicklung: Der Bau der Hafenstadt Gdingen, die größte Investition in der Geschichte des Landes, ließ das nahegelegene Rahmel im »amerikanischen Tempo« mitwachsen – die Einwohnerzahl der Siedlung stieg an, und die gesamte Infrastruktur expandierte.
Bereits in den 1920er Jahren entstand in Rahmel ein Flugplatz. Er entwickelte sich von einer militärischen Anlage über einen Sportflughafen hin zu einem vollwertigen Verkehrsflughafen (1935), der zunächst Inlandsverbindungen nach Warschau und Krakau bediente, vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges konnte man von Rahmel aus aber auch nach Rom, Kopenhagen oder Wien fliegen. Sogar ein Montagewerk für amerikanische Lockheed-Flugzeuge war hier angesiedelt, die Einzelteile wurden an Bord polnischer Transatlantikliner importiert. Der Flugplatz gilt zudem als die Wiege vieler Sportflieger, die später als Piloten für die polnische Jagdstaffel der Royal Air Force (RAF) kämpften, unter anderem in der sogenannten Luftschlacht um England.
Krieg und Zerstörung
Mit dem Überfall auf Polen am 1. September 1939 wurde Rahmel aufgrund seiner strategischen Lage und des Flughafens unmittelbar zum Ziel deutscher Angriffe. Nach blutigen Kämpfen im Vorfeld von Gdingen mussten sich die letzten polnischen Soldaten am 12. September zurückziehen.
Nach dem Ende des polnischen Verteidigungskrieges (1939) und der deutschen Besatzung des Landes wurde Rahmel schrittweise militarisiert: Der Flughafen wurde zum Luftwaffenstützpunkt umgewandelt (eine zivile Nutzung war damit ausgeschlossen) und innerhalb der Stadtgrenzen, auch in Schulgebäuden, eröffneten Werke zur Herstellung von Flugzeugteilen und ‑zubehör, in denen überwiegend Häftlinge des örtlichen Arbeitslagers Zwangsarbeit leisteten. Doch auch der Widerstand war präsent – Partisanen der Organisation Gryf Pomorski [Pommerscher Greif] und Späher der Szare Szeregi [Graue Reihen] sammelten vor Ort Geheimdienstinformationen und verübten Sabotageakte.
Ab 1943 wurde Rahmel zum Ziel alliierter Bombenangriffe, die den Flughafen 1944 völlig lahmlegten und damit das Produktionspotenzial der umliegenden Unternehmen erheblich einschränkten. Auch im Jahr 1945 dauerten die Kämpfe – wie bereits 1939 – mehrere Tage an und brachten erneut große Zerstörungen mit sich, bis sich die deutschen Soldaten nach Gdingen zurückzogen. Diese dunklen Jahre zwischen 1939 und 1945 dokumentiert heute ein kleines, 2023 eröffnetes Militär-Freilichtmuseum. Zu den Spuren, die die Kriegsgeschehnisse hinterlassen haben, gehört auch eine deutsche Flugabwehrbatterie in dessen unmittelbarer Nähe, die inzwischen zivilen Zwecken dient.
Neuanfang und Identität
Die Verleihung der Stadtrechte im Jahr 1954 – bemerkenswerterweise genau zum 730. Jahrestag der ersten historischen Erwähnung des Ortes – markierte den Beginn einer neuen Ära für Rahmel. Aufgrund der Nähe zur Dreistadt und zahlreicher dort ansässiger Industrieanlagen wählten nun immer mehr Menschen die neu gegründete Stadt als ihre Heimat. Dies lag vor allem darin begründet, dass der Erwerb einer Wohnung oder eines kleinen Wohngrundstücks in Rahmel wesentlich erschwinglicher als in Danzig war – Wohngrundstücke wurden dabei auch auf dem parzellierten Gelände des ehemaligen Flughafens angelegt, da dieser nach 1945 nicht wiedereröffnet wurde.
Während der kommunistischen Zeit (1945–1989) wuchs die Stadt rasant, oftmals jedoch recht chaotisch – die Kommunalverwaltung, die den Zentralbehörden streng unterstellt war, funktionierte schlecht, was zudem dazu führte, dass die Bewohner nur begrenzte Möglichkeiten hatten, Einfluss auf ihr Umfeld zu nehmen. Der Zustrom von Menschen wurde seit den späten 1970er Jahren nicht zuletzt durch große Investitionen in die Wohnungsinfrastruktur verstärkt: auch die ehemaligen Bauernwiesen und Weiden wurden zu Wohnsiedlungen, mit eigenen Schulen, Kliniken und Geschäften – historische Bausubstanz musste den neuen Wohnanlagen oftmals weichen. All dies trug zum Verlust der lokalen Identität bei. – Dennoch blieben einige wertvolle Zeugnisse erhalten, wie ein Gutshof-Komplex aus dem 18. Jahrhundert namens Dworek pod Lipami [Herrenhaus unter den Linden], in dem früher die Besitzer einer Schmiede bzw. seit 1887 einer Holzwerkstatt wohnten; und vor allem auch die bereits erwähnte Ruine der Zisterzienserkirche aus dem 15. oder 16. Jahrhundert. Vom mittelalterlichen Gotteshaus sind zwar nur ein Fragment des Presbyteriums und eine der Kirchenschiffwände erhalten geblieben, bilden aber doch ein ausgeprochen wertvolles Denkmal.
In den letzten drei Jahrzehnten hat Rahmel sich ebenfalls weiterentwickelt. Die gute Anbindung an die Dreistadt und die malerische Lage führen dazu, dass auch weiterhin immer mehr Menschen diesen Ort als ihr neues Zuhause wählen, wobei das Interesse der Bewohner an lokalgeschichtlicher Bildung und Identität stark zugenommen hat. Auch die Kommunalverwaltungen und eine regionale Gruppe von historisch Interessierten engagieren sich seit mehreren Jahren für die Stadtgeschichte. Verschiedene kulturelle und soziale Initiativen wurden begründet: Die jüngste davon ist – wie WP in der Ausgabe 3/2025 berichtet hat – die Einrichtung eines örtlichen Museums, das Relikte, Zeugnisse und Erinnerungsstücke sammelt, die an die jahrhundertealte Geschichte von Rahmel erinnern.
Magdalena Pasewicz-Rybacka




