Panorama 2025/2026


»Fahren Sie zur Stadt, Schaffner?«
Seit 130 Jahren verkehrt in Elbing eine Straßenbahn
(Brigitte Gawron-Strazzer, 1/2026, S. 5f.)

Chrono­lo­gische Stationen zur Geschichte der Elbinger Straßenbahn
(Brigitte Gawron-Strazzer, 1/2026, S. 6ff.)

Geste der Versöhnung
Resti­tution von Kultur­gütern aus Warschau und der Marienburg
(Marek Dziedzic, 1/2026, S. 9)


In einem stillen Erden­winkel: Ein Spaziergang über die Elbinger Höhe
(Brigitte Gawron-Strazzer, 4/2025, S. 6)

Ein Phönix aus der Asche. Die Kirche von Fischau wird wieder­errichtet
(Bartosz Skop, 4/2025, S. 9f.)

Ein Westpreuße, der ein gesamt­deut­sches Original wurde. Zum Tod des Schau­spielers Horst Krause (1941­–2025)
(Burkhard Burau / WP-Redaktion, 4/2025, S. 9f.)


Ein unent­behr­licher Beitrag zur deutschen Erinne­rungs­kultur. Das Westpreu­ßische Landes­museum konnte sein 50-jähriges Bestehen feiern
(Erik Fischer, 3/2025, S. 6ff.)

Filmar­chäo­logie statt Geschichtsdoku. Hermann Pölkings Kinofilm Ostpreußen – Entschwundene Welt. Die Jahre 1912 bis 1945
(Alexander Klein­schrodt, 3/2025, S. 9f.)

Das Pompeji von Thorn
(Zuzanna Foss, 3/2025, S. 10f.)


»Eine ganz andere Klientel im Haus als sonst« – Seit April 2024 leitet Martin Koschny kommis­sa­risch das Westpreu­ßische Landes­museum
(Die Fragen im Interview mit Martin Koschny stellte Alexander Klein­schrodt, 2/2025, S. 6f.)

Begegnung mit dem Danziger Auerochsen. Die früheren Wehran­lagen laden zu erhol­samen Spazier­gängen ein
(Ursula Enke, 2/2025, S. 8ff.)


Notizen aus …

Regel­mäßig berichten Korre­spon­den­tinnen und Korre­spon­denten aus der Dreistadt und den größeren Städten – neben Danzig, Zoppot und Gdingen werden dabei Elbing, Marienburg, Graudenz, Thorn und Bromberg berück­sichtigt. Die „Notizen“ infor­mieren somit in bunter Folge und breit gestreut über aktuelle Vorgänge in der Region.

Notizen aus …

… der Dreistadt

Spazier­gänge auf der Mottlau Die Szene wirkte wie aus einem Winter­märchen: Junge und Ältere, Paare, Familien mit Kindern liefen, spazierten oder schlit­terten über die spiegel­glatte Eisfläche, die sich auf der Mottlau gebildet hatte; und den Fußgängern schlossen sich sogar wagemutige Radfahrer an. Bei sonnigem Wetter und stabiler Frostlage hatte sich der Fluss vor allem in den ersten Tagen des Februars in eine »Eispro­menade« verwandelt und lud Hunderte Menschen, Einhei­mische wie Gäste, zu vielerlei Winter­aben­teuern ein. Verlo­ckend war auch die Chance, die Stadt aus solch einer ungewohnten Perspektive in den Blick nehmen zu können und die sich dabei bietenden origi­nellen Foto- bzw. Selfie-Motive zu erkunden.
 Dieser vermeintlich unschuldige Spaß weckte bei Experten aller­dings ernste Bedenken; denn trotz der dicken Eisschicht ist der Unter­grund bei einem fließenden Gewässer niemals ungefährlich. Wärmere Stellen durch Strömung, Wärme­ab­strah­lungen von Booten oder Ufer- und Unter­was­ser­struk­turen können dafür sorgen, dass sich dünne, brüchige Zonen bilden – gerade dort, wo sich die Masse der Spazier­gänger am ehesten sammelt.
 Obwohl das Betreten der Eisfläche in Teilen des Hafen­be­reichs grund­sätzlich untersagt ist, in den Medien eindringlich vor den Risiken gewarnt wurde und die Polizei sowie städtische Ordnungs­kräfte über Lautsprecher dazu auffor­derten, das Eis zu verlassen, fanden solche Appelle aller­dings nur bei wenigen Beachtung. Der Wunsch, dieses winter­liche Highlight nicht zu verpassen, war offen­sichtlich größer als die natür­lichen Schutz- oder Fluchtreflexe. 

