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Titelseite der WP-Ausgabe 4-2025, Winter

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Über die Schönheit des Landes an der unteren Weichsel

Zur Erinnerung an Ludwig Passarge

Von Bernd Gerwanski

Er war ein weitge­reister Europäer, der gerne umfassend von seinen fernen Reisen berichtete. Doch den Beginn und das Ende seiner Beschrei­bungen – dazwi­schen liegen Jahre und Jahrzehnte – bilden Einblicke in die Regionen West- und Ostpreußen. 

Ludwig Passarges Heimatort war Wolittnick in Ostpreußen, wo sein Vater ein Gut bewirt­schaftete – zunächst als Pächter, dann als Eigen­tümer. »Das Gut liegt etwa zwanzig Minuten von einer Bucht des Frischen Haffs entfernt«, erläutert Passarge, »im Norden von diesem durch den Haffberg getrennt, von welchem man eine schöne Aussicht bis nach Pillau an der Ostsee hat«. Ludwig Passarge absol­vierte zwar eine beruf­liche Laufbahn als Jurist, bekannt wurde der vor 200 Jahren, am 6. August 1825, Geborene jedoch als Reise­schrift­steller und Übersetzer.

»Aus dem Weichseldelta«

Das Erstlingswerk Passarges führt den Leser nicht nach Ostpreußen, in dessen Heimat­region, sondern nach Dirschau in Westpreußen und schließlich nach Danzig. »Dirschau! – Welcher Bewohner des westli­chern Deutsch­lands hätte vor vielleicht nur noch wenigen Jahren etwas von Dirschau gewußt?«, schreibt Passarge in seinen Schil­de­rungen Aus dem Weiche­sel­delta. »Höchstens würde einer oder der andere Reisende«, fährt der Autor fort, »sich voll Schrecken jener einsam verlebten Tage erinnert haben, da er bei einer Reise in die östlichste Provinz des preußi­schen Staates Tage lang auf den günstigsten Moment über die Weichsel zu gelangen warten mußte.« Es ist die Weich­sel­brücke, die im Jahre 1857 fertig­ge­stellt wurde, die den Schrift­steller in seinen Bann zieht. »Erst die neueste Zeit hat den Versuch gemacht, auch die unbän­digsten Ströme zu bändigen, die störrigsten zu zähmen.«

Danach begibt sich Passarge hinein in die Stadt Danzig, bewundert die Privat­ar­chi­tektur sowie die öffent­lichen und sakralen Bauwerke. »Es giebt wenige Städte, in welchen die kirch­liche Archi­tektur – im Ganzen betrachtet – eine so auffal­lende Ueber­ein­stimmung fände als in Danzig«, schreibt er. »Es findet sich hier – archi­tek­to­nisch – kein Gegensatz zwischen katho­li­schen und protes­tan­ti­schen Kirchen, zwischen alther­tüm­lichen und modernen.« Ausführlich widmet er sich sodann der Marien­kirche, der »Haupt­kirche Danzigs und dessen Stolz«. 

Für ein paar Silber­gro­schen erkauft man sich in der ›Heiligengeist­gasse‹ die Erlaubniß zur Besteigung des Thurmes der ­Marien­kirche – schlechtweg »Pfarrthurm« genannt. Man schiebt uns durch die Pforte an der nördlichen Seite des Thurmes in einen finstern Raum, verschließt die Thüre und überläßt unserm ­In­stinkte, den Weg zu finden […]. Kein Führer überwacht uns, keine Inschrift weist uns zurecht […]. Endlich stehen wir an einer verrie­gelten Thüre; der Thurm­wächter öffnet und wir treten hinaus.

 Man befinde sich auf der Höhe des Bischofs- und Hagels­bergs, schreibt Passarge, »und hat überdies den Vortheil, diese im Panorama selbst vor sich zu sehen.« Die Aussicht vom Pfarrthurm gehöre »zu den entzückendsten«.

