Was die Statuen von Deutsch Eylau erzählen könnteng zur Ortsgeschichte des Kreises Pr. Stargard
Von Krzysztof Tomaszewski
Präludium
In einem Land, das von seinen früheren Bewohnern Oberland bezeichnet wurde und später in »Powiśle« (Unteres Weichseltal) umbenannt wurde (was nicht gänzlich adäquat ist), unterbrachen einige Arbeiter an einem Julinachmittag 1974 ihre Arbeit. Dieser Akt der Arbeitsverweigerung ereignete sich in dem Dorf Kamieniec – früher Finckenstein – in der Nähe von Susz (Rosenberg). Was war geschehen?
Alles begann einige Tage zuvor in Iława (Deutsch Eylau), als ein neu eingestellter Feuerwehrmann vom Kommandanten angesprochen wurde: »Es gibt einen Job, Staszek, einen ungewöhnlichen Job – und man muss ihn nach Feierabend erledigen.« Oder wie man damals statt »Job« zu sagen pflegte: »einen gemeinnützigen Dienst«.
»Aber ich bin im Urlaub«, stöhnte der Angesprochene.
»Keine Ausreden! Stell das Team zusammen, es gibt wichtigere Dinge als Urlaub: Jungs – was sein muss, muss sein! Sonst gehen diese Skulpturen nach Danzig.«
Feuerwehrmann Stanisław Markowski versuchte, seine Kameraden zu überreden: »Ich habe bereits Kräne besorgt, ich habe auch Seile von der Schule bekommen; es wird einen Traktor mit Anhänger geben. Wir sind die Einzigen, die das machen können, denn wie ihr wisst – Feuerwehrleute können alles. Das ist so, als würde man eine Katze aus einem Baum holen, – na ja, vielleicht ist er ein bisschen höher, und ich schätze, diese ›Katze‹ wird mehr wiegen … äh … ok, es wird vier ›Katzen‹ geben. Aber das kriegen wir ohne Probleme hin!«
»Na gut – und wann ist diese Aktion?«
»Am Dritten, ich glaube, das ist Mitt …« – Er konnte dem Satz nicht beenden, weil seine Kollegen aufschrien: »Bist du verrückt ?!! Das gibt’s nicht !! Am Dritten ist das Halbfinalspiel, gerade am Nachmittag!«
»Meine Herren!«, sagte Staszek (obwohl er nach den Regeln »Genossen« hätte sagen müssen – damit ging man inzwischen aber schon weniger streng um), »es gibt wichtigere Dinge als das Spiel, außerdem machen ›die da oben‹ Druck. Aber irgendwie werden wir es schaffen, sowohl die Arbeit zu erledigen als auch das Spiel anzuschauen. Bestimmt gibt es in diesem Dorf einen Fernseher.«
»Machen wir Pause!«, sagte der verschwitzte Feuerwehrmann Staszek. »Wir bringen die anderen beiden Figuren nach dem Spiel runter. Ich habe gehört, sie haben einen Fernseher im Café. Es ist sehr heiß. Wir haben bereits einiges geschafft. Es ist ein Wunder, dass es so glatt lief.«
Es war Mittwoch, der 3. Juli 1974, gegen 16 Uhr. Es war ein sehr heißer, trockener Tag in Finckenstein … Zur selben Zeit ging in Frankfurt am Main ein starker Wolkenbruch nieder. Wasser schüttete eimerweise auf das Spielfeld des Waldstadions. Aus diesem Grund wurde das Spiel später als »Wasserschlacht von Frankfurt« bezeichnet. In diesem Spiel sollte entschieden werden, welche Nationalmannschaft – die westdeutsche, die des Gastgebers, oder die polnische – im Finale der Weltmeisterschaft stehen würde. Nach einem dramatischen Kampf und außergewöhnlichen Paraden der Torhüter Jan Tomaszewski, der einen Elfmeter abwehrte, und Sepp Maier, der seine Mannschaft in aussichtslosen Situationen rettete, gewann Deutschland mit 1 : 0.
