AUF EIN WORT
Unter dieser Rubrik finden Vertreter von Verbänden, politischen Parteien oder anderen Organisationen einen Ort, an dem sie sich in persönlichem Ton und zu einem frei gewählten Thema an die Leserschaft des Westpreußen wenden.
»Im Geiste der Versöhnung«
Von Roland Borchers
»Flucht, Vertreibung, Versöhnung«: Der Gesetzgeber hat der Bundesstiftung in Berlin einen ambitionierten Auftrag gegeben. Sie soll Flucht und Vertreibung »im Geiste der Versöhnung« – so heißt es im Stiftungsgesetz – aufarbeiten. Nun erfolgen Flucht und Vertreibung stets im Geiste des Konflikts, im Fall der Deutschen im Kontext des Zweiten Weltkrieges. Dieser Krieg ist lange vorbei und Europa heute in einer Union vereint – aber die Folgen des Krieges prägen unseren Kontinent bis heute, Wunden sind teils nicht verheilt und die Konflikte nicht vergessen. Insofern hat der Gesetzgeber der Stiftung einen wichtigen Auftrag erteilt, der zwar nicht unmöglich ist, aber auf jeden Fall herausfordernd. Und das zeigt sich seit Jahren, eigentlich schon Jahrzehnten: Die Debatten um diese Einrichtung reißen nicht ab.
Seit dem 1. Juni 2026 fällt mir die ehrenvolle Aufgabe zu, die Stiftung als Direktor zu leiten. Einige Westpreußen bzw. Menschen, die sich Westpreußen verbunden fühlen, werden mich kennen: Meine Familie stammt aus dieser ehemaligen deutschen Provinz und der – heutigen – Westpreußischen Gesellschaft bin ich seit Ende der 1990er Jahre freundschaftlich verbunden. Ausgehend von meiner westpreußischen Familiengeschichte habe ich Geschichte, Politik und Polnisch studiert und mich auf die deutsch-polnische Geschichte spezialisiert. In den letzten Jahren habe ich in einer NS-Gedenkstätte gearbeitet. Gerade auch eine gute Kenntnis der deutschen Verbrechen im Zweiten Weltkrieg ist für meine neue Aufgabe unabdinglich.
Die Stiftung betreibt das Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung, das sich am Anhalter Bahnhof in Berlin befindet und 2021 eröffnet wurde. Besucherinnen und Besucher – gerade auch Vertriebene – sind von der Dauerausstellung, den Sonderausstellungen, den Veranstaltungen und der gesamten Arbeit der Stiftung – insbesondere der Sammlungstätigkeit und den Zeitzeugeninterviews – beeindruckt. Endlich gibt es in Deutschland eine zentrale Einrichtung, die dieses so wichtige Thema – die Flucht und Vertreibung der Deutschen – aufarbeitet, bewahrt und vermittelt. Das Gebäude ist imposant, die Themenvielfalt in der Ausstellung beeindruckend und die Kontextualisierung der Vertreibung der Deutschen durch die NS-Verbrechen sowie frühere und spätere Vertreibungen in Europa und der Welt erscheint vielen angemessen.
Zugleich gibt es andere, die mit dem Dokumentationszentrum nicht glücklich sind: Die Architektur wirke nicht passend, ja gerade kühl, die Ausstellung sei zu groß und verschachtelt, erst im zweiten Stock gehe es vertiefend um die Deutschen – und nicht in der ersten Etage. In Deutschland benutzt man oft den Begriff der »Heimatvertriebenen« – und gerade die »Heimat« taucht in der riesigen Ausstellung fast gar nicht auf. Dass Deutsche jahrhundertelang im östlichen Europa gelebt und gewirkt haben, wird nicht deutlich. Oft hört man, die Ausstellung sei, vor allem im zweiten Stockwerk, wo es vorwiegend um die Deutschen geht, empathielos, farblos und nicht eingängig. Mitte Juni schrieb Jochen Buchsteiner, der jüngst den Beststeller Wir Ostpreußen vorgelegt hat, in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: »Die Ausstellung wirkt fast schmerzhaft nüchtern.«
Dabei darf nicht vergessen werden, in welchem Kontext dieses Haus und seine Dauerausstellung entstanden sind: in einem schwierigen, über 20 Jahre währenden Prozess – und »im Geiste der Versöhnung«. Dass es der damaligen Direktorin Dr. Gundula Bavendamm überhaupt gelungen ist, die Einrichtung aufzubauen und vor fünf Jahren zu eröffnen, ist eine beeindruckende Leistung. In sehr vielen Gesichtspunkten ist das Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung – dafür steht schon dieser sperrige Name – ein Kompromiss. Man könnte auch sagen: ein Spagat. Die Entstehung des Hauses war in Berlin, innerdeutsch und europäisch höchst umstritten. Es gibt nicht wenige Deutsche, die es schon an sich für revanchistisch halten, sich mit den deutschen Opfern des Zweiten Weltkrieges zu befassen. Europäische Nachbarn haben Vorbehalte, dass durch das Gedenken an die deutschen Opfer zugleich die Opfer der Deutschen in den Hintergrund treten. Die Erarbeitung der Dauerausstellung erfolgte im Kontext der massiven Zuwanderung von Menschen nach Deutschland, insbesondere ab 2015 infolge des Krieges in Syrien. Damals wie heute erscheint es sinnvoll, Gemeinsamkeiten, Parallelen und Unterschiede zwischen verschiedenen Vertreibungsphänomenen herauszustellen; denn viele junge Menschen – egal welcher Herkunft – wissen heute oft nicht, was 1945/46 geschah. Wie erklären wir ihnen das am besten?
Es ist unstrittig, dass die Arbeit der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung stets weiterentwickelt werden muss. Die Dauerausstellung wurde bereits an mehreren Stellen überarbeitet, und das setzen wir fort – im Dialog mit den Organisationen der Vertriebenen, Fachleuten, der Politik und der Öffentlichkeit. Hier ist viel Fingerspitzengefühl gefragt. Meine Verbindung mit Westpreußen und Polen zugleich wird dabei hilfreich sein. Ich hoffe, dass in einigen Jahren die Zufriedenheit mit dem Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung gestiegen sein wird. Denn genau dies ist mein Auftrag.
Ich lade alle Westpreußen bzw. Menschen, die sich Westpreußen verbunden fühlen, ganz herzlich nach Berlin ein. Besuchen Sie mich gerne an meiner neuen Wirkungsstätte und machen Sie sich Ihr eigenes Bild.
Dr. Roland Borchers ist Direktor des Dokumentationszentrums Flucht, Vertreibung, Versöhnung. Er studierte Geschichte, Politikwissenschaft und Polonistik in Berlin, Wien und Warschau. Von 2009 bis 2015 war er am Osteuropa-Institut der Freien Universität Berlin tätig, anschließend 2016/17 an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder). Ab 2017 arbeitete er im »Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit« der Stiftung Topographie des Terrors, von 2024 bis zum Juni 2026 als dessen stellvertretender Leiter.