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Ein Fluss als Mythos

Die Weichsel in der polnischen Kultur

Von Joanna Szkolnicka

Das polnische Parlament, der Sejm, erklärte das Jahr 2017 zum „Jahr der Weichsel“. Dadurch sollte die herausragende „nationale“ Bedeutung dieses Flusses nicht nur für die Wirtschaft des Landes, sondern auch für die polnische Kultur offiziell kenntlich gemacht werden.

„Noch im 16. Jahr­hun­dert spiel­te es kei­ne Rol­le, ob einer an der Weich­sel Pole war, Deut­scher oder Litau­er. Alle zusam­men haben sie den Natur­strom zum Kul­tur­strom umge­wan­delt. Erst mit den Tei­lun­gen des pol­ni­schen Staa­tes und dem Kampf der Polen um die Sou­ve­rä­ni­tät im 19. Jahr­hun­dert wur­de die Weich­sel zum Sym­bol für die Ein­heit des Lan­des – und zum Mythos“ – schreibt Bea­ta Hali­cka in ihrem Essay Wie ein Fluss zum Mythos wur­de. Ein viel­sa­gen­des Bei­spiel, wie die­ser Strom mit dem Polen­tum ver­schmolz, bie­tet die 1933 vom Bund der Polen in Deutsch­land getrof­fe­ne Ent­schei­dung, die sti­li­sier­te Dar­stel­lung des Weich­sel­lau­fes, das „rodło“, als Kenn­zei­chen zu nutzen.

Sagen und Mythen

Die Ver­bin­dun­gen zwi­schen der „Köni­gin der pol­ni­schen Flüs­se“ und der pol­ni­schen Kul­tur rei­chen weit in die Geschich­te zurück ;  davon zeu­gen die Sagen zur Grün­dungs­zeit des pol­ni­schen Staats­we­sens. Eine die­ser Geschich­ten ist erst­mals im 12./13. Jahr­hun­dert von dem Chro­nis­ten Win­cen­ty Kadłu­bek nie­der­ge­schrie­ben (oder viel­leicht erfun­den) wor­den. Dar­in wird von der Prin­zes­sin Wan­da erzählt, die einen Hei­rats­an­trag des deut­schen Fürs­ten Rüdi­ger ablehnt. Als der Fürst dar­auf­hin ihr Land über­fällt – wobei er auf dem Schlacht­feld geschla­gen wird –, stürzt sich die Prin­zes­sin in die Weich­sel, um ihren Unter­ta­nen wei­te­re Angrif­fe zu erspa­ren – oder um den Göt­tern ein Dank­op­fer dar­zu­brin­gen. Eine inter­es­san­te Adapt­a­ti­on die­ses Sagen­stof­fes bie­tet der baro­cke Dich­ter Andrzej Zby­li­tow­ski (1565–1608) in sei­ner poe­ti­schen Beschrei­bung der Schweden-Reise von Sigis­mund III. Wasa, die der König 1594 von War­schau bis nach Dan­zig per Schiff auf der Weich­sel unter­nahm :  In sei­nem Gedicht wird Wan­da zur Weich­sel­göt­tin, die ange­be­tet wer­den soll, weil sie imstan­de ist, Wind und Was­ser zu beru­hi­gen und den Rei­sen­den güns­ti­ges Wet­ter zu gewähren.

Wan­da, du schö­ne Göt­tin der Weich­sel rei­ßen­den Stro­mes,
Du, die Dein gerin­ges Alter den ewi­gen Göt­tern geop­fert,
Die Du einst die­ses alte Reich regiert hast,
In dem dei­ner rüh­mens­wer­ten Tugen­den noch gedacht wird,
Wie Du die Fein­de tap­fer geschla­gen
Und die Frei­heit mit Dei­nem Mute ver­tei­digt hast,
Wofür Du jetzt unter den Göt­tin­nen im Him­mel sitzt.
Schö­ne sla­wi­sche Nym­phe, ich bit­te Dich eif­rig :
Stil­le die Weich­sel, stil­le den Wind,
Gib einen siche­ren Weg,
Bewah­re unse­re Nachen, ver­treib’ die Furcht.
Und ich, wenn ich – so Gott will – zu Dei­nem Grab­hü­gel kom­me
(Wo lechi­ti­sche Drya­den Dei­ne Lei­che bestat­tet haben),
Las­se ich wohl­rie­chen­de Opfer ver­bren­nen
Und Dir zuste­hen­de Gaben schenken.