»Dreimal hoch« auf Gdingen Die junge Metropole an der Ostsee­küste feierte am 10. Februar die 100. Wiederkehr des Tages, an dem ihr die Stadt­rechte verliehen wurden. In kürzester Zeit hatte sich aus einem beschau­lichen Fischerdorf ein moderner Seehafen entwi­ckelt, der dezidiert Polens Zugang zum Meer und die rapide wirtschaft­liche Entwicklung des wieder­ge­grün­deten Staates symbo­li­sieren sollte.
 Die vielfäl­tigen Festlich­keiten zum 100. Geburtstag erstrecken sich über das gesamte Jahr 2026, das vom Senat der Republik Polen offiziell zum »Jahr der Stadt Gdingen« erklärt wurde. Am eigent­lichen Jubilä­umstag fand eine feier­liche Sitzung des Stadt­par­la­ments statt, an der viele Offizielle, Wissen­schaftler, Kultur­schaf­fende und verdiente Bürger teilnahmen. 

Adrian Wojta­szewski

Heraus­ge­putzt Kurz vor den Weihnachts­tagen des letzten Jahres sind die aufwän­digen Renovie­rungs­ar­beiten an dem berühmten wie beliebten, 136 m langen Seesteg in Danzig-Brösen abgeschlossen worden. Nach schwer­wie­genden Schäden, die Winter­stürme im Januar 2025 angerichtet hatten, begannen dann ab März die Instand­set­zungs­ar­beiten. Die gesamte Konstruktion wurde durch die Sicherung und Reinigung der Stahl­pfähle und die Verstärkung der tragenden Rahmen erheblich stabi­li­siert. Balken und Bohlen aus Lärchenholz ersetzten brüchig gewordene Teile des früheren Bauholzes, und zudem wurde die Ausstattung mit Müllbe­hältern, Halte­rungen für Rettungs­ringe oder Ruhebänken, deren Zahl sich von 20 auf 40 verdoppelt hat, großzügig erneuert. Nach dieser Maßnahme wird die Brösener Seebrücke auch in Zukunft sicherlich wieder für viele Touristen ein beliebtes Ausflugsziel bieten.

Tarnkappen-U-Boote Die anwach­sende Bedrohung des gesamten Ostsee­raums durch Russland legt es Polen und Schweden nahe, ihre sicher­heits­po­li­tische Partner­schaft zu stärken und auch in der Rüstungs­technik enger zusam­men­zu­ar­beiten. So wird jetzt unter Betei­ligung der Danziger und Gdingener Werften die schwe­dische Firma SAAB im Rahmen des polni­schen »Orka«-Programms drei neue U‑Boote der A26 Blekinge-Klasse bauen. Sie bilden bereits die fünfte Generation dieser Baureihe und verfügen über eine höchst arrivierte Tarnkap­pen­tech­no­logie. Bei diesem Großauftrag, der Ende des letzten Jahres erteilt worden ist, hat SAAB sich gegen Konkur­renten wie beispiel­weise die Kieler Thyssen­Krupp Marine Systems (TKMS) durch­ge­setzt. Das Auftrags­vo­lumen beträgt etwa  10 Mrd. Złoty (ca. 2,52 Mrd. US-Dollar). 

Peter Neumann

 … Elbing

Tor zur Ostsee Der Bau einer Wasser­straße und eines Seehafens in Elbing ist in eine weitere, entschei­dende Phase getreten. Die Staats‑, Woiwodschafts- und insbe­sondere Stadt­be­hörden haben im Februar den Wettbewerb für das Konzept zum Ausbau des Seehafens abgeschlossen. Das Sieger­projekt ist ein neuer Hafen-Terminal namens »Tor zur Ostsee« (Brama na Bałtyk) in der Nähe der Roggen­straße. Er liegt direkt am Elbing-Fluss, auf einem bislang unbebauten Gelände nördlich der Kläranlage und nahe dem Stadtteil Elbing-Groß Röbern. Der geplante Hafen wird das gleich­zeitige Anlegen von vier Schiffen mit einer Länge von bis zu 100 Metern, einer Breite von 20 Metern und einem Tiefgang von bis zu 4,5 Metern ermög­lichen. Entlang der gesamten Ufermauer sind auch Eisenbahn-Anschlussgleise (auf der Linien­führung der ehema­ligen Haffu­ferbahn) geplant, die eine direkte Verladung vom Schiff zum Güterzug ermög­lichen; zudem sind Contai­ner­brücken für die Anbindung des LKW-Verkehrs vorge­sehen. Der Terminal wurde so konzi­piert, dass seine techno­lo­gi­schen Funktionen in Zukunft kosten­sparend und zeitef­fi­zient umgestaltet werden können.
 Die der Elbinger Stadt­prä­sident, Michał Missan, angekündigt hat, sollen alle Arbeiten bis Oktober 2029 abgeschlossen sein und etwa 100 Mio. Złoty kosten. Weitere 100 Mio. Złoty sollen für den Umbau der Zufahrts­straßen zu den Hafen­ter­minals aufge­wendet werden. Die EU-Kommission hat sich bereit­erklärt, für diesen Zweck rund 200 Mio. Złoty aus dem Europäi­schen Fonds für Ermland und Masuren zur Verfügung zu stellen. Bevor jedoch mit den Arbeiten begonnen werden kann, müssen Unter­lagen vollständig vorbe­reitet, Ausschrei­bungen durch­ge­führt und Auftrag­nehmer ausge­wählt werden.

