AUF EIN WORT
Unter dieser Rubrik finden Vertreter von Verbänden, politischen Parteien oder anderen Organisationen einen Ort, an dem sie sich in persönlichem Ton und zu einem frei gewählten Thema an die Leserschaft des Westpreußen wenden.
»Siehe, ich mache alles neu« (Offb 21,5)
Von Tilman Asmus Fischer
»Siehe, ich mache alles neu« – die Jahreslosung für 2026 aus der Offenbarung des Johannes ist ein kräftiger Satz. Er klingt nach Umbruch, nach Neuanfang, nach der großen Verwandlung. Oft wird er als Wort aus der »Apokalypse« auf seine endzeitliche Aussage reduziert. Doch er ist mehr als ein Blick auf das ferne Ende aller Dinge. Er ist Ausdruck eines Vertrauens: dass Erneuerung nicht nur jenseits dieser Welt geschieht, sondern mitten in ihr beginnen kann. Der Theologe Walter Klaiber erinnert daran, dass schon Paulus von Neuschöpfung spricht – nicht nur als ferne Hoffnung, sondern als im Glauben anbrechende gegenwärtige Wirklichkeit. Die Offenbarung weitet diese Perspektive auf die ganze Schöpfung. Gottes Ziel ist eine Welt, in der sein heilvoller Wille gilt – umfassend, gerecht, versöhnt.
Dieser Gedanke hat eine überraschend konkrete geschichtliche Tiefe – auch für das Verhältnis zwischen Deutschen und Polen. Denn »Neues« entsteht nicht nur – vielleicht noch nicht mal in erster Linie – durch große politische Entscheidungen, Verträge oder Systemwechsel. Es wächst im Kleinen: zwischen Menschen, über Grenzen hinweg, im tastenden Aufbau von Vertrauen. Natürlich lassen sich große Einschnitte benennen. Die »Neue Ostpolitik« vor rund 60 Jahren, angestoßen durch die »Ostdenkschrift« der Evangelischen Kirche in Deutschland und den damals mutigen Briefwechsel der polnischen und deutschen katholischen Bischöfe. Die Umbrüche um 1990: deutsche Einheit, Ende der kommunistischen Gewaltherrschaft, Zerfall der Sowjetunion, Auflösung des Warschauer Paktes. Verträge wurden geschlossen, Grenzen bestätigt, Nachbarschaften neu geregelt. Europa schien neu geboren – versöhnt, frei, offen.
Doch mindestens ebenso bedeutsam ist das, was jenseits dieser politischen Wegmarken geschah: das leise Neuwerden in den Beziehungen zwischen Menschen. Schon in der Zeit der »Neuen Ostpolitik« machten sich sogenannte »Heimwehtouristen« auf den Weg – Deutsche, die in die ehemaligen Heimatregionen reisten, nach Westpreußen, Pommern oder Ostpreußen. Der Begriff ist irreführend, weil er die Reisen auf Verlustverarbeitung reduziert. In Wahrheit begann hier etwas Zukunftsgerichtetes: zivilgesellschaftliche Verständigungsarbeit, lange bevor die Diplomatie die zwischenstaatlichen Verhältnisse neu ordnete. Begegnungen entstanden, erste Gespräche, zögerliches Vertrauen.
Nach 1989 setzte sich diese Entwicklung unter neuen Vorzeichen fort. Politische Freiheit, später die Freizügigkeit in der Europäischen Union, machten Begegnungen selbstverständlich: Austauschprogramme, Städtepartnerschaften, Schulprojekte, kirchliche Kontakte, Freundschaften – und nicht zuletzt Partnerschaften zwischen Landsmannschaften, Heimatkreisen und Selbstorganisationen der deutschen Volksgruppen in Ostmitteleuropa. Gerade in den letzten Jahren, in denen die politischen Beziehungen zwischen Warschau und Berlin immer wieder erkalteten, blieb die zivilgesellschaftliche Ebene erstaunlich lebendig. Während offizielle Beziehungen erstarrten, waren die zwischenmenschlichen weiterhin beweglich.
Was hier »neu geworden« ist, lässt sich gut mit einem Gedanken des Theologen Traugott Koch verknüpfen: »An Gott glauben« heißt für ihn: »darauf vertrauen, was im Miteinander von Menschen möglich werden kann.« Vertrauen ist mehr als bloße Anerkennung. Anerkennung kann kühl bleiben: Ich lasse den anderen gelten, halte aber Distanz. Vertrauen geht weiter. Es wagt Nähe. Es setzt die Hoffnung, dass der andere es gut meint, dass er mich nicht fallen lässt, nicht verrät. Freundschaft, so Koch, lebt davon, dass Menschen sich gegenseitig verstehen – und sich im Blick des anderen selbst besser verstehen lernen. Vertrauen ist ein wechselseitiger Wagnisschritt in die Freiheit.
Genau das ist zwischen vielen Deutschen und Polen über Jahrzehnte gewachsen: ein Vertrauen, das nicht aus politischen Programmen geboren wurde, sondern aus Begegnung, Erfahrung, Geduld. Aus gemeinsamen Projekten, geteilten Erinnerungen, auch aus Konflikten, die ausgehalten wurden. Vertrauen lässt sich nicht verordnen. Es wächst – oder es wächst nicht. Und wo es wächst, da geschieht etwas von dem, was die Bibel »Neuschöpfung« nennt.
Die Hoffnung auf dieses »Neue« bleibt von beständiger Bedeutung – gerade heute. Sie weiß in Dankbarkeit um das, was bereits erreicht wurde: offene Grenzen, gewachsene Nachbarschaften, Freundschaften, die politische Spannungen überdauern. Diese Dankbarkeit stiftet zur Verantwortung an: Das Erreichte ist nicht selbstverständlich. Vertrauen kann brüchig werden. Populismus, Nationalismus und das Spiel mit Ängsten bedrohen es. Wer versöhnt leben will, muss Versöhnung schützen – im Gespräch, in der Tat, im Widerspruch gegen Vereinfachungen. Und schließlich braucht es Vertrauen in die Zukunft: dass Gemeinsamkeit immer wieder neu wachsen kann – selbst dort, wo sie verloren scheint. Der Krieg in der Ukraine zeigt auf schmerzhafte Weise, wie zerbrechlich Frieden ist. Zugleich erinnert er daran, wie sehr Europa auf ein Netzwerk des Vertrauens angewiesen ist – über Grenzen hinweg.
»Siehe, ich mache alles neu« ist kein billiger Trost. Es ist eine Zumutung zur Hoffnung. Und eine Einladung, das Neue nicht nur von Gott zu erwarten, sondern sich selbst dafür in Dienst nehmen zu lassen – im Kleinen, im Alltäglichen, im Miteinander von Menschen.
Tilman Asmus Fischer ist Vorstandsbeauftragter der Westpreußischen Gesellschaft. Der evangelisch-lutherische Theologe ist als Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin sowie als Vikar der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz tätig.