Tek­la Łubieńs­ka, die Autorin der 1807 in War­schau auf­ge­führ­ten fünf­ak­ti­gen Tra­gö­die Wan­da, die sich gro­ßer Beliebt­heit erfreu­te, nimmt die Sage im Geis­te der Emp­find­sam­keit auf. Wan­da erwi­dert zwar im Grun­de ihres Her­zens das lei­den­schaft­li­che Gefühl des deut­schen Fürs­ten, das ihn, nach­dem er abge­wie­sen wor­den ist, ver­an­lasst, ihr Land mit Krieg zu über­zie­hen. Sie gibt aber dem Wohl ihres Vol­kes den Vor­rang vor dem per­sön­li­chen Glück, besiegt das Heer Rüdi­gers und opfert ihr Leben den Göt­tern, indem sie sich in der Weich­sel ertränkt. Die Figur der Wan­da und ihre Geschich­te waren ins­be­son­de­re bei den Schöp­fern der pol­ni­schen Roman­tik und Spät­ro­man­tik wie Juli­usz Sło­wa­cki, Zyg­munt Kra­siń­ski, C. K. Nor­wid, Teofil Len­ar­to­wicz oder Jad­wi­ga Łuszc­zews­ka beliebt. Auf sie wirk­ten sowohl das tra­gi­sche Schick­sal der Prin­zes­sin als auch das his­to­ri­sche Sze­na­rio – die Zei­ten des heid­ni­schen Sla­wen­tums – äußerst anziehend.

Eine ori­gi­nel­le, phan­ta­sie­vol­le Vari­an­te des Sagen­stof­fes bie­tet der glei­cher­ma­ßen als Künst­ler wie Dra­ma­ti­ker her­vor­ge­tre­te­ne Sta­nis­law Wys­pia­ń­ski (1869–1907), der Wan­da regel­recht ver­ehr­te :  Jedes Jahr nahm er in Kra­kau an dem far­ben­fro­hen Fest­um­zug von Wand­as Gefol­ge teil, der zum Wanda-Hügel hin­auf­führt, und er schuf einen Glas­fens­ter­ent­wurf für die Wawel-Kathedrale, der sich mit dem Opfer­tod der Prin­zes­sin aus­ein­an­der­setzt. Für ihn ist Wan­da eine ille­gi­ti­me Toch­ter des Fürs­ten Krak ;  sei­ne zwei Söh­ne begeh­ren sie, ohne zu wis­sen, dass sie ihre Halb­schwes­ter ist, wäh­rend Rüdi­ger als Anfüh­rer einer Ban­di­ten­ban­de erscheint, der Wan­da ver­skla­ven will. In dem düs­te­ren Dra­ma Legen­da [Die Sage], in dem sowohl Ele­men­te der anti­ken Tra­gö­di­en als auch Anklän­ge an Mac­beth oder die Welt Richard Wag­ners auf­tau­chen, fin­den sich zahl­rei­che Weichsel-Motive – in die­sem Werk tum­meln sich etli­che Nixen und Was­ser­geis­ter, und selbst Wan­da, die als Säug­ling im Schilf gefun­den wur­de, stammt nun von einer Weichselnixe.