Polizei­affäre in Tolkemit Anfang Februar kam es zu einem Skandal in der Polizei­station der Klein­stadt Tolkemit bei Elbing. Seit der großen Überschwemmung im Juli 2025 herrscht dort ein erheb­licher Perso­nal­mangel. Die Polizisten mussten in ihrer Freizeit das Gebäude instand halten, selber reinigen und während der strengen Kälte (bis zu −25 °C) im Januar und Februar 2026 auch im Heizungsraum arbeiten. In einem kurzen, privat veröf­fent­lichten Video, das im Internet dann aller­dings landesweit bekannt wurde, äußerte sich einer der Polizisten voller Verär­gerung zu dieser Situation. Daraufhin ordnete der Provinz­kom­mandant in Allen­stein Kontrollen an, die die Probleme nicht nur im Tolkemiter Kommis­sariat, sondern auch an anderen Orten bestä­tigten – so dass der Bezirks­kom­mandant von Elbing sowie einige weitere seiner Kollegen in anderen Städten der Woiwod­schaft entlassen wurden.

Entlas­sungen und Neuein­stel­lungen General Electric Vernova (bis vor kurzem GE Power), die ein Großteil des Geländes der ehema­ligen Schichau-Werft besitzt, schloss (wie in WP 1/2024 berichtet) im Juni 2025 die Stahl­gie­ßerei und entließ knapp 170 Mitar­beiter. Nach einem fast 80-jährigen Betrieb war dies ein großer Schock für die Branche und die Stadt. Der ameri­ka­nische Konzern war zu dem Schluss gekommen, dass er für seine Produkte lieber billigere Gussteile aus Asien impor­tiert, als diese in Polen herstellen zu lassen.
 Nachdem etwas mehr als ein Jahr vergangen ist, sucht GE Vernova jetzt neuerlich nach Arbeits­kräften, aller­dings für einen anderen Indus­trie­zweig. Wie die lokale Presse berichtet, sei die Zahl der Aufträge in der Turbi­nen­pro­duktion auf den Weltmärkten gestiegen, weshalb die Führung der GE Vernova nun beschlossen habe, diesen Teil des Unter­nehmens in Elbing auszu­bauen und zu erweitern. Es sollen 120 Mitar­beiter in Produktions- und Verwal­tungs­po­si­tionen einge­stellt werden. Unter­dessen dauert freilich ein Streik, bei dem es um die Durch­setzung von Lohner­hö­hungen geht, in der Elbinger Nieder­lassung weiter an.

