Der in Danzig geborene Heinz Hermann Koelle leistete bei der NASA Grundlagenarbeit für die Mondlandung
Von Alexander Kleinschrodt
Anfang April sollen mit der Mission Artemis II wieder Astronauten zum Mond fliegen, zum ersten Male seit 1972. Zwangsläufig fällt damit auch neuerlich der Blick auf die Geschichte der amerikanischen Raumfahrt. Dabei ist bislang nur sporadisch wahrgenommen worden, dass Heinz Hermann Koelle, ein wichtiger Akteur des damaligen »Wettlaufs ins All«, aus Danzig stammte. Umso lohnender erscheint es, diesen Forscher, dessen 100. Geburtstag jüngst die Aufmerksamkeit der Fachwelt wieder erregt hat, hier eingehender zu würdigen.
Zwei ostdeutsche Raumfahrtingenieure
Es ist ein faszinierendes Foto. Aufgenommen wurde es Mitte der 1960er Jahre, zu Hochzeiten des amerikanischen Raumfahrtprogramms, man kann das an den im Hintergrund wie Orgelpfeifen aufgereihten Raketenmodellen der NASA erkennen. Die beiden Männer im Bild gehören zu den treibenden Kräften des rasanten Fortschrittes in der Astronautik, und beide stammen aus Deutschland. Links steht, wie immer selbstbewusst auftretend, Wernher von Braun. Über ihn ist vieles bekannt, nicht nur was seine Rolle bei der Ermöglichung der ersten Mondladung im Jahr 1969 betrifft. Dass der Weltraumpionier 1912 als Sohn von Magnus Freiherr von Braun in Wirsitz geboren worden war, – der Vater amtierte zu dieser Zeit als Landrat dieses Kreises –, sorgte für ein großes Interesse der Vertriebenenorganisationen an seiner Person. Für die Feierlichkeiten zum 500. Geburtstag des Astronomen Nikolaus Kopernikus im Jahr 1973 hatten die Landsmannschaften Ost- und Westpreußen von Braun vergeblich den Vorsitz des Jubiläums-Kuratoriums angetragen. Nach seinem Tod wurde von Braun sehr viel kritischer beurteilt: Nicht nur, weil er während des Zweiten Weltkrieges die deutsche Raketenwaffe V2 entwickelt hatte, sondern auch, weil er in der Heeresversuchsanstalt Peenemünde Häftlinge aus Konzentrationslagern eingesetzt und den Tod vieler Zwangsarbeiter billigend in Kauf genommen hatte.
Der Mann, der von Braun im Bild rechts gegenübersteht, ist etwas jünger. Im Gegensatz zu seinem Vorgesetzten scheint er mit solchen Auftritten weniger vertraut zu sein und wirkt bei dem Fototermin ein wenig verlegen. Heinz Hermann Koelle war in den 1960er Jahren keine prominente Persönlichkeit und auch später war sein Name vor allem in Fachkreisen der Luft- und Raumfahrttechnik bekannt. Dennoch ist auch über ihn Mannigfaches zu erfahren, denn Koelle veröffentlichte 1994 eine Autobiographie. Unter dem etwas ungelenken Titel Werden und Wirken eines deutsch-amerikanischen Raumfahrt-Professors schildert er Jugenderlebnisse und teilt seine Erinnerungen an die Arbeit bei der NASA mit. Den Fakten in dem offenbar kaum redigierten Buch muss man wohl mit Vorsicht begegnen. Spannend zu lesen und beziehungsreich ist diese Lebensgeschichte aber dennoch – und wie bei von Braun beginnt sie östlich der Oder, in diesem Fall in der Freien Stadt Danzig.
Eine Jugend in der nationalsozialistischen »Freien Stadt« – und im Krieg
Dort wurde Heinz Hermann Koelle im Jahr 1925 als Sohn eines Polizeibeamten geboren. Die Familie wohnte in Langfuhr, in der nördlichen Vorstadt, auf halbem Weg zum Badeort Zoppot. Es ist derselbe Stadtteil, in dem wenig später auch der Schriftsteller Günter Grass und der Schauspieler Wolfgang Völz zur Welt kamen. Die Familie Koelle wohnte dort nahe der Kaserne der Leibhusaren. Teile der Anlage davon existieren heute noch; im Umfeld ist in den letzten Jahren das neue Garnison-Viertel entstanden. Koelles Vater war der Sohn eines preußischen Offiziers, »politisch engagiert und nationalistisch eingestellt«. Das zu dieser Zeit unter der Aufsicht des Völkerbundes stehende Danzig wollte die Familie unbedingt wieder beim Deutschen Reich sehen. Dementsprechend aufgeschlossen stand man dem Nationalsozialismus gegenüber. Gleich »im Januar 1933, sicher auf Wunsch meiner Eltern«, schreibt Koelle, sei er deshalb mit siebeneinhalb Jahren in eine Art »Kindergarten« der Hitlerjugend eingetreten. Den Vater verband offenbar ein freundschaftliches Verhältnis mit Arthur Greiser, der ab 1934 für die NSDAP den Posten des Danziger Senatspräsidenten innehatte. Aufgrund solcher Beziehungen hatte der junge Heinz Hermann persönliche Begegnungen mit den Spitzen des NS-Staates: Nach eigener Aussage war er ausgewählt worden, um zunächst Hitler und dann später auch Goebbels und Göring bei offiziellen Besuchen in Danzig »ein Sträußchen zu überreichen«.
