Ein Spaziergang über die Elbinger Höhe
Meine lieben Leser, ich lade Sie zu einem spätsommerlichen Spaziergang auf der Elbinger Höhe ein. Ich wohne seit dem Jahre 2000 in Elbing und komme aus der Schweiz. Natürlich brachte mich die Liebe nach Polen. Zuerst die Liebe zur Musik von Frédéric Chopin und dann die Liebe zum Land und seinen Menschen.
Herzlich willkommen auf der Elbinger Höhe!
Vor dem Zweiten Weltkrieg nannte man das Gebiet, das die Ortschaft Dörbeck (Próchnik) umgibt und durch das uns unser Weg führen wird, »Dörbecker Schweiz«. Es liegt im Nordosten der Stadt Elbing, zwischen den Ortschaften Dörbeck und Groß Steinort (Kamionek Wielki), und ist als Landschaftspark Elbinger Höhe (Park Krajobrazowy Wysoczyzny Elbląskiej) unter Naturschutz gestellt worden. Der Park besteht aus hügeligem Weideland und Wäldern, seine Fläche beträgt 13.417,47 ha.
Die ältesten Spuren von menschlichen Siedlungen sind Erdwälle der hier einst ansässigen Prußen, die man auf der ganzen Elbinger Höhe finden kann. Dort entspringen viele kleine Bächlein, die manchmal den Charakter von wilden Bergbächen haben – vor allem nach starken Regengüssen. Entlang des Frischen Haffs sind zwischen Elbing und Frauenburg noch Fragmente von einem ehemaligen Kliff erhalten, das heute nicht mehr direkt am Wasser liegt. 67 % der Fläche des Naturschutzparks sind mit Wald bedeckt, 24 % landwirtschaftliche Nutzflächen und 2,7 % bebautes Gebiet.
Schauen Sie sich um: Auf dem Gebiet des Naturschutzparks wachsen etwa 800 verschiedene Pflanzenarten, von denen 154 Arten unter Schutz stehen. Zu den botanischen Besonderheiten gehören der Bärlauch und Straussenfarn, der Bunte Eisenhut und Türkenbund sowie der Österreichische Rippensamen – eine Pionierpflanze, die man eigentlich eher im hohen Gebirge erwarten würde; auch den seltenen Berg-Ehrenpreis können wir hier entdecken.
Mit etwas Glück und Geduld lassen sich bis zu 173 Tierarten beobachten, darunter 150 Vogelarten. Hier sind Seeadler, Schreiadler und Wiesenweihen zu Hause, aber auch Wölfe, Mopsfledermäuse und Knoblauchkröten. Eine besondere Geschichte haben die Sikahirsche, die uns vielleicht über den Weg laufen. Ihre eigentliche Heimat liegt unter anderem in Ostsibirien, der Mandschurei, im Osten Chinas, in Korea und Japan. Es war der deutsche Kaiser Wilhelm II., der sie Ende des 19. Jahrhunderts im Cadiner Wald ansiedeln ließ.
Der Start unserer Wanderung
Doch nun zu unserem eigentlichen Spaziergang. Wir beginnen mit einer kurzen Busfahrt aus der Stadt heraus. Etwa auf der Höhe von Terranova (Nowakowo), aber noch vor Wogenab (Jagodno) steigen wir aus und machen uns zu Fuß auf den Weg durch die alte Lindenallee in Richtung Dörbeck.
Während wir gehen, lohnt ein kurzer historischer Rückblick: Die erste Erwähnung der Ortschaft Dörbeck stammt bereits aus dem Jahre 1300, als der Elbinger Komtur Konrad von Lichtenhain die Erlaubnis gab, hier eine Mühle zu bauen. Der Ort hält einige architektonische Sehenswürdigkeiten bereit. Besonders sehenswert sind die zwei erhaltenen Vorlaubenhäuser und eine Gotische Kirche aus dem Jahre 1360, die dem Heiligen Antonius geweiht ist. Der heutige Kirchturm wurde 1905 nach einem Entwurf von Konrad Steinbrecht errichtet – jenem berühmten Architekten, der auch die grossen Restaurierungen an der Marienburg leitete. Im Inneren der Kirche finden wir Wandmalereien, die sowohl den polnischen als auch den preußischen Adler zeigen, sowie ein barockes Epitaphium des Obersts Friedrich Wangenheim im Presbyterium. Gegenüber dem Hauptaltar steht eine kleine Orgel aus dem Jahre 1746, hergestellt von der Firma Christoph Heinrich Obuch aus Mohrungen.
Hoggo und der Ziegelwald
Unser Weg führt uns hinein in den Wald. Nach etwa 800 m erreichen wir ein verstecktes Naturdenkmal: eine alte Eiche. Es ist gar nicht so einfach, sie zu finden, denn kein eingezeichneter Weg führt zu ihr. In ihrer besten Zeit stand sie bestimmt frei auf einem Feld bei einem Gutshaus. Neben der sogenannten 1.000-jährigen Eiche in Cadinen ist sie die zweitälteste Eiche im Forstbezirk Elbing. Dieser Baum, gut 600 Jahre alt, etwa 30 m hoch und mit einem Umfang von nahezu 8 m, trägt den Namen »Hoggo«. Der Legende nach war Hoggo ein großer Führer der heidnischen Prußen, die vor der Christianisierung hier lebten. Unweit von hier soll er eine Festung angelegt und zu Ehren seiner Frau »Tolke« benannt haben. Da Hoggo keine Söhne hatte, erbten seine Töchter die Güter, die bis heute ihre Namen tragen: »Cadinen« nach der Tochter Cadina, und der Name des befestigten Ortes »Tolke« wurde nach der zweiten Tochter Mita zu »Tolkemit« erweitert.