Ich bin der Wasser-Urgewalt entom­men
Und Toch­ter einer Was­ser­jung­frau.
Wegen mir die­ser Ansturm von Unglück und Not.
Sie jagen mich ins Räu­ber­los hin­ein.
Ich hab’ den Bru­der – einen Bru­der­mör­der getö­tet
Und wur­de selbst zur Bru­der­mör­de­rin.
Für mei­ne Schön­heit sind Räu­ber zusam­men­ge­lau­fen,
Wegen der Göt­tin Rache­lust.
Lebt wohl, seid gegrüßt !
Die letz­te Lie­der­nacht,
Da mor­gen Tod und Schei­ter­hau­fen mich erwar­ten,
Singt mir bis zum Tagesanbruch.

Die Weich­sel spielt auch in einer der berühm­tes­ten pol­ni­schen Sagen eine ent­schei­den­de Rol­le :  In der Geschich­te vom Wawel-Drachen, der die Kra­kau­er Gegend ver­heert und Men­schen­op­fer ver­langt, wird die Bes­tie dank einer List besiegt :  Man wirft ihr einen toten, mit Schwe­fel gefüll­ten Schaf­bock vor, den der Dra­che begie­rig frisst. Nun beginnt ihn ein bren­nen­der Durst zu quä­len, den er dadurch zu stil­len ver­sucht, dass er Weich­sel­was­ser trinkt – und zwar so viel, bis er letzt­lich platzt. Die­se Begrün­dung für den Tod des Dra­chen gab zum ers­ten Male der Geschichts­schrei­ber und Schrift­stel­ler Mar­cin Biel­ski (1495–1575). Sei­ne Erzäh­lung wur­de zur popu­lärs­ten Fas­sung die­ser Sage.

Dane­ben ist die Weich­sel auch die sagen­haf­te Heim­statt der War­schau­er See­jung­frau, die die pol­ni­sche Haupt­stadt in ihre Obhut genom­men hat. Merk­wür­di­ger­wei­se taucht die­ses Motiv in der pol­ni­schen Lite­ra­tur nur sehr sel­ten auf. Ein reiz­vol­les Bei­spiel für die­se Sujet bil­det das scherz­haf­te Gedicht Baj­ka wars­zaws­ka [Das War­schau­er Mär­chen] von Jan Lechoń (1899–1956). Dort beschreibt der Autor das Aben­teu­er sei­nes Schrift­stel­ler­kol­le­gen Leo­pold Staff, der beim Spa­zier­gang zufäl­lig der See­jung­fer begeg­net, von ihr in ihre Woh­nung unter Was­ser ein­ge­la­den wird und sich mit ihr dann über Poe­sie unter­hält. – Eine wei­te­re weni­ger bekann­te Sage aus dem 19. Jahr­hun­dert stammt von Fran­cis­zek Wężyk. Sie bezieht sich auf die Zwie­tracht von Weich­sel und Narew, die bei­de um den Bug buh­len und des­halb in Eifer­sucht entbrennen.

Erheb­lich jün­ger als die bis­her genann­ten Über­lie­fe­run­gen ist wohl eine Volks­sa­ge zur Ent­ste­hung der Weich­sel, die von der Kin­der­buch­au­to­rin Han­na Zdzit­owie­cka (1909–1973) bear­bei­tet wur­de. Die­ser Sage nach hat­te der König Bes­kid zwei Töch­ter, Biała und Czar­nuszka. Ihre Auf­ga­be war es, zwei Was­ser­quel­len zu über­wa­chen, die als Trän­ke für Wald­tie­re dien­ten. Eines Tages ent­schlos­sen sich die Schwes­tern aller­dings unge­ach­tet ihres Auf­trags, in die wei­te Welt zu gehen. Dabei wur­den die Mäd­chen von Gewäs­sern ihrer Quel­len beglei­tet, die, dem Weg der bei­den fol­gend, durch Schle­si­en und die Gegend von Kra­kau und San­domir sowie durch Maso­wi­en und Masu­ren schließ­lich bis zur Ost­see gelangten.

