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Titel von WP 3 2025, Westpreußen, Ansicht von Danzig im Sonnenuntergang, Vordergrund Bäume, Mittelgrund Kirchgebäude, Hintergrund Himmel und Industrieanlagen

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Was die Statuen von Deutsch Eylau erzählen könnten

Was die Statuen von Deutsch Eylau erzählen könnteng zur Ortsgeschichte des Kreises Pr. Stargard

Von Krzysztof Tomaszewski

Präludium

In einem Land, das von seinen früheren Bewohnern Oberland bezeichnet wurde und später in »Powiśle« (Unteres Weich­seltal) umbenannt wurde (was nicht gänzlich adäquat ist), unter­brachen ­einige Arbeiter an einem Julinach­mittag 1974 ihre Arbeit. Dieser Akt der Arbeits­ver­wei­gerung ereignete sich in dem Dorf Kamieniec – früher Fincken­stein – in der Nähe von Susz (Rosenberg). Was war geschehen?

Alles begann einige Tage zuvor in Iława (Deutsch Eylau), als ein neu einge­stellter Feuer­wehrmann vom Komman­danten angesprochen wurde: »Es gibt einen Job, Staszek, einen ungewöhn­lichen Job – und man muss ihn nach Feier­abend erledigen.« Oder wie man damals statt »Job« zu sagen pflegte: »einen gemein­nüt­zigen Dienst«.

»Aber ich bin im Urlaub«, stöhnte der Angesprochene.

»Keine Ausreden! Stell das Team zusammen, es gibt wichtigere Dinge als Urlaub: Jungs – was sein muss, muss sein! Sonst gehen diese Skulp­turen nach Danzig.«

Feuer­wehrmann Stanisław Markowski versuchte, seine Kameraden zu überreden: »Ich habe bereits Kräne besorgt, ich habe auch Seile von der Schule bekommen; es wird einen Traktor mit Anhänger geben. Wir sind die Einzigen, die das machen können, denn wie ihr wisst – Feuer­wehr­leute können alles. Das ist so, als würde man eine Katze aus einem Baum holen, – na ja, vielleicht ist er ein bisschen höher, und ich schätze, diese ›Katze‹ wird mehr wiegen … äh … ok, es wird vier ›Katzen‹ geben. Aber das kriegen wir ohne Probleme hin!«

»Na gut – und wann ist diese Aktion?«

»Am Dritten, ich glaube, das ist Mitt …« – Er konnte dem Satz nicht beenden, weil seine Kollegen aufschrien: »Bist du verrückt ?!! Das gibt’s nicht !! Am Dritten ist das Halbfi­nal­spiel, gerade am Nachmittag!«

»Meine Herren!«, sagte Staszek (obwohl er nach den Regeln »Genossen« hätte sagen müssen – damit ging man inzwi­schen aber schon weniger streng um), »es gibt wichtigere Dinge als das Spiel, außerdem machen ›die da oben‹ Druck. Aber irgendwie werden wir es schaffen, sowohl die Arbeit zu erledigen als auch das Spiel anzuschauen. Bestimmt gibt es in diesem Dorf einen Fernseher.«

»Machen wir Pause!«, sagte der verschwitzte Feuer­wehrmann Staszek. »Wir bringen die anderen beiden Figuren nach dem Spiel runter. Ich habe gehört, sie haben einen Fernseher im Café. Es ist sehr heiß. Wir haben bereits einiges geschafft. Es ist ein Wunder, dass es so glatt lief.«

Es war Mittwoch, der 3. Juli 1974, gegen 16 Uhr. Es war ein sehr heißer, trockener Tag in Fincken­stein … Zur selben Zeit ging in Frankfurt am Main ein starker Wolken­bruch nieder. Wasser schüttete eimer­weise auf das Spielfeld des Waldsta­dions. Aus diesem Grund wurde das Spiel später als »Wasser­schlacht von Frankfurt« bezeichnet. In diesem Spiel sollte entschieden werden, welche Natio­nal­mann­schaft – die westdeutsche, die des Gastgebers, oder die polnische – im Finale der Weltmeis­ter­schaft stehen würde. Nach einem drama­ti­schen Kampf und außer­ge­wöhn­lichen Paraden der Torhüter Jan Tomaszewski, der einen Elfmeter abwehrte, und Sepp Maier, der seine Mannschaft in aussichts­losen Situa­tionen rettete, gewann Deutschland mit 1 : 0.