Nach dem Spiel kehrten die Feuerwehrleute aus Deutsch Eylau zu ihrer Arbeit zurück. Sie holten aus den Palastruinen in Finckenstein die zwei Statuen, die noch übriggeblieben waren: Jupiter und Herkules. Es war eine höllisch schwierige Arbeit, denn die Statuen standen auf dem Dach des Schlosses, etliche Meter hoch. – Auch das Ergebnis des Spiels trug nicht zur Verbesserung der Stimmung bei.
Die Skulpturen
Im Park von Schloss Finckenstein gab es selbstverständlicherweise etliche Skulpturen. Sie wurden in den 1830er Jahren von einem unbekannten Bildhauer aus Sandstein gefertigt und gehörten zu den zahlreichen Attraktionen der Gartenanlage. Von den vieren, um die es hier geht, schmückten drei – Jupiter, Juno und Herkules – ursprünglich die Muschelgrotte. Die vierte – Medusa – entstand erst einige Jahre später. Um 1860 wurden alle vier auf den Mittelrisaliten der Gartenfassade gesetzt, die sie nun dekorativ krönten. Das war ihre erste »Reise« – die zweite ereignete sich 1974. Und sie war viel riskanter und länger als die erste, denn die Statuen mussten vertikal vom Dach heruntergenommen werden und dann – bereits in horizontaler Position – zunächst nach Warschau und von dort nach Deutsch-Eylau fahren.
Die Skulpturen stellen menschliche Figuren dar. Sie tragen – wie erwähnt – auch Namen. Dies aber ruft ein weiteres Problem hervor, denn diese Namen sind nicht eindeutig. Wir haben es definitiv mit zwei Männern und zwei Frauen zu tun. Auf der offiziellen Informationstafel, die die Stadtverwaltung von Deutsch Eylau am heutigen Standort angebracht hat, steht: Jupiter und Herkules sowie Juno und Medusa – drei Gottheiten und eine Gorgone aus der römischen bzw. griechischen Mythologie.
Allerdings wurden die gleichen Figuren noch in der Zeit, in der sie auf dem Dach des Schlosses standen, als »Allegorien der Jahreszeiten« bezeichnet. Die Männer an den beiden Rändern, die Frauen in der Mitte. Wie soll man sie zuordnen? Herbst, Winter, Frühling, Sommer? Außerdem gab es mindestens eine weitere allegorische Statue im Park – die des Wassers. Sie war auf jeden Fall noch vorhanden, als ein Architekt nach dem Krieg das Inventar des Anwesens für die zuständige Behörde aufnahm.
Die Verwirrung wird noch dadurch gesteigert, dass einige Quellen die Medusa als »Allegorie der Vernunft« bezeichnen. Auch im Falle von Juno gibt es gewisse Unsicherheiten. In einer Zeitung, die aus den 1970er Jahren, also der Zeit des Transports, stammt, wurden die weiblichen Skulpturen als »Allegorie des Wassers« und als »Providentia«, als Personifikation der Fürsorge, Vorsicht und Vorsehung identifiziert. Während die »Allegorie des Wassers« einen offensichtlichen Fehlschluss bildete, da diejenige aus dem Finckensteiner Park ein anderes Aussehen hatte, taucht die allegorische Deutung der Vernunft und deren Konnotationen aus dem Bereich der »Prudentia« häufiger auf und müsste dann mit dem Namen »Medusa« kompatibel sein.
Sobald wir die Skulpturen allerdings selbst in Augenschein nehmen, bieten sich die folgenden plausiblen Schlussfolgerungen an: Herkules hält einen massiven Streitkolben in der Hand, und neben dem Bein des Jupiter steht ein Adler, der dem Oberhaupt der römischen Götterwelt fest als Symbol zugeordnet ist. Diese beiden Fälle dürften damit eindeutig geklärt sein. Der Kopf einer Frau, in deren Haarschopf sich Schlangen zu winden scheinen, spricht auch dafür, diese Figur als »Medusa« zu bestimmen – aber war die Gorgone auch »vernünftig« oder »fürsorglich«? Die Identifizierung von Juno hingegen ist dank dem Attribut dieser Göttin – dem Pfau, der hinter ihrem Gewand hervorlugt – wiederum eindeutig.