Die Frühe Neuzeit

Eine der ers­ten dich­te­ri­schen Weichsel-Darstellungen stammt von dem 1487 zum Poe­ta lau­rea­tus gekrön­ten Con­rad Cel­tis, der in sei­nen Amo­res den gesam­ten Ver­lauf der Weich­sel beschreibt. Sei­ne latei­ni­sche Dich­tung wird der deut­schen Lite­ra­tur zuge­rech­net, und des­halb hat Peter Oli­ver Loew sie bereits in sei­nem Bei­trag zum „Jahr der Weich­sel“ (DW 10/2017) aus­führ­li­cher gewürdigt.

Eini­ge Jahr­zehn­te spä­ter wen­det sich Jan Kocha­now­ski (1530–1584) in einer Fraszka, einer kur­zen, meist scherz­haf­ten Vers­er­zäh­lung, die den Titel Na most war­szew­ski [Über die War­schau­er Brü­cke] trägt, an die „unnach­sich­ti­ge Weich­sel“. Dort preist er die List und Fin­dig­keit von Sigis­mund August II., der 1573 in War­schau eine Weich­sel­brü­cke erbau­en ließ. Auch im Schaf­fen ande­rer Dich­ter der Renaissance- und der Barock-Epoche rückt der gro­ße Strom in den Blick. Sebas­ti­an Fabi­an Klo­no­wic (1545–1602) bie­tet bei­spiels­wei­se in sei­nem Poem Flis [Flö­ßer] die Beschrei­bung einer Weichsel-Reise vol­ler nach­denk­li­cher, tief­sin­ni­ger, aber auch humo­ris­ti­scher Pas­sa­gen und Abschwei­fun­gen, bei der nicht ein­mal Rat­schlä­ge für jun­ge, noch uner­fah­re­ne Aspi­ran­ten des Flößer- oder Kauf­manns­be­rufs feh­len. (Genaue­re Erläu­te­run­gen zu die­sem Poem fin­den sich, im Zusam­men­hang mit dem Weichsel-Museum in Dir­schau, in DW 2/2017.) Die wirt­schaft­li­che Bedeu­tung der Weich­sel hoben neben Klo­no­wic auch Jan Rybiń­ski (* 1560, † nach 1608) sowie Adam Jar­zęb­ski (* vor 1590, † 1648 oder 1649) her­vor. Weit ent­fernt von solch einer eher nüch­ter­nen Auf­fa­sung hält sich Adri­an Wieszc­zy­cki (* um 1612, † nach 1654), ein fast ver­ges­se­ner Dich­ter des 17. Jahr­hun­derts, der in sei­nen Idyl­len die Weich­sel als Ver­trau­te des unglück­li­chen Schä­fers Damo­fon sieht :  Ihr kann der Arme sei­nen Lie­bes­kum­mer anvertrauen.

Von der Zeit der Teilungen bis zum Ersten Weltkrieg

Eine tief­grei­fen­de Wen­de in den Dar­stel­lungs­wei­sen wird in der pol­ni­schen Poe­sie seit den Tei­lun­gen Polens sicht­bar. Seit die­ser Zeit wan­delt sich die Weich­sel – im Ver­bund mit ande­ren Sym­bo­len – zur Trä­ge­rin des Polen­tums. In sei­nem Gedicht Żale Sar­ma­ty [Kla­ge­lied eines Sar­ma­ten] klagt Fran­cis­zek Kar­piń­ski (1741–1845) dem Strom, dass es nun nicht mehr ein Pole sei, der sein Was­ser trin­ke. Nun erscheint die Weich­sel in der pol­ni­schen Poe­sie, ins­be­son­de­re auf dem rus­si­schen Tei­lungs­ge­biet, oft meta­pho­risch als ein zuge­fro­re­ner Fluss, der den Früh­ling ersehnt. Als Autoren sei­en hier bei­spiels­wei­se Fran­cis­zek Dzierżykraj-Morawski (1783–1861), Kazi­mierz Brod­ziń­ski (1791–1835) oder Andrzej Nie­mo­jew­ski (1864–1921) genannt.