Kleinere Ausflüge führen den Autor schließlich nach Oliva (und von dort später noch weiter nach Adler­shorst). »Wo die Natur das Füllhorn ihrer Schönheit über eine ganze Gegend ausge­schüttet hat, da scheint sie doch an einer Stelle, wie sich selbst betrachtend, länger verweilt zu haben«, schwärmt der Autor. »Eine solche Stelle ist Oliva.« 

Detail­ver­liebt zeigt sich Passarge ebenfalls in dem Kapitel »Die Marienburg«, in dem er zunächst an die Geschichte der Region erinnert: »Als der Deutsche Orden nach Preußen kam, konnte er selber nicht wissen, wie weit die Grenzen des ihm geschenkten Landes, welches er erst noch erobern sollte, gingen.« Der Schrift­steller beschreibt die Entwicklung der Landnahme, um sich dann vor allem den vielen archi­tek­to­ni­schen Einzel­heiten der Marienburg zu widmen. Offen­sichtlich hat er aber die gebotenen Grenzen seiner ausführ­lichen Beschrei­bungen selbst erkannt, denn er will keinen Anspruch auf Vollstän­digkeit erheben und beendet seinen litera­ri­schen Rundgang mit den Worten: 

Hiermit, »geneigter« Leser, nehmen wir Abschied von der Marienburg. Ich hätte dich noch gerne in die andern Geschosse des Hochmeis­ter­schlosses, bis in die tiefsten Keller­räume, auf den Schloßturm und zu den Festungs­werken geführt, welche die Eisenbahn durch­schneidet, aber ich fühle es wohl, es ist ein Anderes mit leich­lichem Auge schauen, ein Anderes geschautes nachempfinden.

Als hätte Passarge seine spätere Reiselust schon voraus­geahnt, beschreibt er in seinem ersten Buch den »Weltblick« der norddeut­schen Menschen: »Unsere Freunde, die Süddeut­schen, besitzen unstreitig viele Vorzüge vor uns norddeut­schen Küsten­be­wohnern; aber um eines müssen sie uns ohne Wider­spruch beneiden, das ist unser ›Weltblick‹.« Und so zieht es den Mann von der Ostsee bald selbst in allerlei Länder Europas, und es erscheinen seine Reise­feuil­letons über Italien, Norwegen, Dänemark, Schweden, Spanien, Portugal, Dalmatien und Montenegro.

»Aus baltischen Landen«

Die spätere Publi­kation Aus balti­schen Landen von 1878 lässt Passarge wieder in die Heimat blicken. Aller­dings, betont er eingangs, seien die »in diesem Buche verei­nigten Aufsätze mit geringen Ausnahmen bereits vor längerer Zeit geschrieben und zum Theil auch in verschie­denen Zeitschriften veröf­fent­licht worden«. Obwohl die Zeit schnell­le­biger geworden sei, seien die Darstel­lungen nicht veraltet, erklärt er. 

Seine Absichten formu­liert Passarge folgen­der­maßen: »Die Mitthei­lungen über die Natur der ostpreu­ßi­schen Landschaft mögen dazu dienen, manche Irrthümer zu zerstreuen, welche in Betreff der Ostmark unseres deutschen Vater­landes noch immer gehegt werden.« Zudem sollen seine Blicke auf das russische Grenzland sowie die Inseln Rügen und Gotland den provin­zi­ellen Horizont erweitern. Dem Leser möge »etwas von jener Seeluft entgegen« wehen, die auch ihm »die Brust erweitert hat«. Und diese Seeluft dürfte auch der heutige Leser noch spüren, wenn er sich auf diese Wande­rungen einlassen mag.

»Da ist gleich Allerlei zu sehen, meinen Freunden zum Trotz, die mir zu Hause gerathen hatten, doch lieber an den Rhein zu gehen.« Die Lenzenburg und das Samland sind die ersten Stationen der Wanderung. Passarge wandert weiter zum Frischen Haff, erblickt dort den berühmten Heiligen Stein, »achtzehn Fuß lang und eben so breit«. »Wie an die meisten Steine von kolos­salen Dimen­sionen knüpft sich auch hier eine Sage an«, teilt er mit. Anderenorts werde bei solchen Steinen gewöhnlich der Teufel als Urheber genannt. Doch hier berichte die Sage von zwei sich strei­tenden Riesen, von denen einer bei der Frischen Nehrung hauste, ein zweiter am gegen­über­lie­genden Ufer des Haffs bei Tolkemit.