Wir befinden uns hier im sogenannten Ziegelwald. Der Name ist kein Zufall: Die Elbinger Höhe ist reich an Tonvorkommen, und fast jede Ortschaft hatte früher eine eigene Ziegelei. Hier entstanden nicht nur Baumaterialien, sondern auch kunstvolle Ofenkacheln und natürlich die berühmte Cadiner Keramik und Majolika. Kaiser Wilhelm II., der 1898 das Gut Cadinen erwarb, gründete 1904 die Königliche Majolika- und Terrakotta-Werkstatt, in der in den 1920er und 1930er Jahren bekannte Künstler wie Arthur Steiner und Albert Hinrich Hussmann wirkten.
Dörbeck und die »Schweiz«
Der Weg steigt stetig an und nach gut 5,5 km erreichen wir die ersten Häuser von Dörbeck. Auf der rechten Seite der Straße sehen wir eines der typischen Vorlaubenhäuser. Dieser Baustil, den man vor allem im Werder-Gebiet antrifft und der schon 1565 von dem reisenden Pastor und Historiker Abraham Hartwich beschrieben wurde, hatte einen ganz praktischen Nutzen: Die Scheune befand sich gewissermaßen im ersten Stock – so waren die gelagerten Güter besser vor Hochwasser geschützt.
Wir passieren die Teiche des Dorfes und sehen auf einer Anhöhe die weithin sichtbare Dorfkirche. Wer möchte, könnte hier an der Bushaltestelle nach der ersten Etappe den Weg beenden. Wir aber gehen weiter! Wir folgen dem roten Wanderweg nach Norden, der hier parallel zum Jakobsweg (blaue Markierung) führt. Der Pilgerweg beginnt in Spanien beim Grab des Hl. Apostels Jakob in Santiago de Compostela und führt durch ganz Europa.
Wir verlassen Dörbeck und tauchen in den Mischwald ein – gutes Schuhwerk ist gefragt. Der Weg führt uns nun abwärts und erinnert tatsächlich an einen Wanderweg in der Schweiz – daher eben »Dörbecker Schweiz« –, durch tiefe Täler, die von den zahlreichen Bächen der Elbinger Höhe gegraben wurden. Nach kurzer Zeit überqueren wir einen Bach und sehen auf der rechten Seite einen kleinen Berg (Langer Grenzberg) mit einer Höhe von 154 m. Früher führte hier – heute nicht mehr begehbar – der »Kirchensteig« entlang, den die Bewohner von Lenzen (Łęcze) über lange Zeit für ihren Kirchgang nach Dörbeck nutzen mussten, bis sie 1746 ihr eigenes Gotteshaus erhielten.
Wir wenden uns mehr nach links. Auf einem nahen Hügel befand sich hier einst eine Burg der Prußen – man sieht, wie ideal die Gegend zur Verteidigung geeignet war. Auch der sogenannte Königliche Berg (133 m) sowie der weiter im Tal vor Lenzen gelegene Sandberg (115 m, früher auch »Bismarck-Höhe« genannt) zeugen von der bewegten Topografie der Gegend.
Wir erreichen Lenzen und sehen auf der rechten Seite die Kirche. Die Ortschaft entstand am Ende des 13. Jahrhunderts und lag am Handelsweg von Elbing nach Cadinen und Tolkemit. Der Turm der Kirche stammt aus dem Jahre 1881 und hat eine Glocke aus der Renaissance (1546). Am Ende des 17. Jahrhunderts entstand hier eine eigene Handelsstation der englischen Kaufleute.
Ankunft in Succase
Wir verlassen die Ortschaft und folgen weiterhin dem roten Weg durch den Wald, vorbei am Gedenkstein für Robert Dorr (1835–1919), den Begründer der Elbinger Altertumsgesellschaft, der auch hier archäologische Forschungen betrieb, denn auf einer steilen Erhebung befand sich eine Burg aus der Eisen-Zeit (vor etwa 2.500 Jahren). Schließlich treten wir aus dem Wald heraus und erreichen Succase, malerisch am Frischen Haff gelegen. Bekannt wurde der Ort durch die Seeschlacht von 1463, in der die Flotten von Elbing und Danzig die Ritter des Deutschen Ordens besiegten.
Am Ende unseres Spaziergangs angekommen können wir uns hier am Strand erst einmal erholen. – Die Bushaltestelle für den Rückweg finden Sie im Dorf (vom Strand kommend auf der linken Seite).
Wenn wir auf unsere Wanderung durch die Elbinger Höhe zurückblicken – fernab vom Lärm, inmitten der Natur –, dann finden wir vielleicht passende Worte ganz in der Nähe des früheren Bahnhofs von Succase. Dort wohnte von 1919 bis 1945 Otto Friesler, der Direktor der Haffuferbahn, in einer großzügigen Villa. An seinem Haus ist bis heute, wenn auch mit etwas Mühe, eine Inschrift zu lesen, die unsere Eindrücke trefflich zusammenzufassen vermag:
Ein glücklich Los ist dem beschieden,
der ferne vom Gewühl der Stadt
in einem stillen Erdenwinkel
ein trautes Heim gefunden hat.
Brigitte Gawron-Strazzer