Nach dem Spiel kehrten die Feuer­wehr­leute aus Deutsch Eylau zu ihrer Arbeit zurück. Sie holten aus den Palast­ruinen in Fincken­stein die zwei Statuen, die noch übrig­ge­blieben waren: Jupiter und Herkules. Es war eine höllisch schwierige Arbeit, denn die Statuen standen auf dem Dach des Schlosses, etliche Meter hoch. – Auch das Ergebnis des Spiels trug nicht zur Verbes­serung der Stimmung bei.

Die Skulp­turen

Im Park von Schloss Fincken­stein gab es selbst­ver­ständ­li­cher­weise etliche Skulp­turen. Sie wurden in den 1830er Jahren von einem unbekannten Bildhauer aus Sandstein gefertigt und gehörten zu den zahlreichen Attrak­tionen der Garten­anlage. Von den vieren, um die es hier geht, schmückten drei – Jupiter, Juno und Herkules – ursprünglich die Muschel­grotte. Die vierte – Medusa – entstand erst einige Jahre später. Um 1860 wurden alle vier auf den Mittel­ri­sa­liten der Garten­fassade gesetzt, die sie nun dekorativ krönten. Das war ihre erste »Reise« – die zweite ereignete sich 1974. Und sie war viel riskanter und länger als die erste, denn die Statuen mussten vertikal vom Dach herun­ter­ge­nommen werden und dann – bereits in horizon­taler Position – zunächst nach Warschau und von dort nach Deutsch-Eylau fahren.

Die Skulp­turen stellen mensch­liche Figuren dar. Sie tragen – wie erwähnt – auch Namen. Dies aber ruft ein weiteres Problem hervor, denn diese Namen sind nicht eindeutig. Wir haben es definitiv mit zwei Männern und zwei Frauen zu tun. Auf der offizi­ellen Infor­ma­ti­ons­tafel, die die Stadt­ver­waltung von Deutsch Eylau am heutigen Standort angebracht hat, steht: Jupiter und Herkules sowie Juno und Medusa – drei Gottheiten und eine Gorgone aus der römischen bzw. griechi­schen Mythologie. 

Aller­dings wurden die gleichen Figuren noch in der Zeit, in der sie auf dem Dach des Schlosses standen, als »Allegorien der Jahres­zeiten« bezeichnet. Die Männer an den beiden Rändern, die Frauen in der Mitte. Wie soll man sie zuordnen? Herbst, Winter, Frühling, Sommer? Außerdem gab es mindestens eine weitere allego­rische Statue im Park – die des Wassers. Sie war auf jeden Fall noch vorhanden, als ein Architekt nach dem Krieg das Inventar des Anwesens für die zuständige Behörde aufnahm.

Die Verwirrung wird noch dadurch gesteigert, dass einige Quellen die Medusa als »Allegorie der Vernunft« bezeichnen. Auch im Falle von Juno gibt es gewisse Unsicher­heiten. In einer Zeitung, die aus den 1970er Jahren, also der Zeit des Trans­ports, stammt, wurden die weiblichen Skulp­turen als »Allegorie des Wassers« und als »Provi­dentia«, als Perso­ni­fi­kation der Fürsorge, Vorsicht und Vorsehung identi­fi­ziert. Während die »Allegorie des Wassers« einen offen­sicht­lichen Fehlschluss bildete, da diejenige aus dem Fincken­steiner Park ein anderes Aussehen hatte, taucht die allego­rische Deutung der Vernunft und deren Konno­ta­tionen aus dem Bereich der »Prudentia« häufiger auf und müsste dann mit dem Namen »Medusa« kompa­tibel sein.

Sobald wir die Skulp­turen aller­dings selbst in Augen­schein nehmen, bieten sich die folgenden plausiblen Schluss­fol­ge­rungen an: Herkules hält einen massiven Streit­kolben in der Hand, und neben dem Bein des Jupiter steht ein Adler, der dem Oberhaupt der römischen Götterwelt fest als Symbol zugeordnet ist. Diese beiden Fälle dürften damit eindeutig geklärt sein. Der Kopf einer Frau, in deren Haarschopf sich Schlangen zu winden scheinen, spricht auch dafür, diese Figur als »Medusa« zu bestimmen – aber war die Gorgone auch »vernünftig« oder »fürsorglich«? Die Identi­fi­zierung von Juno hingegen ist dank dem Attribut dieser Göttin – dem Pfau, der hinter ihrem Gewand hervorlugt – wiederum eindeutig. 