Auf der Rückreise aus einem Urlaub mit den Eltern ist Koelle als Zehnjähriger an Bord einer Junkers-Maschine zum ersten Mal geflogen. »Bald wurde die Weichsel überflogen, die als schimmerndes Band durch die Fluren zog. Dann kam auch schon die Danziger Höhe mit ihren Bergen in Sicht, die Küstenlinie kam immer näher und plötzlich war die ganze Danziger Bucht deutlich zu erkennen. Dazwischen lag die Stadt Danzig, deren alte Türme und Giebel zu uns rauf grüßten.« In seiner Autobiographie führt Koelle das Erlebnis als prägenden Moment ein, angezeigt durch Großbuchstaben: Hier habe er beschlossen, »PILOT zu werden«. Wenig später bastelt er bereits an flugf ähigen Modellflugzeugen (»Typ Winkler-Junior«) und beobachtete den damals anscheinend bereits geschäftigen Betrieb am Langfuhrer Flugplatz. Sowohl die hochmoderne Heinkel He 70 Blitz als auch das viermotorige Großflugzeug Junkers G 38 seien dort zu sehen gewesen. Am Steilufer der Nogat, nahe bei Marienburg, konnte Koelle 1939 mit der Hitlerjugend einen ersten Segelfluglehrgang absolvieren. Es folgte eine Ausbildung in der Reichssegelflugbauschule in Fürstenberg an der Oder, wo sich praktische Fliegerei und die Konstruktion von Fluggeräten für ihn zum ersten Mal verbanden.
Den Kriegsbeginn 1939 erlebte Koelle in Danzig recht unmittelbar mit – soweit denn die Fakten hier stimmen. Bereits am Abend des 30. August habe sein Vater zu ihm gesagt: »Morgen früh geht es los.« Der deutsche Angriff auf die Westerplatte mit den dort stationierten polnischen Streitkräften erfolgte allerdings erst am frühen Morgen des 1. September. Koelle berichtet, dass er Fliegerangriffe beobachtet habe und durch Schützengräben gelaufen sei, die nicht weit von seinem Elternhaus verliefen. Krieg erschien dem Vierzehnjährigen »in erster Linie als Abenteuer«. Die Jugend in Danzig endet mit der Versetzung des Vaters nach Breslau. 1942 erhielt Koelle dort anstelle eines Abiturs einen »Reifevermerk«. Danach wurde er Soldat, für den Enkel eines Offiziers laut eigener Aussage nichts Ungewöhnliches. Als Rekrut gelangte Koelle ins besetzte Südfrankreich, 1943 konnte er dann auf dem Fliegerhorst in Fürstenfeldbruck die ersehnte Pilotenausbildung beginnen. Dieser Teil der Autobiographie liest sich zäh, denn er ist bestimmt von den typischen, stereotypen Soldatengeschichten, mit »Saufereien« (»300 Liter Glühwein waren zu vertilgen«) und kumpelhaften Ausbildern (»ein prima Kerl, der uns sehr gefiel«).
Neue Perspektiven
In der anschließenden Kriegsgefangenschaft will Koelle allem Militärischen abgeschworen haben. An der Universität Stuttgart nahm er ein Maschinenbaustudium auf. In dieser Zeit entdeckte er die Raumfahrt für sich. Es war ein Gebiet, das in praktischer Hinsicht noch gar nicht existierte. Allerdings war in Deutschland bereits während der 1920er Jahre eine ganze »Raumfahrtbewegung« entstanden. Hermann Oberths Buch Die Rakete zu den Planetenräumen aus dem Jahr 1923 gab dafür Impulse, 1927 gründete sich in Breslau der Verein für Raumschifffahrt (VfR). Von Stuttgart aus gelang es Koelle, die ebenfalls noch vor dem Zweiten Weltkrieg gegründete Nachfolgeinstitution der VfR, die Gesellschaft für Weltraumforschung (GfW), wiederzubeleben. In diesem Zusammenhang lernte Koelle auch Wernher von Braun kennen; es sei, wie Koelle festhält, der Anfang einer »langjährigen Zusammenarbeit und Freundschaft« geworden. Im April 1955, gleich nach seinem Abschluss als Diplom-Ingenieur, folgte er von Brauns Einladung in die USA. »Ich konnte kein besseres Angebot bekommen«, schreibt Koelle dazu. Es muss ein überaus prestigeträchtiger Job gewesen sein; man erkennt das schon daran, dass rocket science in den USA bis heute ein Synonym ist für eine komplexe, überaus schwierig zu bewältigende Aufgabe. Die Tatsache, dass er nun von einer zivilen Forschungseinrichtung wieder in den militärischen Sektor wechselte, scheint für Koelle demgegenüber nicht ausschlaggebend gewesen zu sein. Um seinen Dienst am Redstone Arsenal der U.S. Army in Huntsville /Alabama anzutreten, reiste man auch als deutscher Raketenwissenschaftler damals übrigens noch per Schiff ab Bremerhaven in die USA.
