AUF EIN WORT
Unter dieser Rubrik finden Vertreter von Verbänden, politischen Parteien oder anderen Organisationen einen Ort, an dem sie sich in persönlichem Ton und zu einem frei gewählten Thema an die Leserschaft des Westpreußen wenden.
Kultur braucht Erinnerung – Verständigung braucht Verlässlichkeit
Von Stephan Mayer MdB
Gut ein Jahr nach dem Regierungswechsel im Frühjahr 2025 lässt sich für die Kultur- und Verständigungspolitik gegenüber den deutschen Heimatvertriebenen, Aussiedlern und Spätaussiedlern sowie den deutschen Minderheiten eine erste Zwischenbilanz ziehen. Aus Sicht des Bundes der Vertriebenen fällt sie insgesamt ermutigend aus: Zuständigkeiten werden wieder klarer gebündelt, zentrale Einrichtungen erfahren politische Rückendeckung und auch finanziell wird spürbar, dass dieses Kapitel deutscher Geschichte wieder stärker in den Fokus der Bundesregierung gerückt ist.
Ein zentraler organisatorischer Schritt ist die Zusammenführung bislang getrennter Verantwortungsbereiche im Bundesministerium des Innern. Kulturförderung nach § 96 Bundesvertriebenengesetz (BVFG), Minderheitenpolitik, grenzüberschreitende Verständigung und die Zusammenarbeit mit den Verbänden gehören sachlich ohnehin und nun auch organisatorisch zusammen. Diese gebündelte Zuständigkeit und ein gestärkter Bundesbeauftragter können die Grundlage für eine kohärente, aus einem Guss gedachte Politik bilden.
Für die Pflege unseres gemeinsamen kulturellen Erbes, zu dem auch das westpreußische Kulturerbe selbstverständlich zählt, eröffnet dies die Chance auf bessere Abstimmung, geringere Reibungsverluste und vor allem auf verlässliche Kontinuität. Dabei ist die Kulturarbeit der Vertriebenen weit mehr als rückwärtsgewandte Traditionspflege. Sie erfüllt einen fortdauernden Bildungsauftrag. Sie benennt das Unrecht von Flucht und Vertreibung, ohne die historische Verantwortung Deutschlands für den Zweiten Weltkrieg und seine Folgen auszublenden. Gerade diese Verbindung aus historischer Wahrhaftigkeit und Empathie schafft Orientierung – und hält den Raum für Verständigung offen.
Die landsmannschaftlichen Mitgliedsverbände des BdV arbeiten seit Jahrzehnten eng mit den deutschen Minderheiten in den Herkunftsgebieten zusammen: bei Gedenkveranstaltungen, Kulturwochen, Begegnungsreisen, Städtepartnerschaften oder in der musealen Kooperation. In der Erinnerungsarbeit der Vertriebenen und der Kulturarbeit der Minderheiten begegnen wir derselben Geschichte – jedoch aus unterschiedlichen biografischen Perspektiven. Mit ihrem klar grenzüberschreitenden Ansatz leistet besonders auch die Westpreußische Gesellschaft hierfür einen unverzichtbaren Beitrag. Tagungen, Publikationen, Bildungsangebote und die gemeinsame Arbeit mit dem Westpreußischen Landesmuseum: All das hält Wissen lebendig, das sonst verloren ginge. Diese Arbeit ist kein Selbstzweck, sondern Teil einer gesamtdeutschen, auf Europa ausgerichteten Erinnerungskultur.
Wer die Geschichte Westpreußens erzählt, spricht über konkrete Orte und Biografien. Ob Danzig, Marienwerder, Thorn oder die Weichselregion, ob Emil von Behring, Hilmar Kopper oder Kurt Schumacher: Das Sichtbarmachen des deutschen Erbes an der unteren Weichsel schafft Grundlagen für Dialog – auch im Austausch mit polnischen Partnern und in gemeinsamen Kultur- und Forschungsprojekten. Westpreußen war nie eine homogene Region, sondern über Jahrhunderte ein kultureller, sprachlicher und konfessioneller Begegnungsraum. Deutsche, Polen, Kaschuben und Juden prägten Städte und Landschaften gleichermaßen. Gerade diese historisch gewachsene Vielfalt macht Westpreußen zu einem Schlüsselraum für eine europäisch gedachte Erinnerungskultur. Wer an Westpreußens Geschichte erinnert, hat nicht Trennendes, sondern Verbindendes im Fokus.
Vor diesem Hintergrund war die Rückbenennung des BKGE in Oldenburg in Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa im Dezember 2025 von besonderer Bedeutung. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt – thematisch nun der erste »Bundesvertriebenenminister« seit langem – hat damit nicht nur ein kultur- und erinnerungspolitisches Signal gesetzt, sondern eine aus dem Auftrag des § 96 BVFG begründete Forderung umgesetzt, die bewusst auch im Koalitionsvertrag verankert wurde. Zugleich wurde eine Fehlentscheidung aus dem Jahr 2023 korrigiert. Titel, Auftrag und inhaltlicher Schwerpunkt des Instituts stehen nun wieder in einem stimmigen Verhältnis. Das Themenfeld »Deutsche im östlichen Europa« wird als integraler Bestandteil der deutschen Erinnerungskultur ernst genommen – auch, weil sich hier die enge Verflechtung deutscher und osteuropäischer Geschichte exemplarisch zeigt.
Neben diesen strukturellen Weichenstellungen zeigt sich der neue Rückenwind auch finanziell. In der Bereinigungssitzung zum Bundeshaushalt 2026 hat der Deutsche Bundestag gezielte Akzente zugunsten von Verbänden, Institutionen und Kultureinrichtungen der Vertriebenen gesetzt. Schwerpunkte lagen zum einen auf der Sicherung materiellen Kulturgutes – etwa bei Kirchenburgen in Siebenbürgen oder der Ruine von Schloss Steinort –, zum anderen auf dringend benötigten zusätzlichen Mitteln für nach § 96 BVFG tätige Museen und Einrichtungen. Daraus erwächst die berechtigte Hoffnung, dass Bedarfe und Nöte künftig verlässlicher erkannt und ernst genommen werden.
Insgesamt ist das gegenwärtige Regierungshandeln geeignet, verloren gegangenes Vertrauen zurückzugewinnen. Es macht deutlich, dass Erinnerung an Flucht und Vertreibung, Pflege des kulturellen Erbes und Verständigung mit den Nachbarn weiterhin als dauerhafte staatliche Aufgabe verstanden werden. Die Weichen sind gestellt. Nun gilt es, diese Linie zu verstetigen – damit Kultur bleibt, Erinnerung trägt und Verständigung gelingt.
Stephan Mayer MdB ist seit Oktober 2025 Präsident des Bundes der Vertriebenen. Seit 2002 gehört der Rechtsanwalt für die CSU dem Deutschen Bundestag an.