Damit dürfte auch diese Frage zufriedenstellend beantwortet sein. Das städtische Unterrichtungsschild ist somit in hohem Maße vertrauenswürdig. Trotzdem lässt die Allegorese den Betrachtern freilich auch individuelle Deutungsspielräume. Aber es macht vermutlich Sinn, eher Juno als Personifikation der Vernunft und Vorsehung zu verstehen als Medusa; und noch ungewisser, wenn nicht abwegig dürfte die Assoziation des mythologischen Quartetts mit den vier Jahreszeiten sein.
Die Umsetzung
Glücklicherweise gab der Feuerwehrmann Stanislaw Markowski, der den Transport der Skulpturen leitete, der Presse und dem Rundfunk mehrere Interviews. (Sie bilden auch wesentliche Quellen für den vorliegenden Text.) Der Hauptinitiator der Aktion war der damalige Pfarrer Lucjan Gellert. Die Durchführung lag aber bei staatlichen Stellen, die auf lokaler Ebene durch den Stadtpräsidenten vertreten wurden. Da dieses Vorhaben inoffiziell umgesetzt wurde, musste es außerhalb der Dienstzeiten geschehen und machte einiges an Improvisation erforderlich.
Den deutschen Leser mag es wundernehmen, dass in einem Land, das sich zum Marxismus – und damit zum Atheismus – bekannte, ein Mann der Kirche so viel Einfluss hatte. Seit Dezember 1970 waren mit dem Ende der Herrschaft des Parteichefs Władysław Gomułka jedoch die Zeiten des erbitterten antireligiösen Kampfes vorbei; sein Nachfolger Edward Gierek war – wie es so schön hieß – offener »für den Dialog«. Außerdem gilt auch in diesem Zusammenhang, was der (1834 hingerichtete) Philosoph und Revolutionär Maurycy Mochnacki in die folgende prägnante Formulierung gefasst hat: »In Polen geschieht nichts bis zum Ende«. So gab es zwar einen »Sozialismus« – aber nicht wirklich konsequent.
Um es kurz zu machen: sowohl Pfarrer Gellert als auch die städtischen Behörden hatten Grund zur Eile. In Polen stand eine große Verwaltungsreform an, in deren Rahmen Finckenstein unter die »Obhut von Danzig« kommen sollte. Hätte man sich nicht beeilt und damit vollendete Tatsachen geschaffen, hätten die Statuen wahrscheinlich bald irgendeine andere Stadt in Pommerellen geschmückt. Oder vielleicht sogar Danzig selbst? Der Starost des Kreises Deutsch Eylau, Jerzy Chojnowski, holte deshalb zügig die entsprechenden Genehmigungen bei den höheren Behörden in Allenstein ein, um die Statuen nach Deutsch Eylau bringen zu dürfen. Es blieb freilich die technische Frage: Wer und vor allem – wie?
In solchen Situationen wurden normalerweise Feuerwehrleute angesprochen. Aber eine Person mit einer Leiter aus einem brennenden Gebäude zu retten oder eine Katze von einem Baum zu holen, sind andere Aufgaben, als mehrere hundert Kilogramm schwere, zerbrechliche (Sandstein-)Skulpturen aus einer Höhe von fast 18 Metern hinunterzulassen und zu verladen.
Gleichwohl wagten sich sowohl Berufs- als auch freiwillige Feuerwehrleute, mit Hilfe von zwei Kränen an diese Aufgabe. In Stanislaw Markowskis Erinnerungen heißt es dazu:
Zwei Kräne wurden eingesetzt, um die Statuen zu entfernen, ein Sechs- und ein Drei-Tonnen-Kran. Wir hoben die Statuen so behutsam wie möglich mit Hilfe von dicken Stahlseilen an, die wir aus der Sporthalle des heutigen Gymnasiums Nr. 1 ausleihen konnten. Der damalige Schulleiter war Herr Żak, und Herr Pikulski war Sportlehrer. Die Skulpturen wurden auf einen mit Stroh ausgekleideten Anhänger verladen. An dieser Stelle sei erwähnt, dass die kleinste der Skulpturen etwa 200 kg wiegt und die größeren, wie z. B. der Herkules mit der Keule, noch erheblich schwerer sind. Es war deshalb unvermeidlich, dass einige der Statuen beim Abtransport beschädigt wurden; leider handelte es sich nicht um Steinskulpturen, sondern um zerbrechlichen Sandstein.
