
Wer hat in seiner Kindheit nicht auf den Weihnachtsmann gewartet? – Seit dem Mittelalter bildet diese legendenumwobene Figur der christlichen Welt ein tragendes Element der europäischen Kultur, das überall mit dem Weihnachtsfest in Verbindung gebracht wird. Der Heilige Nikolaus, der Bischof von Myra – nicht Haddon Sundbloms Santa Claus der Coca-Cola-Werbung –, war neben anderen Zuständigkeiten seit jeher der Schutzpatron der Kauf- und Seeleute. Es überrascht daher nicht, dass dieser Heilige häufig in Hansestädten verehrt wurde, in denen die Elite aus reichen Kaufleuten bestand und der Seehandel die Quelle des Reichtums war. In den Städten des Ordensstaates gab es sieben ihm geweihte Pfarrkirchen. Noch häufiger vertreten war hier lediglich das Patrozinium des Hl. Johannes (des Täufers oder des Evangelisten). Von den drei sogenannten großen preußischen Städten – Danzig, Elbing und Thorn – waren es die Einwohner Elbings, die dem Hl. Nikolaus ihre Hauptkirche anvertrauten. Erst jüngst, am 6. Dezember 2021, ist er nun sogar zum offiziellen Schutzpatron der Stadt erhoben worden.
Von der hohen Bedeutung dieses Heiligen und seiner Verehrung zeugt im Inneren der heutigen Kathedrale die hier abgebildete Skulptur aus dem späten Mittelalter. Die überlebensgroße, 2,85 m messende polychromierte gotische Figur ist eine Stiftung von Nikolai Wulsack, der an der berühmten Universität in Prag studiert sowie dort auch als Dozent gelehrt hatte und dann in den Jahren von 1402 bis 1425 als Probst der Altstadtpfarrei wirkte. Er war ein äußerst verdienstvoller Seelsorger und ein herausragender Kunstmäzen. Zu seinen Verdiensten gehört, dass er die Pfarrkirche baulich erheblich erweitert und neben der Nikolaus-Statue auch die Kreuzigungsgruppe und das Apostelkollegium gestiftet hat.
Geschaffen wurde die Holzskulptur von einem unbekannten, möglicherweise aus Danzig stammenden Bildhauer im ersten Jahrzehnt des 15. Jahrhunderts. In der linken Hand hält die Figur das Pastorale, das Symbol bischöflicher Macht, der erhobene Zeigefinger der Rechten hingegen betont das Amt des Lehrenden, moralisch Mahnenden. Überdies lässt das Bildwerk erkennen, wie die liturgischen Bischofsgewänder zu dessen Entstehungszeit ausgesehen haben. Im Rahmen einer Renovierung hatten die Maler Fahlberg und Wronka 1926 zwar die Farben und Muster nach eigenen Vorstellungen umgestaltet; doch glücklicherweise wurde bei weiteren Arbeiten im Jahr 1973 die mittelalterliche Polychromie wieder freigelegt und konnte daraufhin behutsam restauriert werden.
Text: Bartosz Skop / Foto: Mieczysław Jaworski