Damit dürfte auch diese Frage zufrie­den­stellend beant­wortet sein. Das städtische Unter­rich­tungs­schild ist somit in hohem Maße vertrau­ens­würdig. Trotzdem lässt die Allegorese den Betrachtern freilich auch indivi­duelle Deutungs­spiel­räume. Aber es macht vermutlich Sinn, eher Juno als Perso­ni­fi­kation der Vernunft und Vorsehung zu verstehen als Medusa; und noch ungewisser, wenn nicht abwegig dürfte die Assoziation des mytho­lo­gi­schen Quartetts mit den vier Jahres­zeiten sein.

Die Umsetzung

Glück­li­cher­weise gab der Feuer­wehrmann Stanislaw Markowski, der den Transport der Skulp­turen leitete, der Presse und dem Rundfunk mehrere Inter­views. (Sie bilden auch wesent­liche Quellen für den vorlie­genden Text.) Der Haupt­in­itiator der Aktion war der damalige Pfarrer Lucjan Gellert. Die Durch­führung lag aber bei staat­lichen Stellen, die auf lokaler Ebene durch den Stadt­prä­si­denten vertreten wurden. Da dieses Vorhaben inoffi­ziell umgesetzt wurde, musste es außerhalb der Dienst­zeiten geschehen und machte einiges an Impro­vi­sation erforderlich.

Den deutschen Leser mag es wunder­nehmen, dass in einem Land, das sich zum Marxismus – und damit zum Atheismus – bekannte, ein Mann der Kirche so viel Einfluss hatte. Seit Dezember 1970 waren mit dem Ende der Herrschaft des Partei­chefs Władysław Gomułka jedoch die Zeiten des erbit­terten antire­li­giösen Kampfes vorbei; sein Nachfolger Edward Gierek war – wie es so schön hieß – offener »für den Dialog«. Außerdem gilt auch in diesem Zusam­menhang, was der (1834 hinge­richtete) Philosoph und Revolu­tionär Maurycy Mochnacki in die folgende prägnante Formu­lierung gefasst hat: »In Polen geschieht nichts bis zum Ende«. So gab es zwar einen »Sozia­lismus« – aber nicht wirklich konsequent.

Um es kurz zu machen: sowohl Pfarrer Gellert als auch die städti­schen Behörden hatten Grund zur Eile. In Polen stand eine große Verwal­tungs­reform an, in deren Rahmen Fincken­stein unter die »Obhut von Danzig« kommen sollte. Hätte man sich nicht beeilt und damit vollendete Tatsachen geschaffen, hätten die Statuen wahrscheinlich bald irgendeine andere Stadt in Pomme­rellen geschmückt. Oder vielleicht sogar Danzig selbst? Der Starost des Kreises Deutsch Eylau, Jerzy Chojnowski, holte deshalb zügig die entspre­chenden Geneh­mi­gungen bei den höheren Behörden in Allen­stein ein, um die Statuen nach Deutsch Eylau bringen zu dürfen. Es blieb freilich die technische Frage: Wer und vor allem – wie? 

In solchen Situa­tionen wurden norma­ler­weise Feuer­wehr­leute angesprochen. Aber eine Person mit einer Leiter aus einem brennenden Gebäude zu retten oder eine Katze von einem Baum zu holen, sind andere Aufgaben, als mehrere hundert Kilogramm schwere, zerbrech­liche (Sandstein-)Skulpturen aus einer Höhe von fast 18 Metern hinun­ter­zu­lassen und zu verladen.

Gleichwohl wagten sich sowohl Berufs- als auch freiwillige Feuer­wehr­leute, mit Hilfe von zwei Kränen an diese Aufgabe. In Stanislaw Markowskis Erinne­rungen heißt es dazu: 

Zwei Kräne wurden einge­setzt, um die Statuen zu entfernen, ein Sechs- und ein Drei-Tonnen-Kran. Wir hoben die Statuen so behutsam wie möglich mit Hilfe von dicken Stahl­seilen an, die wir aus der Sport­halle des heutigen Gymna­siums Nr. 1 ausleihen konnten. Der damalige Schul­leiter war Herr Żak, und Herr Pikulski war Sport­lehrer. Die Skulp­turen wurden auf einen mit Stroh ausge­klei­deten Anhänger verladen. An dieser Stelle sei erwähnt, dass die kleinste der Skulp­turen etwa 200 kg wiegt und die größeren, wie z. B. der Herkules mit der Keule, noch erheblich schwerer sind. Es war deshalb unver­meidlich, dass einige der Statuen beim Abtransport beschädigt wurden; leider handelte es sich nicht um Stein­skulp­turen, sondern um zerbrech­lichen Sandstein.