 Tolkemit, auch das erwähnt der Wanderer, »gehört zu jenen Städtchen, welche das Schicksal haben, wegen ihrer Kleinheit als Zielscheibe des Spotts der Reisenden zu dienen.« Anderer­seits: »Man kann keinen Jahrmarkt tief im Lande besuchen, ohne die Tolkemiter Töpfer anzutreffen, deren Waaren sich durch Sauberkeit und Dauer auszeichnen.« Die Tolkemiter seien fleißige Leute, betont Passarge, und schließt mit einem »anmut­higen Verslein« über »Tolkemit, du schöne Stadt«. 

Bald erreicht er einen »wunder­baren Ort«, und dieser ist Kahlberg. »Steigen wir nun die Terrassen hinauf, so treten wir auf einen Platz vor dem sogenannten Belvedere, dem eleganten Versamm­lungs­hause der Kahlberger; wir kehren uns um und blicken über die Anlagen zu unsern Füßen hinweg auf das Haff, das im Morgen­son­nen­lichte wie ein blauer Traum daliegt«, schwärmt der Autor.

Ein weiteres Kapitel widmet Passarge einem Abend in den Dünen und macht dabei einen Schlenker zu dem »in Danzig einge­bür­gerten Dänen Sören Björn«, dem die Befes­tigung der Dünen durch Pflan­zungen zu verdanken sei. Dieser setzte sich »an die Spitze des Dünen­wesens und wußte die entfes­selten Gewalten mit so großer Sachkenntniß und so nachhaltig zu bekämpfen, daß sie sich in verhält­niß­mäßig wenigen Jahren in ihre alten Schranken weisen ließen«.

Könnte der Leser einen Augen­blick lang sehen, »wie ich hier halb im Sande vergraben dasitze auf der mit Heide­kraut und Birken­ge­büsch bewach­senen Strandhöhe, dicht über den Rauschener Badebuden, mit der weiten Umschau rechts bis zur Loppöhner Spitze«, schreibt Passarge im Kapitel »Strand­briefe« – 

Sie würden doch vielleicht die Freuden der großen Stadt und die zumal angenehmen Aufre­gungen Ihres Arbeits­zimmers um meine Einsamkeit tauschen, und um die frisch-salzige Luft, welche uns die Lunge reinigt und den Kopf wieder kräftig und frisch zu neuer Arbeit macht. Aber es hält Sie die Politik, die leidige, und Sie können ihr nicht den Rücken kehren wie ich.

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Für den heutigen Leser bietet das Werk Ludwig Passarges einen Blick in vergangene Zeiten und in eine mittler­weile weit entfernte Welt. Nostal­gische Wehmut mag bei vielen Menschen aufkommen. Doch schon zu seiner Zeit, ahnte Passarge, dürfte der Bewohner einer Großstadt beim Lesen seiner Texte von einer gewissen Sehnsucht befallen worden sein.

Passarge war zu seiner Zeit nicht nur ein bekannter Autor von Reise­feuil­letons, sondern auch ein bedeu­tender Übersetzer der Werke von Henrik Ibsen und Björn Björnson. Beide Autoren wurden durch sein Wirken in Deutschland bekannt. Beruflich war er als Jurist tätig. Er wurde 1856 Kreis­richter in Heili­genbeil, ab 1872 Appel­la­ti­ons­ge­richtsrat in Insterburg und ab 1879 Oberlan­des­ge­richtsrat in Königsberg. Hier wurde er 1887 pensioniert.

Nach seinem Berufs­leben weilte der weitge­reiste Autor in Südtirol, Jena und Wiesbaden. Im Jahr 1903 veröf­fent­lichte er seine Erinne­rungen unter dem Titel Ein ostpreu­ßi­sches Jugend­leben. 1912 wollte Passarge, da war er bereits 87 Jahre alt, im Sommer den Odenwald durch­wandern. Dabei starb er aber am 19. August und wurde in Lindenfels bei seiner kurz zuvor verstor­benen Frau beigesetzt.