Bartosz Skop

… Thorn

Ein neuer Raum für soziale Teilhabe Im Dezember 2025 eröffnete in Thorn das erste Berufs­bil­dungs­zentrum (Zakład Aktyw­ności Zawodowej, ZAZ) der Stadt. Die Einrichtung in dem hier abgebil­deten sanierten Mietshaus in der Bydgoska-Straße 52 ist die zehnte ihrer Art in der Woiwod­schaft Kujawien-Pommern. Ihr primäres Ziel ist die beruf­liche und soziale Aktivierung von Menschen mit mittel­schweren und schweren Behin­de­rungen, um deren Ausgrenzung entge­gen­zu­wirken und die Teilhabe am Arbeits­markt zu fördern. Das Zentrum bietet derzeit 37 Arbeits­plätze im Rahmen einer geschützten Beschäf­tigung. Die Angestellten verrichten tägliche Arbeiten und erhalten parallel dazu eine konti­nu­ier­liche fachliche Begleitung sowie auf ihre Bedürf­nisse zugeschnittene Rehabi­li­ta­ti­ons­maß­nahmen und Schulungen. Das Ziel ist die schritt­weise Vorbe­reitung auf den Übergang in den offenen Arbeits­markt.
Die Infra­struktur des Zentrums umfasst zwei öffentlich zugäng­liche Bereiche: Im Erdge­schoss befindet sich ein Café, in dem Frühstück, Gebäck und Getränke angeboten werden; es steht sowohl den Thorner Einwohnern als auch für Touristen offen, wobei die erwirt­schaf­teten Erlöse direkt in die Finan­zierung der Rehabi­li­tation der Beschäf­tigten fließen. Im zweiten Stockwerk wird zudem eine – ebenfalls barrie­re­freie – Herberge betrieben, die bereits den regulären Gäste­be­trieb aufge­nommen hat.
 Die Einrichtung des Zentrums wurde dank der finan­zi­ellen Unter­stützung durch den Staat­lichen Fonds für die Rehabi­li­tation von Menschen mit Behin­de­rungen (ca. 1,8 Mio. Złoty) und den Europäi­schen Fonds für Kujawien und Pommern 2021–2027 (knapp 1 Mio. Złoty) ermög­licht. – Die Existenz einer solchen Einrichtung in Thorn ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einer barrie­re­freien und inklu­siven Stadt. Das ZAZ vereint dabei soziale, pädago­gische und dienst­leis­tungs­be­zogene Funktionen und zeigt, dass die beruf­liche Aktivierung von Menschen mit Behin­de­rungen effektiv, nachhaltig und im städti­schen Raum deutlich sichtbar sein kann.

Zivil­schutz und Krisen­vor­sorge Das nationale Programm für Zivil­schutz und Zivil­ver­tei­digung bildet das Rückgrat der Krisen­ver­sorgung in Polen. Ziel dieses Strate­gie­pa­piers ist es, die Sicherheit der Zivil­be­völ­kerung in Gefah­ren­si­tua­tionen wie Natur­ka­ta­strophen, techni­schen Havarien oder bewaff­neten Konflikten zu gewähr­leisten. Für die Stadt Thorn bedeutet dies massive Inves­ti­tionen: Fast 19 Mio. Złoty wurden für den Zeitraum 2025 bis 2026 an Förder­mitteln für dieses Programm bereit­ge­stellt, um Notfall­systeme zu moder­ni­sieren und die kritische Infra­struktur zu stärken.
 In einer ersten Phase setzt die Stadt bereits 65 Beschaf­fungs­pro­jekte in drei Haupt­be­reichen um. Ein Fokus liegt auf der Versor­gungs­si­cherheit: Kranken­häuser und kommunale Einrich­tungen erhalten Notstrom­systeme, Genera­toren und Notfall­pumpen, um bei einem Energie­ausfall handlungs­fähig zu bleiben. Parallel dazu werden 18 temporäre Schutz­räume vorbe­reitet. Zur techni­schen Ausstattung gehören zudem Funkgeräte, AED-Defibrillatoren, Notfall­ver­pflegung sowie spezielle Evaku­ie­rungssets für museale Kultur­güter.
 Neben der materi­ellen Aufrüstung steht die perso­nelle Prävention im Vorder­grund. Über 150 Mitar­beiter der Stadt­ver­waltung absol­vierten bereits Schulungen im Katastrophen-Management. Auch die Thorner Bürger werden aktiv einbe­zogen: Infor­ma­ti­ons­kam­pagnen geben praktische Empfeh­lungen zur Vorbe­reitung von Notfall­ruck­säcken, während die digitale Anwendung »Where to Hide« (Gdzie się ukryć) die Standorte poten­zi­eller Notun­ter­künfte anzeigt.
 iese Maßnahmen reagieren direkt auf die verän­derte geopo­li­tische Situation. Thorn nimmt hierbei eine strate­gische Schlüs­sel­rolle ein: Durch die unmit­telbare Nähe zu Bromberg und dem dortigen NATO-Hauptquartier ist die lokale Sicherheit eng mit inter­na­tio­nalen Vertei­di­gungs­struk­turen verzahnt. Die städtische Vorsorge wird so zu einem integralen Bestandteil einer umfas­senden Sicher­heits­ar­chi­tektur, die zivile Mecha­nismen und militä­rische Stabi­lität verbindet.

Zuzanna Foss