In der Poe­sie, die nach den Tei­lun­gen ent­stand, erscheint wie im Schaf­fen von Wła­dysław Tar­now­ski (1836–1878) oder Maria Konop­ni­cka (1842–1910) jetzt auch häu­fig das Motiv der Weich­sel als Mut­ter. Für Teofil Len­ar­to­wicz (1822–1893) ist der Fluss zugleich Mut­ter und Gelieb­te, wäh­rend Win­cen­ty Pol (1807–1872) sie mit einem lie­ben Kind und einer rüh­mens­wer­ten Frau ver­gleicht. „Vom Blut besof­fen“ ist die Weich­sel hin­ge­gen in dem nach der Nie­der­schla­gung des Novem­ber­auf­stan­des geschrie­be­nen gleich­na­mi­gen Gedicht von Seweryn Goszc­zyń­ski (1801–1876). In einem ande­ren Gedicht ruft der soeben schon genann­te Teofil Len­ar­to­wicz den Fluss an und bit­tet ihn, er möge ein „See­unge­tüm“ mit einem „Eidech­sen­sä­bel“ gebä­ren, der die Mos­ko­wi­ter jagen wür­de. Wie inten­siv die Weich­sel damals mit dem ver­lo­re­nen Vater­land asso­ziert wur­de, bezeu­gen die Wor­te des popu­lä­ren Lie­des Pły­nie Wisła, pły­nie [Die Weich­sel fließt], in dem es heißt :  Solan­ge die Weich­sel fließt, ist Polen nicht verloren.

Da seit Beginn des 19. Jahr­hun­derts das Volks­tüm­li­che, das Folk­lo­ris­ti­sche und das Leben des „ein­fa­chen Vol­kes“ star­kes Inter­es­se fan­den, grif­fen Autoren immer wie­der ger­ne auf Moti­ve der Flö­ße­rei zurück. Hier­für ste­hen die Dich­tun­gen Pieśń Fli­sa [Lied des Flö­ßers] von Sta­nisław Jacho­wicz (1796–1857) oder Maciej Fli­sak [Mat­thi­as der Flö­ßer] von Artur Opp­man (1867–1931). In der Poe­sie der Maria Konop­ni­cka hin­ge­gen erscheint die Weich­sel untrenn­bar mit idyl­li­schen Bil­dern von Bau­ern­häu­sern und Getrei­de­fel­dern verbunden.

Hop­pa, hop­pa !
Lass uns ins wun­der­schö­ne Land fah­ren,
Dort, wo leuch­tend blau die Weich­sel fließt
Und Korn auf dem wei­ten Lan­de rauscht.
Lass uns fah­ren, hop­pa !
Nun, wie heißt die­ses Land ?

Das 20. Jahrhundert

Nach dem Ers­ten Welt­krieg und der Wie­der­erlan­gung der staat­li­chen Unab­hän­gig­keit zeigt sich die Weich­sel inner­halb der pol­ni­schen Poe­sie in einem gänz­lich neu­en Licht. Im Ver­bund mit Inno­va­tio­nen wie der Indus­tria­li­sie­rung ent­ste­hen bis­her unbe­kann­te Asso­zia­tio­nen. So nennt z. B. Miec­zysław Braun (1902–1941) die Weich­sel eine „aus­ge­laug­te, graue, star­ke“ Arbei­te­rin. Dabei rücken Aspek­te in den Vor­der­grund, die Ste­fan Żerom­ski schon in dem 1917 ver­öf­fent­lich­ten Pro­sa­ge­dicht Wisła [Weich­sel] betont hat­te :  Der Fluss wird ihm zum Inbe­griff einer his­to­risch begrün­de­ten patrio­ti­schen Erneue­rung, und auf sei­ner wirt­schaft­li­chen Nut­zung wird die glück­li­che Zukunft des Vater­lan­des beruhen.