Im Zentrum der innovatorischen Weltraumtechnik
Auf dem Militärstützpunkt war Koelle Angestellter der Armee-Agentur für ballistische Flugkörper (ABMA). Dort war er zunächst beteiligt an der Weiterentwicklung der Redstone-Rakete. Sie konnte Atomsprengköpfe tragen und war auch in Westdeutschland stationiert. Bereits frühzeitig und auf eigene Initiative erwogen Koelle und seine Kollegen aber auch, ob diese Technologie geeignet wäre, um zukünftig einen Satelliten in die Erdumlaufbahn zu befördern. Dieses Projekt bekam mit dem sogenannten Sputnik-Schock, der im Oktober 1957 »nicht nur Amerika, sondern die ganze Welt überraschte«, eine ganz neue Dringlichkeit: Nun kreiste ein sowjetischer Raumflugkörper um die Erde, und es wurde alles darangesetzt, ein amerikanisches Pendant startklar zu machen. Rund vier Monate später erreichte dann der Satellit Explorer 1 den Erdorbit, mithilfe der Rakete Juno 1, einer modifizierten Redstone der ABMA. Auch als Alan Shepard 1961 an Bord einer Mercury-Kapsel zum ersten amerikanischen Astronauten wurde – die Sowjetunion war ihm mit Juri Gagarin wiederum einige Wochen voraus – gelang das mit einer Variante dieses Raketentyps.
Inzwischen war aus der ABMA das später berühmte Marshall Space Flight Center (MSFC) hervorgegangen. Mit Wernher von Braun als erstem Direktor bildete es einen zentralen Teil der neugegründeten Weltraumbehörde NASA. Koelle wurde dort zum Leiter der Abteilung für das »Design zukünftiger Projekte« berufen; damit begann, wie er festhielt, »die aus meiner Sicht interessanteste und bedeutsamste Phase meiner beruflichen Tätigkeit«. Als Weiterentwicklung der Raketen aus den 50er Jahren wurde nun die Saturn I entworfen, eine erste große Trägerrakete, die Nutzlasten von mehreren Tonnen Gewicht ins All transportieren sollte. Koelle übernahm die Grundlagenplanung und leitete die weitere Entwicklung. Am 27. Oktober 1961 hob die Saturn I erstmals von Cape Canaveral in Florida ab: »Ich konnte an diesem Flugversuch teilnehmen und war, wie alle anderen Beobachter, sehr beeindruckt. Der Erfolg bestätigte uns, daß wir auf dem richtigen Weg waren.«
Anfang 1961 verdichteten sich dank der Unterstützung des neuen Präsidenten John F. Kennedy die Pläne für eine astronautische Mondmission – hatte Kennedy doch am 25. Mai dieses Jahres der ganzen Nation das ehrgeizige Ziele gesetzt, »noch vor Ende dieses Jahrzehnts einen Menschen auf dem Mond zu landen und ihn sicher zur Erde zurückzubringen: »I believe that this nation should commit itself to achieving the goal, before this decade is out, of landing a man on the moon and returning him safely to the earth.« Koelle erinnert sich an »hektische Aktivitäten«, alles wohlgemerkt noch vor Alan Shepards lediglich 15 Minuten dauerndem Erstflug ins All. Die nächste Version der Großrakete, die Saturn V, sollte in der Lage sein, 45 Tonnen Nutzlast auf die erforderliche »Fluchtgeschwindigkeit« zum Verlassen des Erdorbits zu bringen.
