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Titelseite der WP-Ausgabe 4-2025, Winter

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Rumia – Rahmel – Rëmiô

Rückblick auf die ­800-jährige Geschichte einer Mittelstadt in Pommerellen

Rahmel, die größte Stadt des Kreises Neustadt, die mit dem benach­barten Rheda und der Kreis­stadt inzwi­schen zur »Kleinen Dreistadt« zusam­men­ge­wachsen ist, konnte – wie WP 3/2024 berichtet hat – im vergan­genen Jahr das 800. Jubiläum seiner ersten urkund­lichen Erwähnung feiern. Angesichts dieses ehrwür­digen Alters hat jenes Ereignis die Redaktion gespannt gemacht, Genaueres über die Geschichte dieses Orts zu erfahren.

Obwohl das wieder polnisch gewordene »Rumia«, das auf Deutsch »Rahmel« und auf Kaschu­bisch »Rëmiô« heißt, seine Stadt­rechte erst 1954 erhielt, reicht seine Geschichte über viele hundert Jahre zurück, bis in die Zeit, in der Pomme­rellen von den Herzögen der Sambo­riden beherrscht wurde: von Swantopolk II. (um 1195–1266) und seinem Sohn Mestwin II. (vor 1220–1294). Einige Forscher gehen davon aus, dass die Siedlung wahrscheinlich sogar schon viel früher existierte. Darauf könnte die Etymo­logie des Namens hindeuten, denn Lingu­isten nehmen an, dass der Ortsname »Rahmel« über die mittel­al­ter­liche Bezeichnung »Rumia« mit dem altger­ma­ni­schen Wort »rūm« verwandt ist, das im frühen Mittel­alter schlicht »Raum« bedeutete – ein Wortstamm, der auch im Kaschu­bi­schen ähnlich klingt.

Im Zeichen der Mönche

Die erste schrift­liche Quelle, die Rahmel als Siedlung im Besitz der Zister­zi­enser von Oliva, die im 13. Jahrhundert vor Ort eine erste Kirche erbauten, bestätigt, ist ein von Swantopolk II. ausge­stelltes Dokument aus dem Jahre 1224. Die früheste Erwähnung einer Pfarrei in Rahmel stammt aus dem Jahr 1253. Das ursprüng­liche Gotteshaus hatte wahrscheinlich eine Holzkon­struktion; späterhin aus Stein errichtet, wurde es im 15. oder 16. Jahrhundert im spätgo­ti­schen Stil umgebaut. Die Ruine dieses Bauwerks hat die Jahrhun­derte überdauert und zeugt noch heute von den Anfängen. Auf dem Gebiet von Rahmel gründeten die Mönche nicht nur die erwähnte Pfarrei, sondern auch ein Kloster­vorwerk, das wahrscheinlich als Weide für Schafe diente. Die gesamte Region profi­tierte von den spezi­ellen landwirt­schaft­lichen Inter­essen und Fähig­keiten der Mönche von Oliva. 

Aller­dings waren die Zister­zi­enser bereits im 13. Jahrhundert nicht konkur­renzlos. Ein Teil der Oxhöfter Kämpe gehörte den Prämons­tra­ten­se­rinnen von Zuckau. So führten Strei­tig­keiten über den Umfang des Landbe­sitzes dazu, dass der Bischof von Leslau, Wolimir, am 31. Oktober 1253 eine Bulle erließ, die es dem Pfarrer unter­sagte, in den von den Zuckauer Nonnen verwal­teten Dörfern tätig zu werden. Diesem Verbot wurde eine derart große Bedeutung beigemessen, dass der Bischof dem Priester für den Fall, dass er sich nicht an die Anweisung halten sollte, mit Exkom­mu­ni­kation drohte.

Wie wichtig Rahmel in den ersten Jahren seiner urkundlich dokumen­tierten Geschichte geworden war, lässt sich daran ablesen, dass der bereits erwähnte Herzog Mestwin II. bei einer seiner üblichen Reisen durch das Land im Jahr 1285 den Ort besuchte. Während seines Aufent­halts stellte er ein Dokument aus, das die Übereignung mehrerer Dörfer in der Nähe von Putzig an die Zister­zi­enser bestätigte. 

Auch unter der Herrschaft des Deutschen Ordens im 14. Jahrhundert behielt Rahmel seine Bedeutung. Ein Großes Privileg für den Zister­zi­en­ser­orden aus Oliva aus dieser Zeit beschreibt die Grenzen der Siedlung so detail­liert, dass sich erstaun­liche Paral­lelen zu den heutigen Stadt­grenzen erkennen lassen.