Noch­mals neue Töne sind in der Zeit nach dem Aus­bruch des Zwei­ten Welt­krie­ges wahr­zu­neh­men – bei­spiels­hal­ber in den von Sehn­sucht durch­ge­drun­ge­nen, in der Emi­gra­ti­on ver­fass­ten Tre­ny wiśla­ne [Weichsel-­Klagelieder] von Maria Pawlikowska-Jasnorzewska (1891–1945) oder dem – eben­so im Exil ent­stan­de­nen – Gedicht Wisła i wys­pa [Weich­sel und Insel] von Kazi­mierz Wier­zyń­ski (1894–1969), das mit den Wor­ten beginnt :  „Polen liegt an der Weich­sel / Nie­mand ist eine Insel.“ In sei­nem 1944 kon­zi­pier­ten Gedicht Być może, gdzie ind­ziej [Viel­leicht woan­ders] führt Sta­nisław Rys­zard Dobro­wol­ski (1907–1985) ver­schie­de­ne Natur­wun­der und Sehens­wür­dig­kei­ten der Welt an – z. B. Son­nen­uter­gän­ge über den Fjor­den oder den Schat­ten der Pyra­mi­den –, um dann fest­zu­stel­len, dass ihnen ein Lied an der Weich­sel und der Sand von Maso­wi­en stets vor­zu­zie­hen sei­en. Eine wich­ti­ge Rol­le räumt Wła­dysław Bro­niew­ski (1897–1962) der Weich­sel in sei­nen bald nach dem Krieg ent­stan­de­nen Gedich­ten ein ;  ihm erscheint sie als eine Kraft, die sei­nen Ideen und Träu­men wohl­ge­sinnt ist ;  und Tade­usz Kubi­ak (1924–1979) schließ­lich prägt die küh­ne Meta­pher, sie sei „pfau­äu­gig von Abwässern“.

Neben der Poe­sie muss auch die Epik – der Roman und der mit ihm ver­wand­te Film – in den Blick genom­men wer­den, denn hier wird die Weich­sel oft­mals als tra­gen­des Ele­ment der Raum- bzw. Land­schafts­ge­stal­tung sowie der atmo­sphä­ri­schen Rah­mung genutzt. Dabei soll aller­dings nicht ver­schwie­gen wer­den, dass einer der bedeu­tends­ten pol­ni­schen Roma­ne des Rea­lis­mus, der von Eli­za Orzesz­ko­wa (1842–1910) ver­fasst wur­de, den Titel Nad Niem­nem [An der Memel] trägt. Im Roman Lal­ka [Die Pup­pe] von Bolesław Prus (1847–1912) wird bei­spiels­wei­se das an der Weich­sel lie­gen­de War­schau­er Elends­vier­tel Powiś­le geschil­dert. 1938 wur­de der Strom sogar zum „Titel­hel­den“ des pol­ni­schen Fil­mes Lud­zie Wisły [Men­schen der Weich­sel], in der die Regis­seu­re Alex­an­der Ford und Jer­zy Zar­zy­cki vom Leben der Weich­sel­schif­fer erzäh­len. 1953 arbei­te­te der schon erwähn­te Dich­ter Wła­dysław Bro­niew­ski zusam­men mit sei­ner Toch­ter Joan­na Broniewska-Kozicka am Dreh­buch zu einem Film, der Wisła [Die Weich­sel] hei­ßen soll­te. Sie bereis­ten gemein­sam das Land, um his­to­ri­sches, lan­des­kund­li­ches, archäo­lo­gi­sches und hydro­lo­gi­sches Mate­ri­al zu sam­meln. Die Arbeit am Film wur­de 1954 auf­grund des tra­gi­schen Todes der Toch­ter aber abge­bro­chen. Bro­niew­ski selbst schrieb in einem sei­ner Gedich­te :  „Wenn ich ster­be / ertränkt mich in der Weich­sel wie [die sla­wi­sche Gott­heit] Svantovit.“