Diese Beschädigungen – die insbesondere die Keule des Herkules betroffen haben sollen – bildeten den Grund dafür, dass die Skulpturen zunächst von Spezialisten der Denkmalschutzwerkstatt in Warschau in Obhut genommen werden mussten. Nach zwei Jahren kamen die restaurierten Skulpturen dann nach Deutsch Eylau und zieren dort, ab Sommer 1976, die Stadt, in deren Zentrum sie, umgeben von Blumenrabatten, auf dem Platz an der ul. Niepodległości, der früheren Kaiserstraße, stehen. Ursprünglich waren sie der Fahrbahn zugewandt, doch zu Beginn des 21. Jahrhunderts wurden sie um 180 Grad gedreht. Ihre Blickrichtung geht nun zur Flaniermeile hin, die entlang dem Stadtpark mit seinen Gastronomiebetrieben und dem – vor allem für Kinder sehr attraktiven – Froschbrunnen verläuft.
Die letzte Frage, die sich aus der Umsetzung der Skulpturen ergeben hat, betrifft die Sockel. Der Feuerwehrmann Markowski behauptete, dass sie aus dem Park von Schloss Finckenstein stammten. In den damaligen Presseartikeln, die über die Aktion berichteten, heißt es jedoch regelmäßig, dass die Postamente vom Steinmetzmeister Roman Florkiewicz aus Deutsch Eylau angefertigt worden seien. Die Entscheidung darüber, welche der beiden gegensätzlichen Darstellungen der Wahrheit entspricht, fällt nicht leicht: Die angeblich neu angefertigten Sockel unterscheiden sich nur geringfügig von denen aus Finckenstein, die auf Vorkriegsfotos zu sehen sind. Es wäre folglich nicht auszuschließen, dass Steinmetz Florkiewicz die aus dem Schlossgarten mitgebrachten Piedestale lediglich restauriert hat. In diesem Falle erschiene jener Widerspruch deutlich abgemildert; beide Schilderungen könnten sogar jeweils für sich eine gewisse Plausibilität gewinnen. Die tatsächlichen Zusammenhänge lassen sich heute jedenfalls nicht mehr dokumentieren; und Roman Florkiewicz selbst konnte dazu nachträglich auch nicht mehr befragt werden, denn er ist schon ein Jahr nach dem Aufstellen der Figuren gestorben.
Coda
Heute erfreuen sich die Bürger und Touristen weiterhin an den Skulpturen. Dabei mag es tröstlich wirken, dass die Figuren einen eigenen, exponierten Platz gefunden haben, während sich das Schloss, aus dem sie stammen, seit Jahrzehnten in einem deplorablen Zustand befindet. Allerdings sind auch die Statuen vom Verfall bedroht. Bisherige fragmentarische Restaurierungsarbeiten haben nicht viel geholfen; eine vollständige und kostspielige Restaurierung ist aber auch problematisch. Selbst wenn sie gelänge, blieben die Gefährdungen durch den Standort bestehen. Nach Meinung von Experten ist die Nähe zur stark befahrenen Straße dem Erhalt der mythologischen Helden und Heldinnen nicht gerade förderlich. Offenbar sind sie dort quasi vom Nachschub an ihren Grundnahrungsmitteln – Nektar und Ambrosia – vollständig abgeschnitten. So lässt ihr Teint zunehmend die Zeichen des Alterns erkennen.
Was bleibt, wäre allein ein neuerlicher Umzug: an einen Standort, der für Sandsteinskulpturen wohltuender wäre. Dies könnte sogar eine Option sein, die sich tatsächlich ziehen lässt. Der derzeitige Privateigentümer der Schlossruine hat bereits erste Bemühungen unternommen, die Statuen zurückzugewinnen.
So könnte es durchaus sein, dass sich der Kreis harmonisch schließt und die mythologischen Figuren auf ihren angestammten Platz, auf den Mittelrisaliten des dann restaurierten Schlosses Finckenstein, zurückkehren – vielleicht geschieht dies dann sogar zu einer Zeit, in der es bei einer nächsten Weltmeisterschaft neuerlich zu einem Halbfinale zwischen Polen und Deutschland kommt. st