Diese Beschä­di­gungen – die insbe­sondere die Keule des Herkules betroffen haben sollen – bildeten den Grund dafür, dass die Skulp­turen zunächst von Spezia­listen der Denkmal­schutz­werk­statt in Warschau in Obhut genommen werden mussten. Nach zwei Jahren kamen die restau­rierten Skulp­turen dann nach Deutsch Eylau und zieren dort, ab Sommer 1976, die Stadt, in deren Zentrum sie, umgeben von Blumen­ra­batten, auf dem Platz an der ul. Niepod­le­głości, der früheren Kaiser­straße, stehen. Ursprünglich waren sie der Fahrbahn zugewandt, doch zu Beginn des 21. Jahrhun­derts wurden sie um 180 Grad gedreht. Ihre Blick­richtung geht nun zur Flanier­meile hin, die entlang dem Stadtpark mit seinen Gastro­no­mie­be­trieben und dem – vor allem für Kinder sehr attrak­tiven – Frosch­brunnen verläuft.

Die letzte Frage, die sich aus der Umsetzung der Skulp­turen ergeben hat, betrifft die Sockel. Der Feuer­wehrmann Markowski behauptete, dass sie aus dem Park von Schloss Fincken­stein stammten. In den damaligen Presse­ar­tikeln, die über die Aktion berich­teten, heißt es jedoch regel­mäßig, dass die Posta­mente vom Stein­metz­meister Roman Florkiewicz aus Deutsch Eylau angefertigt worden seien. Die Entscheidung darüber, welche der beiden gegen­sätz­lichen Darstel­lungen der Wahrheit entspricht, fällt nicht leicht: Die angeblich neu angefer­tigten Sockel unter­scheiden sich nur gering­fügig von denen aus Fincken­stein, die auf Vorkriegs­fotos zu sehen sind. Es wäre folglich nicht auszu­schließen, dass Steinmetz Florkiewicz die aus dem Schloss­garten mitge­brachten Piedestale lediglich restau­riert hat. In diesem Falle erschiene jener Wider­spruch deutlich abgemildert; beide Schil­de­rungen könnten sogar jeweils für sich eine gewisse Plausi­bi­lität gewinnen. Die tatsäch­lichen Zusam­men­hänge lassen sich heute jeden­falls nicht mehr dokumen­tieren; und Roman Florkiewicz selbst konnte dazu nachträglich auch nicht mehr befragt werden, denn er ist schon ein Jahr nach dem Aufstellen der Figuren gestorben.

Coda

Heute erfreuen sich die Bürger und Touristen weiterhin an den Skulp­turen. Dabei mag es tröstlich wirken, dass die Figuren einen eigenen, exponierten Platz gefunden haben, während sich das Schloss, aus dem sie stammen, seit Jahrzehnten in einem deplo­rablen Zustand befindet. Aller­dings sind auch die Statuen vom Verfall bedroht. Bisherige fragmen­ta­rische Restau­rie­rungs­ar­beiten haben nicht viel geholfen; eine vollständige und kostspielige Restau­rierung ist aber auch proble­ma­tisch. Selbst wenn sie gelänge, blieben die Gefähr­dungen durch den Standort bestehen. Nach Meinung von Experten ist die Nähe zur stark befah­renen Straße dem Erhalt der mytho­lo­gi­schen Helden und Heldinnen nicht gerade förderlich. Offenbar sind sie dort quasi vom Nachschub an ihren Grund­nah­rungs­mitteln – Nektar und Ambrosia – vollständig abgeschnitten. So lässt ihr Teint zunehmend die Zeichen des Alterns erkennen. 

Was bleibt, wäre allein ein neuer­licher Umzug: an einen Standort, der für Sandstein­skulp­turen wohltu­ender wäre. Dies könnte sogar eine Option sein, die sich tatsächlich ziehen lässt. Der derzeitige Privat­ei­gen­tümer der Schloss­ruine hat bereits erste Bemühungen unter­nommen, die Statuen zurückzugewinnen.

So könnte es durchaus sein, dass sich der Kreis harmo­nisch schließt und die mytho­lo­gi­schen Figuren auf ihren angestammten Platz, auf den Mittel­ri­sa­liten des dann restau­rierten Schlosses Fincken­stein, zurück­kehren – vielleicht geschieht dies dann sogar zu einer Zeit, in der es bei einer nächsten Weltmeis­ter­schaft neuerlich zu einem Halbfinale zwischen Polen und Deutschland kommt. st