Bei der »Suche nach dem besten Weg zum Mond« wurden verschiedene Abläufe einer solchen Mission mit ihren Vor- und Nachteilen gegeneinander abgewogen. Koelle hatte sich zunächst auch einen Direktflug zum Mond vorstellen können. Schließlich setzte sich aber die Variante mit einer Landef ähre für zwei Astronauten durch, die bei ihrer Rückkehr von der Mondoberfläche in der Umlaufbahn des Trabanten von einem dritten Crew-Mitglied in der zur Rückreise bereiten Raumkapsel erwartet wurden. »Die Wahrscheinlichkeit eines Verlustes der Besatzung« zu berechnen, gehörte dabei ebenfalls zu Koelles Aufgaben. Sie wurde zu diesem Zeitpunkt auf »etwa 10 Prozent« taxiert, was offenbar als hinreichend zuverlässig erschien.
Als alle diese Entscheidungen getroffen worden waren, blieb Koelle nurmehr »Berater und Beobachter«: Die Mondlandung war nun ein laufendes Vorhaben, und man konnte sie »nicht mehr als Zukunftsprojekt bezeichnen«. Während die NASA also auf ihre epochemachende Apollo-Missionen zusteuerte, drehte sich bei Koelle die Stimmung: »Die Zukunft«, das, was nach »Apollo« kommen könnte, »sah nicht sehr rosig aus«. Nun sei der Vietnam-Krieg in den Vordergrund der politischen Prioritäten gerückt und habe die Ressourcen für die Raumfahrt dezimiert. Die jüngeren Mitarbeiter des MSFC, die wie Koelle noch nicht den Ruhestand im Blick hatten, »mußten für die Zeit nach Apollo Raumfahrtprojekte planen, die bezahlbar blieben«. Das erwies sich als »doch nicht so leicht«, wie in der Euphorie um 1960 herum gedacht. Bei einem 1964 in Huntsville abgehaltenen Symposium wurde klar, dass »bemannte Flüge zu den Nachbarplaneten weder leicht, noch billig zu bewerkstelligen sein würden«.
Wieder zurück in Deutschland
In dieser Phase ergab sich für den jetzt knapp vierzigjährigen Koelle eine Chance, die seine zweite Lebenshälfte prägen sollte. Im Februar 1964 war Eugen Sänger verstorben, ein weiterer der Raumfahrtpioniere aus den 1920er Jahren. Ähnlich wie von Braun hatte sich der Österreicher in der Hoffnung, auf diese Weise seine Raketenvisionen umsetzen zu können, vorbehaltlos dem nationalsozialistischen System verschrieben. In den 30er Jahren hatte er Studien angestellt zur Entwicklung eines raketengetriebenen »Orbitalbombers« mit dem mythologisch-verklärenden Namen Silbervogel, der die Luftwaffe zum Angriff auf Amerika bef ähigen sollte. Nach Sängers Tod war dessen Lehrstuhl an der Technischen Universität in West-Berlin vakant; ein Generationswechsel stand an. Erst kurz zuvor war Koelle noch amerikanischer Staatsbürger geworden. Nun bewarb er sich in Deutschland, erhielt den Ruf und wurde 1965 Professor für Raumfahrttechnik in Berlin. Er verließ die USA in dem Bewusstsein, dass »die Arbeit der Jahre 1960 bis 65 im Future Projects Office des MSFC die Entwicklung des amerikanischen Raumfahrtprogramms wesentlich beeinflußt hat«. Im Zusammenhang mit seinem Abschied von der NASA entstand auch das Foto, auf dem von Braun ihm noch einmal anerkennend die Hand reicht.
Den Lehrstuhl in Berlin behielt Koelle bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1991. Die Themen, zu denen er als Universitätsprofessor während der 1970er und 1980er forschte, könnten im aktuellen Boom der kommerziellen Raumfahrt wieder auf Interesse stoßen. Die Anlage von Mondbasen gehörte dazu, damit hatte Koelle sich bereits 1959 im Rahmen des Project Horizon beschäftigt. Damals hatte ihn die U.S. Army beauftragt, die Möglichkeit eines Militärstützpunktes auf dem Mond durchzuspielen – bevor überhaupt sichergestellt war, dass Menschen außerhalb der Erde überleben können. Nun wollte Koelle das gesellschaftliche »Nutzenpotential der Raumfahrt« in den Mittelpunkt stellen. In den 1980er Jahren veröffentliche er dementsprechend unter anderem den »Entwurf eines Projektplanes für die Errichtung einer Mondfabrik« und eine »Vorstudie eines Pilotprojektes für ein solares Weltraumkraftwerk«.
Im Jahr 2011 ist Heinz Hermann Koelle in Berlin gestorben. Als der Raumfahrtveteran 1999 in einem Interview gefragt worden war, welches das dringlichste Projekt sei, das er gerne noch lösen würde, antwortete er: »Alle Diktatoren beseitigen und dafür sorgen, dass wertvolle Ressourcen nicht mehr in Kriegen verschwendet werden.«