Trotz großer politi­scher Verän­de­rungen und selbst nach dem Übergang Pomme­rellens an das König­reich Polen im Jahr 1466 blieb der Ort bis zum Ende des 18. Jahrhun­derts Eigentum der Zister­zi­enser. Erst mit der Ersten Teilung Polens 1772, in deren Folge das Danziger Pommern unter die Herrschaft des König­reichs Preußen fiel, endete diese Ära: Das ehemalige »König­liche Preußen« wurde in »Westpreußen« umgewandelt. Die neuen Behörden entzogen den Zister­zi­ensern daraufhin das Land und trennten das Dorf adminis­trativ vom Kloster­vorwerk, das nun verpachtet und 1819 an private Eigen­tümer verkauft wurde.

Ein Dorf wird zum Kurort

Dies blieb nicht die einzige wichtige Änderung in der Region. Auch die indus­trielle Revolution rüttelte das verschlafene Dorf im 19. Jahrhundert auf, mit großen Auswir­kungen auf das Gebiet der modernen Stadt. Der Aufschwung begann 1870 mit dem Bau der Eisen­bahn­linie und der Eröffnung der Bahnhal­te­stelle »Rahmel-Sagorsch« ein Jahrzehnt später – die Eisenbahn brachte nicht nur Güter, sondern auch Touristen und Kurgäste. 

Besonders das malerische Schmelztal, eine Gelän­de­for­mation im Süden der heutigen Stadt, wo der Sagorschbach (Zagórska Struga) durch bewaldete Moränen­hügel fließt, zog Gäste an, vereinte es doch die Vorzüge einer Bergland­schaft und eines Küsten­ortes. In den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhun­derts begann man in der Gegend mit dem Bau von Hotels, Pensionen und Restau­rants; auf einem der Hügel wurde ein Aussichtsturm errichtet, Wanderer eroberten die zahlreichen Waldwege zur aktiven Erholung.

Um die Jahrhun­dert­wende waren das Hotel Schmelzthal und das Hotel Claassen die belieb­testen Adressen im Kurort Sagorsch. Das erste befand sich in einem Wirtshaus aus dem 18. Jahrhundert, direkt an der Kreuzung des Sagorsch­bachs mit der Chaussee zwischen Danzig und Neustadt. Direkt gegenüber, an der heutigen Sobieskiego-Straße, erwei­terte Eduard Claassen 1903 ein Gartencafé um eine eindrucks­volle zweistö­ckige Villa, die bis heute als Hotel dient.

Luftfahrt und Aufbruch 

Der Erste Weltkrieg beendete diese vom Fremden­verkehr geprägte Phase rasch, doch nach der Rückkehr zum nach Kriegsende wieder­ge­grün­deten polni­schen Staat folgte bereits ein nächster Schub der Stadt­ent­wicklung: Der Bau der Hafen­stadt Gdingen, die größte Inves­tition in der Geschichte des Landes, ließ das nahege­legene Rahmel im »ameri­ka­ni­schen Tempo« mitwachsen – die Einwoh­nerzahl der Siedlung stieg an, und die gesamte Infra­struktur expandierte. 

Bereits in den 1920er Jahren entstand in Rahmel ein Flugplatz. Er entwi­ckelte sich von einer militä­ri­schen Anlage über einen Sport­flug­hafen hin zu einem vollwer­tigen Verkehrs­flug­hafen (1935), der zunächst Inlands­ver­bin­dungen nach Warschau und Krakau bediente, vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges konnte man von Rahmel aus aber auch nach Rom, Kopen­hagen oder Wien fliegen. Sogar ein Monta­gewerk für ameri­ka­nische Lockheed-Flugzeuge war hier angesiedelt, die Einzel­teile wurden an Bord polni­scher Trans­at­lan­ti­k­liner impor­tiert. Der Flugplatz gilt zudem als die Wiege vieler Sport­flieger, die später als Piloten für die polnische Jagdstaffel der Royal Air Force (RAF) kämpften, unter anderem in der sogenannten Luftschlacht um England.

Krieg und Zerstörung

Mit dem Überfall auf Polen am 1. September 1939 wurde Rahmel aufgrund seiner strate­gi­schen Lage und des Flughafens unmit­telbar zum Ziel deutscher Angriffe. Nach blutigen Kämpfen im Vorfeld von Gdingen mussten sich die letzten polni­schen Soldaten am 12. September zurückziehen. 

Nach dem Ende des polni­schen Vertei­di­gungs­krieges (1939) und der deutschen Besatzung des Landes wurde Rahmel schritt­weise milita­ri­siert: Der Flughafen wurde zum Luftwaf­fen­stütz­punkt umgewandelt (eine zivile Nutzung war damit ausge­schlossen) und innerhalb der Stadt­grenzen, auch in Schul­ge­bäuden, eröff­neten Werke zur Herstellung von Flugzeug­teilen und ‑zubehör, in denen überwiegend Häftlinge des örtlichen Arbeits­lagers Zwangs­arbeit leisteten. Doch auch der Wider­stand war präsent – Parti­sanen der Organi­sation Gryf Pomorski [Pommer­scher Greif] und Späher der Szare Szeregi [Graue Reihen] sammelten vor Ort Geheim­dienst­in­for­ma­tionen und verübten Sabotageakte. 