Epitheta und Metaphern

Das brei­te Spek­trum an Bedeu­tun­gen, die in der pol­ni­schen Kul­tur mit der Weich­sel ver­knüpft wer­den, spie­gelt sich nicht zuletzt in den Bei­wör­tern, den Epi­the­ta, die die Far­be oder den Cha­rak­ter des Flus­ses bezeich­nen, oder in den Bil­dern und Umschrei­bun­gen, die sein Wesen fas­sen sol­len. Bei den Farb-Epitheta domi­niert selbst­ver­ständ­li­cher Wei­se das Adjek­tiv „blau“. Dane­ben erschei­nen auch Vari­an­ten wie – bei Jan Kan­ty Gre­go­ro­wicz (1818–1890) oder Teofil Len­ar­to­wicz –„korn­blau“ oder – bei Jarosław Iwaszkie­wicz (1890–1980) – „lazur­blau“. Artur Opp­man und Kazi­mierz Las­kow­ski (1861–1913) erscheint die Weich­sel „sil­bern“, Edward Słoń­ski (1872–1925) sieht sie „falb“, für Wacław Wol­ski (1863–1930) und Janusz Kor­c­zak (1878–1942) ist sie „grau“, für Maria Konop­ni­cka hin­ge­gen „weiß“. Eben­so viel­fäl­tig wie die Far­ben vari­ie­ren auch die cha­rak­te­ri­sie­ren­den Epi­the­ta. Hier fin­den sich die Adjek­ti­ve „häus­lich“ (Teofil Len­ar­to­wicz), „alt“ (Igna­cy Danie­lew­ski, 1829–1907) oder „ruhig“ und „träu­mend“ (Roman Zmor­ski, 1822–1867), aber auch „hell“ und „spie­gel­ar­tig“ (Anna Libe­ra, 1805–1886) oder „blau­äu­gig“ (Czesław Miłosz, 1911–2004).

Bei den Ver­glei­chen und Bil­dern taucht – wie bei Sym­fo­ri­an Tomic­ki (1817–1877), Kazi­mierz Las­kow­ski (1861–1913) oder Jani­na Pora­zińs­ka (1888–1971) – das „Band“ häu­fi­ger auf. Etli­che Autoren kom­men aber auch zu noch aus­ge­such­te­ren, wenn nicht muti­ge­ren For­mu­lie­run­gen :  Der Kra­kau­er Phi­lo­soph Józef Kre­mer (1806–1875) nennt den Fluss empha­tisch „Pri­ma­don­na der gro­ßen Oper – der Natur“, und der Dich­ter Win­cen­ty Pol sieht in der Weich­sel ein Sinn­bild für die gesam­te pol­ni­sche Lite­ra­tur. Für Seweryn Fil­le­born (1815–1850) ist sie eine „Schwes­ter von Gedan­ken und Gefüh­len“, die „Gelieb­te des Mee­res“ und eine „viel­mäch­ti­ge Herr­sche­rin“. Józef Łapiń­ski nennt sie „Köni­gin der sla­wi­schen Flüs­se“, wäh­rend Maria Elż­bieta Kamińs­ka (1858–1878) sie mit einer stol­zen ori­en­ta­li­schen Prin­zes­sin und Pries­te­rin ver­gleicht, die ihre Schät­ze hütet. Sprach­ge­wal­tig kommt Mari­an Piechal (1905–1989) zu poe­ti­schen Bezeich­nun­gen wie „Floß unse­rer Träu­me“ und „Quellen-Morgenröte“ ;  Igor Sik­irycki (1920–1985) apo­stro­phiert sie als „Wie­ge der Sagen mei­nes Lan­des“ und als „Adop­tiv­schwes­ter des Regen­bo­gens“, und Krzy­sz­tof Kamil Bac­zyń­ski (1921–1944) schließ­lich steu­ert zu die­sem Bilder-Reigen noch sei­ne Vor­stel­lung bei, sie sei der „Fluss der Träu­me vom grü­nen Wassergeist“.