AUF EIN WORT
Unter dieser Rubrik finden Vertreter von Verbänden, politischen Parteien oder anderen Organisationen einen Ort, an dem sie sich in persönlichem Ton und zu einem frei gewählten Thema an die Leserschaft des Westpreußen wenden.
Kriegskinder damals und heute
Die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) hat auf der Buchmesse Leipzig im März 2026 die Publikation Ostpreußens Wolfskinder – Vergleichende Perspektiven im europäischen Kontext vorgelegt. Wie der Titel signalisiert, liegt der Schwerpunkt auf dem Schicksal der ostpreußischen Wolfskinder, jener Kinder, die in den Wirren von Krieg und Nachkriegszeit, Diktatur und tiefgreifenden gesellschaftlichen Umbrüchen auf sich allein gestellt waren und nur mit Hilfe der litauischen Bevölkerung überlebten. Dieses Thema sucht bis heute seinen angemessenen Platz in der europäischen Erinnerungskultur.
Nach dem Zweiten Weltkrieg waren Tausende Mädchen und Jungen aus dem nördlichen Ostpreußen vor dem drohenden Hungertod ins benachbarte, ebenfalls sowjetisch besetzte Litauen geflohen. Über Jahrzehnte hinweg wurde ihr Leid nicht wahrgenommen oder marginalisiert. »Diese Leerstelle in unserer kollektiven Erinnerung ist nicht entschuldbar«, so die Herausgeber im Vorwort ihrer Publikation.
Die GfbV setzt sich seit 2011 für die Wolfskinder ein. Den Anstoß hierzu hatte Tilman Zülch gegeben, der inzwischen verstorbene Gründer der Gesellschaft, die es mit einer Kampagne im Jahr 2017 erreichte, dass die Bundesrepublik Deutschland den Wolfskindern ein besonderes Kriegsfolgenschicksal attestierte. Infolgedessen konnten die einstigen ostpreußischen Hungerkinder im Rahmen der Entschädigung ehemaliger ziviler deutscher Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter eine Anerkennungsleistung beantragen. Für die Betroffenen ein Akt von hoher symbolischer Bedeutung.
Aus dem inzwischen gut gefüllten Regal mit Literatur zu Kriegskindern im Allgemeinen und Wolfskindern im Besonderen ragt die neue Publikation hervor. Sie ist interdisziplinär und international angelegt und erscheint nicht nur auf Deutsch, sondern auch auf Englisch und Litauisch. Der aktuelle Forschungs- und Rezeptionsstand ist damit erstmalig in drei Sprachen verfügbar. Das Schicksal der ostpreußischen Wolfskinder wird in einen vergleichenden europäischen Rahmen gestellt, um Gemeinsamkeiten, Unterschiede und wiederkehrende historische Muster von Flucht, Vertreibung und Gewalt gegen Kinder sichtbar zu machen. Hier tun sich auch konkrete Bezüge nach Westpreußen auf, etwa bei der Frage, wie es westpreußischen Kindern nach 1945 in polnischen Heimen oder in dänischen Flüchtlingslagern ergangen ist.
Anknüpfend an das Berliner Wolfskinder-Symposium, das die Gesellschaft für bedrohte Völker zusammen mit der Bundeszentrale für politische Bildung im März 2023 durchgeführt hat, liegt ein Hauptaugenmerk der Publikation auf Fragen der Erinnerungspraxis und der transnationalen Gedächtnisgeschichte. Wie wird in unterschiedlichen Gesellschaften an diese über lange Zeit vergessenen Kinder erinnert? Welche Narrative haben sich in Litauen, Deutschland und anderen europäischen Staaten herausgebildet, und wie prägen sie unser heutiges Verständnis von Flucht, Vertreibung und Kinderschutz? Die ereignisgeschichtlichen Darstellungen der Wolfskinder, ihre zentralen Erfahrungen sowie der Gegenwartsbezug lassen Vergangenes sichtbar werden. Sie führen vor Augen, dass dieses Leid selbst nach Jahrzehnten weder verschwunden noch abgeschlossen ist.
Die persönlichen Berichte der letzten Überlebenden spiegeln existenzielle Erfahrungen von Verlust, Hunger und Gewalt, zugleich aber auch Stärke, Behauptungswillen und menschliche Würde wider. Sie verdeutlichen in eindringlicher Weise die besondere Verletzlichkeit von Kindern in Zeiten politischer und sozialer Erschütterungen und unterstreichen die Notwendigkeit, kindlichem Erleben eine Stimme zu geben.
Mit dieser Publikation verfolgt die Gesellschaft für bedrohte Völker das Ziel, das Bewusstsein für die langfristigen Folgen von Krieg und Vertreibung zu schärfen und eine Brücke zu gegenwärtigen Debatten über Kinderrechte, humanitären Schutz und gesellschaftliche Verantwortung zu schlagen.
Darüber hinaus ist der Band als Beitrag zur politischen und gesellschaftlichen Bildung zu verstehen. Er richtet sich besonders an junge Menschen und ermutigt dazu, historische Entwicklungen kritisch zu reflektieren sowie die sozialen Herausforderungen, die aus Krisen- und Kriegssituationen erwachsen, differenziert zu betrachten. Die Geschichte der Wolfskinder zeigt eindrücklich, wie in der Kindheit erlittene Gewalt und Entwurzelung das weitere Leben prägen – und wie notwendig es ist, historische Ungerechtigkeiten auszuleuchten, um aktuellen und zukünftigen Gefährdungen entgegenzuwirken.
Die Publikation ist Mahnung gegen das Vergessen und zugleich Einladung, historisches Wissen zu erweitern. Sie eröffnet Räume für Dialog, Empathie und Engagement und setzt ein Zeichen für die Bedeutung einer lebendigen, verantwortungsbewussten Erinnerungskultur im heutigen Europa.
Nach der Präsentation in der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung, die am 23. September stattgefunden hat, wird die GfbV die englischsprachige Version demnächst gemeinsam mit der litauischen Botschaft in London vorstellen. Die Version in litauischer Sprache soll der Öffentlichkeit späterhin ebenfalls präsentiert werden, voraussichtlich in Wilna.
Zu beziehen ist die Publikation als Printausgabe in deutscher, englischer und litauischer Sprache gegen eine Spende bei der Gesellschaft für bedrohte Völker, Geiststraße 7, 37073 Göttingen, Tel.: 05 51.49 90 60, E‑Mail: info@gfbv.de oder kostenlos als PDF unter www.gfbv.de/aktuelles/publikationen
Dr. Christopher Spatz ist Autor und Historiker, hat über das Thema der ostpreußischen Wolfskinder promoviert und arbeitet seit 15 Jahren ehrenamtlich mit der Gesellschaft für bedrohte Völker zusammen. Seine Bücher Nur der Himmel blieb derselbe. Ostpreußens Hungerkinder erzählen vom Überleben (2016) sowie Heimatlos. Friedland und die langen Schatten von Krieg und Vertreibung (2018) sind im Hamburger Ellert & Richter Verlag schon in mehreren Nachauflagen erschienen.