Ab 1943 wurde Rahmel zum Ziel alliierter Bomben­an­griffe, die den Flughafen 1944 völlig lahmlegten und damit das Produk­ti­ons­po­tenzial der umlie­genden Unter­nehmen erheblich einschränkten. Auch im Jahr 1945 dauerten die Kämpfe – wie bereits 1939 – mehrere Tage an und brachten erneut große Zerstö­rungen mit sich, bis sich die deutschen Soldaten nach Gdingen zurück­zogen. Diese dunklen Jahre zwischen 1939 und 1945 dokumen­tiert heute ein kleines, 2023 eröff­netes Militär-Freilichtmuseum. Zu den Spuren, die die Kriegs­ge­scheh­nisse hinter­lassen haben, gehört auch eine deutsche Flugab­wehr­bat­terie in dessen unmit­tel­barer Nähe, die inzwi­schen zivilen Zwecken dient. 

Neuanfang und Identität

Die Verleihung der Stadt­rechte im Jahr 1954 – bemer­kens­wer­ter­weise genau zum 730. Jahrestag der ersten histo­ri­schen Erwähnung des Ortes – markierte den Beginn einer neuen Ära für Rahmel. Aufgrund der Nähe zur Dreistadt und zahlreicher dort ansäs­siger Indus­trie­an­lagen wählten nun immer mehr Menschen die neu gegründete Stadt als ihre Heimat. Dies lag vor allem darin begründet, dass der Erwerb einer Wohnung oder eines kleinen Wohngrund­stücks in Rahmel wesentlich erschwing­licher als in Danzig war – Wohngrund­stücke wurden dabei auch auf dem parzel­lierten Gelände des ehema­ligen Flughafens angelegt, da dieser nach 1945 nicht wieder­eröffnet wurde. 

Während der kommu­nis­ti­schen Zeit (1945–1989) wuchs die Stadt rasant, oftmals jedoch recht chaotisch – die Kommu­nal­ver­waltung, die den Zentral­be­hörden streng unter­stellt war, funktio­nierte schlecht, was zudem dazu führte, dass die Bewohner nur begrenzte Möglich­keiten hatten, Einfluss auf ihr Umfeld zu nehmen. Der Zustrom von Menschen wurde seit den späten 1970er Jahren nicht zuletzt durch große Inves­ti­tionen in die Wohnungs­in­fra­struktur verstärkt: auch die ehema­ligen Bauern­wiesen und Weiden wurden zu Wohnsied­lungen, mit eigenen Schulen, Kliniken und Geschäften – histo­rische Bausub­stanz musste den neuen Wohnan­lagen oftmals weichen. All dies trug zum Verlust der lokalen Identität bei. – Dennoch blieben einige wertvolle Zeugnisse erhalten, wie ein Gutshof-Komplex aus dem 18. Jahrhundert namens Dworek pod Lipami [Herrenhaus unter den Linden], in dem früher die Besitzer einer Schmiede bzw. seit 1887 einer Holzwerk­statt wohnten; und vor allem auch die bereits erwähnte Ruine der Zister­zi­en­ser­kirche aus dem 15. oder 16. Jahrhundert. Vom mittel­al­ter­lichen Gotteshaus sind zwar nur ein Fragment des Presby­te­riums und eine der Kirchen­schiff­wände erhalten geblieben, bilden aber doch ein ausge­prochen wertvolles Denkmal.

In den letzten drei Jahrzehnten hat Rahmel sich ebenfalls weiter­ent­wi­ckelt. Die gute Anbindung an die Dreistadt und die malerische Lage führen dazu, dass auch weiterhin immer mehr Menschen diesen Ort als ihr neues Zuhause wählen, wobei das Interesse der Bewohner an lokal­ge­schicht­licher Bildung und Identität stark zugenommen hat. Auch die Kommu­nal­ver­wal­tungen und eine regionale Gruppe von histo­risch Inter­es­sierten engagieren sich seit mehreren Jahren für die Stadt­ge­schichte. Verschiedene kultu­relle und soziale Initia­tiven wurden begründet: Die jüngste davon ist – wie WP in der Ausgabe 3/2025 berichtet hat – die Einrichtung eines örtlichen Museums, das Relikte, Zeugnisse und Erinne­rungs­stücke sammelt, die an die jahrhun­der­tealte Geschichte von Rahmel erinnern.

Magdalena Pasewicz-Rybacka